Personalmanagement

Für die größten Firmen die besten Studenten  

VDI nachrichten, Hannover, 8. 6. 07, ws – Im Wettbewerb um hoch qualifizierten Nachwuchs haben große Unternehmen die Nase vorn. Sie sichern sich im großen Stil bereits vorzeitig Studierende, wie das Beispiel Niedersachsen zeigt. Kleine und mittelständische Unternehmen haben meist nicht die Ressourcen, um sich auf solch frühe Bindungen einzulassen. Die Aufwertung der Berufsakademien kann hier Abhilfe leisten.

Davon träumt wohl mancher Unternehmer: Dass er sich sein hoch qualifiziertes Personal selbst züchten kann. Doch diesen Traum erfüllen können sich nur wenige, hauptsächlich Großkonzerne.

Seit einigen Jahren leisten sie sich immer häufiger nicht nur eigene Corporate Universities. Gemeinsam mit staatlichen Hochschulen bilden sie gleichzeitig wissenschaftlich und praktisch qualifizierten Nachwuchs aus. Das System heißt „duales Studium“ oder „Studium im Praxisverbund“.

Es sichert dem Unternehmen langfristig exzellente Ingenieure, schmälert aber auch das Hochqualifizierten-Reservoir ganzer Regionen – oder gar Europas, wie die selbstbewusste Ankündigung von Horst Neumann, Personalvorstand der Volkswagen AG, vermuten lässt: „VW wird einer der attraktivsten Arbeitgeber Europas dazu gehört, dass wir die besten Bewerber an Bord holen und unterstützen.“

Die VW-Offensive heißt „StiP“, Studium im Praxisverbund, und bietet jungen Menschen mit gutem Abitur, mindestens einem studiengangsnahen Leistungskurs und „viel Lust auf Technik und Auto“ eine Doppelqualifizierung: In sieben Semestern erwerben StiP-Studierende sowohl einen Hochschulabschluss als auch einen IHK-Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf.

Durch diese Kombination kann den Lernenden eine Ausbildungsvergütung gezahlt und ein späterer Arbeitsplatz versprochen werden. VW trägt die Studiengebühren für den StiP-Nachwuchs, der an Hochschulen, mit denen VW kooperiert, studieren kann. Zur Auswahl stehen Fachrichtungen wie Maschinenbau, Fahrzeuginformatik, Logistikmanagement, Technischer Vertrieb oder Betriebswirtschaft. Zurzeit studieren 500 Nachwuchskräfte im Rahmen des StiP-Programms in diesem Jahr kommen weitere 250 dazu.

Ein Win-win-Verfahren für Studierende, die leistungsbereit sind und langfristig Planungssicherheit anstreben, und für das Unternehmen, das unabhängig von Schwankungen des Arbeitsmarkts bedarfsgerecht ausgebildeten und praxiserfahrenen Nachwuchs gewinnt.

Potenzielle Verlierer sind die kleinen und mittelständischen Firmen (KMU). Denn im VW-Land Niedersachsen locken noch weitere große Unternehmen mit einem dualen Studium, etwa der Technologiekonzern Sartorius in Göttingen, der gemeinsam mit mehreren Hochschulen ebenfalls technische Studiengänge im Praxisverbund anbietet.

Auch die Sartorius-Studenten, die wöchentlich je zweieinhalb Tage fürs Studium und für den Betrieb arbeiten, erhalten eine Ausbildungsvergütung, bislang 660 € im Monat. Nach zwei Jahren machen sie den Abschluss bei der IHK. Für die Zeit des restlichen Vollzeit-Studiums schließt Sartorius einen weiteren Vertrag ab.

„Diese jungen Menschen werden zu richtigen Sartorianern“, freut sich Kommunikationsleiterin Petra Kirchhoff. Jedenfalls entfallen teure Einarbeitungszeiten. Und die Absolventen bleiben dem Ausbildungsbetrieb in der Regel mindestens fünf Jahre treu, wie eine Umfrage der WelfenAkademie in Braunschweig zeigt.

Im Prinzip ermöglichen Berufsakademien in Niedersachsen inzwischen auch KMU ein vergleichbares duales Studienangebot, da einige, wie die WelfenAkademie, Hochschulgrade vergeben. Die niedersächsischen Berufsakademien sind staatlich anerkannte Einrichtungen nichtstaatlicher Träger. Sie vermitteln eine mindestens dreijährige wissenschaftsbezogene und gleichzeitig praxisorientierte berufliche Bildung.

Das Studium dauert meist zehn Wochen pro Halbjahr; nach zwei Jahren findet die IHK-Prüfung im Ausbildungsberuf statt. Seit 2004 können sie Studiengänge akkreditieren lassen und damit Bachelor-Abschlüsse vergeben, die Hochschulgraden entsprechen und zu einem universitären Master-Studium berechtigen.

Ermöglicht wird die Aufwertung der Abschlüsse an Berufsakademien durch den Bologna-Prozess. Doch die stille Revolution, die langfristig auch die Bildungslandschaft verändern könnte, läuft über das duale Studium, das Konzerne im großen Stil in Kooperation mit Hochschulen bieten.

Bei diesem Wandel mischen jene Unternehmen aktiv mit, die sich auch Corporate Universities leisten können. Die firmeneigene Weiterbildung spielt im Zuge der gestuften Studiengänge Bachelor und Master eine wachsende Rolle – und steigert das Unternehmensimage. R. KUNTZ-BRUNNER

 

 

Von R. Kuntz-Brunner
Von R. Kuntz-Brunner

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