Personalmanagement

Erst gefeuert – dann wird gefeiert

Die Helden der New Economy werden nachdenklich.

Die Bezeichnungen sprechen für sich: „Geburtsstätte der New Economy“, „Tal der Superreichen“ oder „Mekka der High Tech-Industrie“ – jahrelang galt das kalifornische Silicon Valley als Synonym für Fortschritt und Reichtum. Doch seit dem Börsencrash der Technologiewerte hat die Aura des knapp hundert Kilometer langen Tal südlich von San Francisco erheblich an Glanz verloren.
„Ein 15-Stunden-Arbeitstag in einem Großraumbüro, ein lausiges Apartment für fast 3000 Mark, täglich zwei Stunden im Stau stecken und weit und breit keine interessante Frau in Sicht.“ – so beschreibt Rainer Bauer sein Dasein in dem Zentrum der New Economy, in dem er seit vierzehn Monaten als Testingenieur bei einer Computer-Firma arbeitet.
Bis vor kurzem hat Bauer das alles allerdings gar nicht so tragisch gesehen. Der Job machte Spaß, das Gehalt war gut und das Aktienpaket noch besser. Und die Serviceabteilung seiner Firma erledigte für ihn Einkäufe, übernahm Behördengänge oder besorgte Karten für das nächste Football-Spiel. Heute allerdings ist sich Bauer nicht mehr sicher, ob es dieses Angebot noch lange geben wird. Denn wie viele andere High Tech-Unternehmen hat seine Firma an der Börse gewaltig Federn lassen müssen. „Als ich hierher kam, wollte ich schnell viel Geld machen“, so der 28-jährige Norddeutsche. „Jetzt aber sind meine Aktien nur noch die Hälfte wert und mein Job steht auf der Kippe.“
Seit dem Börsencrash ist der Traum vom schnellen Geld im Silicon Valley zumindest vorläufig ausgeträumt. Die Aufbruchstimmung, die hier über Jahre hinweg herrschte, weicht langsam einer Katerstimmung. Der Stolz, an der Gestaltung der Zukunft mitzuarbeiten, wird von der Angst um die eigene Zukunft verdrängt. Geschichten über Übernahmen, Pleiten und Entlassungen ersetzen die Geschichten über Erfolg, Karrieren und Reichtum .
Früher legten sich reich gewordene Jungunternehmer auf die Therapeutencouch, weil ihnen der plötzliche Geldsegen Angst machte. Schlafstörungen und Panikattacken waren Symptome des „Sudden Wealth Syndroms“, wie der Psychologe Stephen Goldbart vom Money, Meaning & Choices-Institut das Phänomen nannte: „Trotz BMW und Drei-Millionen-Dollar-Haus wissen diese Leute nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen.“ Heute haben es Goldbarts Berufskollegen wieder mit Menschen zu tun, die nicht von Millionen sondern von Existenzängsten geplagt werden. Menschen, die die Talfahrt ihrer Aktien zu Nervenbündeln gemacht hat, oder deren Job plötzlich wackelt. Und die sich nun fragen, ob sie den Kredit für das große Haus oder die nächste Arztrechnung noch bezahlen können.
Als die Welt noch in Ordnung war, sprach man abends an der Bar über viel versprechende Börsenwerte und viel versprechende Dot-coms. Heute wird darüber geredet, welche Unternehmen ihre Angestellten entlassen, welchen Start-ups Pleite das Geld ausgegangen ist. Websites wie „FuckedCompany“ und „Dotcom.Failures“ verkünden täglich genüsslich das Scheitern weiterer Firmen.
Auch der „Tech Ticker“ der lokalen Zeitung „San Jose Mercury News“ listet immer seltener Erfolgszahlen und immer häufiger Gewinnwarnungen auf. Fast genauso Besorgnis erregend klingen allerdings die „kreativen Spartipps“ mit denen die Leser des Wirtschaftsteils auf magere Zeiten eingestellt werden: „Kaufen Sie antibakterielles Spülmittel statt Flüssigseife. Es ist dasselbe Zeug, nur dass die Seife zum Händewaschen meist zwei Mal so teuer ist.“
Noch vor kurzem wollte jeder bei einem Start-up arbeiten. Mittlerweile ist man froh, wenn man bei einem der Großen der PC- und Elektronikbranche untergekommen ist. Doch auch die Giganten der High Tech-Industrie haben ihre Gürtel bereits enger geschnallt. Betriebsausflüge in ein kanadisches Skiressort oder eine Fünf-Sterne-Anlage auf Hawaii sind ebenso passé wie opulente Firmenjubiläen.
Inzwischen sind ganz andere Partys angesagt. Gefeuerte Software-Ingenieure, Systemarchitekten und Netzwerkspezialisten treffen sich auf „Pink-Slip“-Partys, um sich gegenseitig zu bedauern und nach neuen Jobs Ausschau zu halten. Zum Eintritt berechtigt das Kündigungsschreiben im rosafarbenen Briefumschlag. Und wem das Lachen noch nicht vergangen ist, der kann sich bei „www.ijustgotfired.com“ einen neuen E-Mail-Account mit eindeutiger Adresse zulegen.
Angst vor langer Arbeitslosigkeit muss allerdings noch niemand haben. Der Bedarf an IT-Spezialisten ist nach wie vor groß. Doch der neue Arbeitgeber muss anderes zu bieten haben, als Mitarbeiterbeteiligungen und hochtrabende Businesspläne. „Der nächste Job soll lieber mehr Urlaub und Bargeld statt Aktien bringen“, sagt auch Rainer Bauer, der darüber nachdenkt, ganz aus dem Tal wegzuziehen. „Wenn ich schon nicht Millionär werde, dann will ich wenigstens mein Leben genießen.“
Wie Bauer denken nicht wenige. Im „Tal der Superreichen“ ist nämlich doch noch Einiges beim Alten geblieben: Die Wohnungen sind nach wie vor fast unbezahlbar, die Preise für Nahrungsmittel, Benzin oder einen Restaurantbesuch weiterhin immens. Auch der Verkehr ist gleich bleibend chaotisch. Und Frauen sind in der Welt der Informationstechnik ebenfalls immer noch unterrepräsentiert. RUTH PONS

Deadcoms

Nachrichten von sterbenden Firmen

Die New Economy hat gewaltig Federn gelassen. Allein im Januar verloren in den USA mehr als 12 000 Beschäftigte des Internetgewerbes ihren Job. Beinahe täglich sterben weitere Firmen. Web-Seiten wie Fuckedcompany.com, Dotcomfailures.com und Dotcomscoop.com, die Branchengerüchte zu Pleiten und Entlassungen liefern, haben Hochkonjunktur. jok

Von Ruth Pons

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