Management

Genialer Visionär und eitler Poseur

Steve Jobs ist so schnell nicht aus der Bahn zu werfen. Auch der steil in die Tiefe fallende Aktienkurs von Apple kann dem Optimismus des Unternehmenschefs nichts anhaben.

Apple Computer macht seinen Aktionären und Anhängern gegenwärtig wenig Freude. Der Aktienkurs des kalifornischen Unternehmens verlor an einem Tag Ende September binnen weniger Stunden mehr als die Hälfte seines Wertes und hat sich seither nicht wieder erholt. Anlass des Debakels war die Mitteilung, dass Apple im letzten Quartal den geplanten Umsatz nicht erreichen, und dass der Gewinn nur 110 Mio. Dollar statt der von Wall Street erwarteten 165 Mio. Dollar betragen werde.
Apples´ charismatischer Chef Steve Jobs, der das Unternehmen 1976 mitgegründet, es Ende 1996 vor einem Zusammenbruch bewahrt und seither in einen bemerkenswerten Aufschwung geführt hatte, nahm die schlechte Nachricht gelassen auf. Er zeigte sich zwar „enttäuscht über die Verlangsamung“, sieht darin aber nur einen „Speed Bump“, der das Unternehmen nicht lange aufhalten kann. Andere sind da skeptischer: „Dies ist das Ende des Apple-Comeback“, verkündete Paine Webber-Analyst Don Young und sein Kollege Charles Wolf von Warburg Dillon Read meint: „Apple ist gegen eine Wand gefahren.“ Das lasse „nichts Gutes ahnen“.
Vieles spricht dennoch dafür, dass die Gelassenheit von Jobs, der als ein großer Showman der Branche gilt, nicht gespielt ist. Er hat in seinem Leben schon größere Karrierehindernisse überwunden. So musste er vor 15 Jahren nach einem kometenhaften Aufstieg die Silicon Valley-Bühne unfreiwillig verlassen und kehrte doch zurück. Talent zur Selbstdarstellung allein reicht zu solch einem Kraftakt nicht, da sind auch außergewöhnliche unternehmerische Qualitäten im Spiel.
Jobs verweist darauf, dass auch andere Unternehmen der Branche wie Intel oder Dell Computer einen Gang zurückschalten mussten und vom Aktienmarkt in ähnlicher Weise bestraft wurden. Aber während sich auch unter Computerfans niemand ernstlich für Lebensstil und Charakter von etwa Michael Dell interessiert, gelten für Apple und Jobs andere Regeln. Sie haben immer ein Maß an Aufmerksamkeit auf sich gezogen, das weit über die Marktbedeutung des Unternehmens hinausgeht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Apple anders als die Konkurrenz nicht nur Hardware und Software herstellt, sondern, weil es Symbole produziert. Für Jobs ist die „Ästhetik seiner Computer immer wichtiger gewesen als die Gewinn- und Verlustrechnung“, wie das Wirtschaftsmagazin Business Week schreibt. Er wolle, so soll er einmal gesagt haben, „nicht den Ford sondern den Porsche der Computer bauen“.
Für seine vielen Bewunderer wie für seine zahlreichen Gegner ist Jobs immer rätselhaft geblieben. So wie sein Lebensstil mit seiner Neigung zum Hippietum und der Vorliebe an Vegetarischem zwischen frugal und aufwendig pendelt, sehen sie auf der einen Seite einen brillanten Visionär und auf der anderen einen arroganten, autokratischen Poseur. Er wird als liebenswürdig und zuvorkommend, überzeugend und unwiderstehlich beschrieben, als Mann mit grenzenloser Energie und zugleich als eitel, ungeduldig, rüde und rücksichtslos.
Trotz aller Genialität zog Apple gegenüber Microsoft aber den kürzeren. Für die Karriere von Jobs hatte diese Entwicklung drastische Konsequenzen. Der Board of Directors, mit dem er schon seit Jahren Probleme hatte, drängte ihn 1985 aus dem Unternehmen. Jobs, gerade 30 Jahre alt, war nun berühmt und reich, aber arbeitslos.
Er wollte sich jedoch nicht wie viele andere Silicon Valley-Neureiche in ein sorgloses Leben in Luxus zurückziehen. Statt dessen setzte er sein beträchtliches Vermögen – damals auf rund 100 Mio. Dollar geschätzt – dazu ein, neue Computer zu entwickeln. Sein Lieblingsprojekt wurde „Next“, ein Computer, der trotz technischer und ästhetischer Brillanz nur wenige Käufer fand, weil er zu teuer war. Mehr Glück hatte Jobs mit der Firma Pixar, die er weiterhin leitet. Sie ist auf Computeranimation spezialisiert und hatte großen Erfolg mit dem Film „Toy Story“. Als er das Unternehmen an die Börse brachte, wurde er zum Milliardär.
Aber sein eigentliches Comeback begann erst, als der Apple Board ihn Ende 1996 bat, zu dem Unternehmen zurückzukehren. Apples Weg ohne den Mitbegründer hatte sich als wenig erfolgreich erwiesen, und der Gang zum Konkursrichter oder ein Verkauf an Motorola oder Sony, die angeblich Interesse gezeigt hatten, schien nicht mehr ausgeschlossen. Jobs nahm die Herausforderung an, zunächst als „interim“-Chef für ein Jahresgehalt von einem Dollar. Seit Beginn dieses Jahres freut er sich über ein Entlohnungs-Paket aus Aktien-Optionen, dessen Wert mit 870 Mio. Dollar angegeben wurde.
Was er seit seiner Rückkehr zustande gebracht hat, wird auch von seinen Widersachern als Mirakel angesehen. Apple ist zwar immer noch ein Nischenproduzent, aber die Nische hat sich deutlich vergrößert. Jobs hat die Kosten dramatisch gesenkt, die Zahl der Produktlinien verringert und mit dem iMac, dem iBook sowie dem Powermac Cube attraktive neue Geräte auf den Markt gebracht. Der Umsatz kletterte im letzten Geschäftsjahr um 18 % auf 6 Mrd. Dollar. Der Aktienkurs hatte sich unter seiner Leitung verachtfacht davon sind nach der Entwicklung dieses Sommers und durch den Kurssturz Ende September 70 % wieder verloren. Inzwischen bereitet Jobs die Computerwelt auf die Einführung des lange erwarteten neuen Betriebssystems MacOS X im nächsten Jahr vor. Testversionen haben gute Besprechungen erhalten.
Aber Jobs muss auch den „Speed Bump“ überwinden. Wie es scheint, leidet der neue Powermac Cube trotz glänzender Urteile der Fachpresse sowie technischer und gestalterischer Eleganz unter dem gleichen Problem wie der „Next“: Er ist zu teuer und hat dadurch zur Verfehlung der Wachstumsziele beigetragen. Darüber hinaus muss Jobs für die Apple Computer größere Kundenkreise erschließen, wenn der Anschluss nicht wieder verpasst werden soll.
Jobs wäre aber nicht Jobs, würde er die Zukunft in düsteren Farben malen. „Wir haben viele neue Produkte in der Pipeline. Ich sehe unsere Zukunft positiv“, meint der Kalifornier. GERD BRÜGGEMANN

Karriere begann in der Garage

Steve Jobs wurde 1955 in Los Gatos, rund 80 km südlich von San Francisco, geboren. 1976 gründete er mit seinem Freund Steve Wozniak Apple Computer, nachdem sie in der sprichwörtlichen Garage den ersten brauchbaren Heim-Computer entwickelt hatten. Einige Jahre später folgte das viel bewunderte Macintosh-Betriebssystem, das statt umständlicher Text-Kommandos graphische Zeichen sowie eine Maus benutzt. Die Branchenlegende berichtet, Steve Jobs sei damals davon überzeugt gewesen, dass dies der Industrie-Standard werden würde. Aber diese Rolle fiel dem Nachahmer Microsoft mit Windows zu. Apple Computer dagegen wurden Nischenprodukte. Für Steve Jobs bedeute dies den vorläufigen Rückzug von der Apple-Bühne. GB

Von Gerd Brüggemann
Von Gerd Brüggemann

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