Studie

„Flexibilisierungsprozess ist beinahe abgeschlossen“

Deutsche Unternehmen nutzen verschiedene Formen flexibler Arbeitsstrukturen. Neun von zehn setzen beispielsweise Zeitarbeiter oder Freelancer ein, so das Ergebnis einer Studie des Ludwigshafener Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) im Auftrag des Beratungsunternehmens Hays. Die VDI nachrichten sprachen mit Institutsleiterin Jutta Rump.

VDI nachrichten: Frau Rump, wie lautet das wesentliche Ergebnis der Untersuchungen?

RUMP: 90 % der deutschen Unternehmen nutzen flexible Beschäftigungsformen wie befristete Arbeitsverträge, Zeitarbeiter oder Einsatz von Freelancern. Lediglich 7 % gründen Drittunternehmen im Ausland. Die erste Grundaussage dieser Studie lautet deshalb: Je komplexer die flexible Arbeitsstruktur, desto weniger wird sie genutzt.

Und die zweite?

Die Unternehmen haben ihre Arbeitsstrukturen flexibilisiert und diesen Prozess weitestgehend abgeschlossen. Ein Beispiel: 37 % der Unternehmen haben Shared Service Center eingerichtet, indem sie Funktionen und Tätigkeiten, die bisher in verschiedenen Abteilungen erfüllt wurden, an einer zentralen Stelle zusammengefasst haben. Aber nur noch 6 % der Befragten wollen sich künftig mit diesem Thema auseinandersetzen.

Ganz extrem ist das beim Thema Projektwirtschaft. Vier Fünftel der Betriebe haben zumindest in Teilen des Unternehmens Projektarbeit eingeführt, aber für ein Fünftel kommt das auch künftig nicht in Frage.

Gibt es Unterschiede zwischen den Branchen?

Nicht signifikant. Obwohl wir sagen können, dass Branchen, die schnell reagieren müssen und starken wirtschaftlichen Schwankungen ausgesetzt sind, wie beispielsweise die IT, am ehesten auf flexible Lösungen angewiesen sind.

Dagegen denken die Finanz- und Versicherungsbranche und selbst die Altindustrie mit einem verlässlicheren und langsameren Markt stärker in festen Arbeitsverhältnissen.

Lässt sich das auch auf unterschiedliche Abteilungen innerhalb eines Unternehmens übertragen?

Eindeutig. In der Rechtsabteilung, dem Finanzwesen und der Personalabteilung werden selten bis nie flexible Arbeitsformen genutzt. Die Zahlen schwanken zwischen 83 % und 87 %.

In den dynamischen Abteilungen wird dagegen auf flexible Beschäftigungsverhältnisse zurückgegriffen, vor allem in Produktion und Fertigung (72 %), der IT (44 %) sowie Logistik (40 %).

Das deckt sich mit einer Erkenntnis aus der Krise: Unternehmen setzen auf eine Kernmannschaft und kaufen sich nach Bedarf Satelliten dazu, um einerseits Wissen im Unternehmen zu halten und andererseits schnell und effizient auf Marktschwankungen reagieren zu können.

Ingenieure leben demnach vor allem in flexiblen Arbeitsverhältnissen?

Das könnte man denken, weil sie in entsprechenden Abteilungen arbeiten. Meines Erachtens sind sie aber wegen des Fachkräftemangels wesentlich weniger betroffen. Hat ein Unternehmen einen Ingenieur gefunden, wird es ihn in aller Regel langfristig binden wollen.

Aber als Führungskräfte werden Ingenieure immer stärker von diesem Thema berührt. Denn sie werden es mit wechselnden Teams zu tun haben. Sie werden zwischen angestellten Mitarbeitern und Externen ausgleichen müssen. Sie werden mit unterschiedlichen Bedürfnissen zu tun haben. Vielleicht sogar mit einer Zweiklassen-Belegschaft.

Aber suchen Ingenieure nicht offenere Arbeitsverhältnisse?

Der Trend, auf Wanderschaft zu gehen, nimmt bei hoch Qualifizierten mit einer Mint-Ausbildung eindeutig zu. Ein Drittel der unter 35-Jährigen lebt in flexiblen Arbeitsverhältnissen. Doch spätestens mit Heirat, Familiengründung oder Hausbau werden auch sie heimisch. Dann sinkt diese Quote nach meinen Schätzungen auf 15 % bis 20 %, weil dann auch gefragte Ingenieure die Sicherheit unbefristeter Arbeitsverträge suchen.

Was können Sie über die Mixed Teams sagen?

Sie werden ein Dauerbrenner. Wir haben bereits vor drei Jahren eine Untersuchung zu diesem Thema gemacht und können feststellen, dass die Bedeutung von Teams mit internen und externen Mitarbeitern weiter gestiegen ist.

Bei wachsender Geschwindigkeit unserer Wirtschaft ist das für viele Unternehmen eine Lösung, um spezifisches Wissen ins Haus zu bekommen. Das Know-how des Externen wird zwar teuer eingekauft, aber die Investition lohnt sich, wenn das Unternehmen mit einem Produkt schneller auf dem Markt ist als die Konkurrenz. Letztlich muss das eine Breakeven-Analyse zeigen. Außerdem lernt die Kernmannschaft von den Externen. JENS GIESELER

Von Jens Gieseler

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