Management

„Es geht doch wohl auch ohne Vertretung“

Die Belastungen im Beruf haben erheblich zugenommen. Viele Menschen erreichen die Grenze ihrer Möglichkeiten, reagieren oft mit körperlichen Beschwerden. Entspannungstechniken helfen hier weiter.

Keine Vertretung diesmal. Sie werden doch wohl gemeinsam den Kollegen Müller ersetzen können.“ Widerspruch zwecklos, Anweisung von ganz oben. Günter Schmidt (*) ahnt, was auf ihn und seine Mitarbeiter zukommt: Mehr Überstunden, mehr inhaltlicher und mehr zeitlicher Druck. Und wahrscheinlich mehr Fehler, alles auf unabsehbare Zeit. Als erstes steckt er sich eine Zigarette an. Die Vorgabe des Chefs hat Schmidt innerlich in Hochspannung versetzt – er fühlt sich noch mehr gestreßt als in letzter Zeit ohnehin schon. Er erlebt die Auswirkungen einer sich dramatisch verändernden Industrielandschaft. Neue unternehmerische Strukturen führen dazu, daß der Druck auf den einzelnen objektiv wächst pro Zeiteinheit leistet er mehr und ist gleichzeitig für mehr verantwortlich, die Arbeit läuft hektischer ab, und die Zeit für soziale Kontakte am Arbeitsplatz schrumpft merklich. Die meisten erleben das als Belastung und als Streß. Führungskräfte der mittleren Ebene wie Schmidt trifft das besonders. Sie sind für ihre Mitarbeiter und für deren Arbeitsergebnisse verantwortlich. Sie selbst werden von oben kontrolliert und haben, trotz schlanker Hierarchien, oft nur wenig Entscheidungskompetenz. Da sie sich andererseits keineswegs am Ende der Karriereleiter sehen, setzen sie sich selbst unter Erfolgsdruck. Wie das geva-Institut in München kürzlich herausfand, erleben gerade diese Fach- und Führungskräfte des mittleren Managements besonders viel Streß, mehr als ihre Kollegen aus der obersten Etage, obwohl sie zumindest nominell länger arbeitetenv. Gerhard Bruns vom geva-Institut beschreibt die Folgen: „Sie leiden gehäuft unter Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Problemen, Magenbeschwerden oder auch Rückenschmerzen.“
Alle diese körperlichen Beschwerden sind bei den Menschen besonders häufig, die lange unter Streß leiden, seelisch gesellen sich oft noch Ängste und Depressionen hinzu. Bereits kurzfristig reagieren sie dann körperlich auf Streß, das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, sie schlafen schlecht, sind schnell erschöpft und reizbar. Da es den Betroffenen außerdem schwerer fällt, sich gleichbleibend zu konzentrieren, schleichen sich in ihre Arbeit immer wieder Fehler ein.
Streß aber hat nun zwei Seiten. Die eine umfaßt die äußeren, streßauslösenden Bedingungen, die Stressoren, und die sind nur schwer zu ändern wäre es anders, wären sie keine Stressoren mehr. Die andere Seite zeigt die Art, wie jemand die Stressoren bewertet und einordnet, ihnen begegnet, mit ihnen umgeht. So fühlen sich die höheren Führungskräfte durch ihre lange Arbeitszeit längst nicht so belastet, wie man denken könnte. Ein wichtiger Grund dafür ist, daß sie ihre Entscheidungen allein treffen, sich also autonom fühlen können.
Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens viele Methoden gelernt, wie er anstrengenden oder belastenden Situationen begegnet. Manche davon eignen sich besser für einen souveränen Umgang mit Streß, andere schlechter.
Der Griff zur Zigarette, wie bei Günter Schmidt, ist zumindest dann ungünstig, wenn dies die einzige Reaktion ist noch ungünstiger ist es, sich einzuigeln und darüber nachzugrübeln, wieviel Pech man doch hat.
Grübeln alleine bessert allerdings nichts. Eine ganze Reihe von durchaus üblichen Wegen, dem alltäglichen Streß zu begegnen, können das Leben dagegen sehr erleichtern. Wer etwa relativ unabhängig ist von der Meinung anderer, ist von vornherein besser dran. Und wer es selbst im Trubel und unter Druck schafft, innerlich ausgeglichen und ruhig zu bleiben, hat einen Teil bereits erledigt – körperliche Streßreaktionen fallen weg, Langzeitfolgen werden unwahrscheinlicher. Entspannungsübungen gehören folgerichtig wesentlich zu dem, was inzwischen in vielen Formen als Streßbewältigungstraining angeboten wird. Sie alle zielen darauf, daß sich die Betroffenen von unvermeidbarem Streß möglichst wenig beeinträchtigen lassen. Worauf es zu Beginn ankommt: wissen, wo man steht. Einen Beitrag dazu soll der große Streß-Test auf der folgenden Seite leisten.
BARBARA KNAB
(*) Name geändert

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