Management

Entlastung für Ingenieure

Im Einkauf liegt noch immer viel Gewinn, meint Christopher Jahns. Für die TU München untersuchte er die Einkaufseffizienz deutscher und schweizer Unternehmen.

Alles stöhnt über den Kostendruck. Entwickler, Konstrukteure und Projektmanager, Manager und Mitarbeiter im technischen Vertrieb geraten immer stärker unter einen Zwang zur fortgesetzten Kostensenkung. War ein Projekt früher mit 200 Stunden budgetiert, sind es heute 150. Entlastung erwächst den bedrängten Ingenieuren aus einer unerwarteten Ecke: dem Einkauf. Je stärker der Einkauf die Projekt- oder Konstruktionskosten senken kann, desto weniger muss sie der Ingenieur senken. Für viele Ingenieure kommt das überraschend: Der Einkauf galt seit Jahren als ausgereizt. Inzwischen werden dort jedoch prozentual zweistellige Kostensenkungen erreicht. Verantwortlich dafür ist ein brandneues System: Supply Management.
In der größten Studie, die bislang zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum durchgeführt wurde, untersuchte die TU München 180 Unternehmen aus allen Branchen auf ihre Einkaufseffizienz. Die Befunde und Forderungen, die sich daraus ergaben, dokumentieren den Paradigmenwechsel, der sich derzeit weltweit in führenden Unternehmen vollzieht: weg vom Einkauf, hin zum Supply Management.
So liegt laut Studie die Wertschöpfungstiefe im Schnitt bei nur noch 45 %, in fünf Jahren wird mit einem Anteil von nur noch 15 % bis 25 % gerechnet. Wenn jedoch 85 % aller Produkte und Dienstleistungen zugekauft werden, liegt auf der Hand, dass das Geld im Einkauf gespart werden muss – und nicht bei den Ingenieurleistungen! Allein diese simple Erkenntnis hat viele Unternehmensleitungen bereits veranlasst, den Druck von ihren Ingenieuren zu nehmen.
Gleichzeitig ergab die Studie eindeutig: Die traditionelle Arbeitsteilung kann diese großen Einsparpotenziale im Einkauf nicht erschließen. Traditionell konstruiert der Ingenieur, wonach der Einkäufer nach Spezifikation bestellt und Lieferanten-Squeezing bis zur Bewusstlosigkeit betreibt. Damit sind derzeit jedoch maximal noch 2 % bis 3 % Kosteneinsparungen möglich. Sitzt jedoch statt des veralteten Einkäufers ein moderner Supply Manager im Projektteam am Tisch, erzielen Unternehmen schon heute Kosteneinsparungen von 10 % bis 35 %! „Es nervt aber, wenn der Einkäufer am Tisch sitzt“, meldete die Ingenieurpraxis bereits auf die Bekanntgabe der ersten Studienergebnisse zurück. Stimmt – wenn es um Einkäufer alter Prägung geht. Der moderne Supply Manager wird jedoch von den Ingenieuren akzeptiert, weil er nicht nur das nötige technische Verständnis mitbringt, sondern auch von Beginn der Konstruktion an qualitativ gleichwertige, aber kostengünstigere Beschaffungsalternativen anbietet. Daraus erhebt sich die Forderung: Der Einkäufer muss zum Supply Manager fortgebildet werden.
Genau dies ist in den führenden Unternehmen im deutschsprachigen Raum bereits im Gang. So werden die Führungskräfte im Einkauf von reinen Verhandlern hin zu echten Managern entwickelt, die Kosten sparende Instrumente wie Design-to-Cost, internationales Beschaffungs-Marketing, Commodity Management oder auch strategische Lieferantenpartnerschaften implementieren und managen können. Zudem werden die traditionellen Einkäufer von bloßen Bestellbeamten hin zu fachkompetenten Kostenpartnern weiter gebildet, die den Ingenieur vom ersten Konstruktionsstrich an in Kostenfragen beraten können. Schließlich werden auch die betrieblichen Strukturen verändert, weg vom zersplitterten, ausführenden Einkauf und hin zum abteilungsübergreifend koordinierten und deshalb kostensenkenden Einkauf in modernen Netzwerken.
Gerade weil Supply Management eine solche exorbitante Entlastung und Unterstützung darstellt, haben Ingenieure allenthalben die frohen Botschaften der Studie bereits vernommen und diskutieren sie heiß. Die Sache hat nur einen Haken: Abgesehen von circa 20 % von Unternehmen pro Branche, die bereits jetzt Supply Management praktizieren, hinken die meisten Firmenleitungen den Erwartungen und Hoffnungen ihrer Ingenieure hinterher.
Auch das illustriert die Studie: Treibt das Topmanagement eines Unternehmens den Paradigmenwechsel nicht voran, warten die Ingenieure vergeblich auf ihre Kostenentlastung.
Dass Manager auf allen Ebenen die Brisanz des Paradigmenwechsels erkannt haben, illustriert die Studie ebenfalls: 72 % der Unternehmen sehen in den nächsten fünf Jahren einen bedeutenden Einfluss von Supply Management auf ihren Unternehmenswert und die Umsetzbarkeit ihrer Unternehmensstrategie. Gemessen an dieser überragenden Bedeutung erschreckt der mit nur 16 % sehr geringe Anteil der in der Studie ermittelten „Supply-Management-Champions“, welche die Anforderungen an ein effektives Supply Management bereits heute erfüllen. CHRISTOPHER JAHNS

Von Christopher Jahns

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