Unternehmenskultur

Englisch wird in Chefetagen seltener  

Business-Denglish ist auf dem Rückmarsch. Immer mehr Vorstände vermeiden es, in ihren Reden englische Begriffe zu verwenden. In Zeiten der Finanzkrise, aber nicht nur deshalb, gelte Englisch als „Zeichen des Versagens“, meint Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Vereinzelt wird noch über „Quick Wins“ geredet, oder der „Change“ beschworen. vdi nachrichten, Bonn, 27. 3. 09, cha

29. Januar, Siemens-Hauptversammlung: Peter Löscher steht die Peinlichkeit ins Gesicht geschrieben. Minutenlang traktiert ein Kleinaktionär den Vorstandsvorsitzenden mit seinem eigenen Geschäftsbericht – mit Worten wie „People Excellence“, „Equity Investments“ oder „Performance“. Und natürlich mit dem aktuellen Werbeslogan „The force of innovation“. Warum werbe Siemens in Deutschland mit einem englischen Satz, während er in Frankreich oder Spanien ganz selbstverständlich in die Landessprache übersetzt werde, will der Mann wissen. Etwas hilflos gibt Löscher zu, dass die Anglizismen wohl überhandgenommen hätten und folgert: „Das ist eine Aufgabe für die Kommunikationsabteilung.“

Andere Vorstände haben noch eher verstanden, dass es ihre eigene Aufgabe ist, verständlich zu kommunizieren. Denn in der Sprache an der Spitze vollzieht sich derzeit eine Wende: Die Zeiten, in denen Firmenlenker öffentlich das Hohelied auf den „Shareholder-Value“ sangen oder „Global Player“ sein wollten, sind passee. Wenn heute ein Topmanager das Podium erklimmt, dann heißt es wieder: Man spricht Deutsch.

„Englisch gilt als Zeichen des Versagens“, begründet Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund. Für Deutschlands bekanntesten Sprachkritiker liegt der Zusammenhang auf der Hand: „Die größten Krisenfirmen sind jene, die sich hinter dem Mantel des Englischen versteckt haben“, so Krämer. Als Beispiel nennt er die Automobilindustrie: Porsche etwa, dessen Chef Wiedeking sich oft zum Deutsch bekenne, liege auf der Rangliste der Rückrufaktionen ganz hinten, während der ach so globale Konzern Daimler stets die peinlichen vorderen Plätzen belege.

Wer wissen will, wie die Führungskraft von morgen spricht, sollte Götz Werner, Gründer und Aufsichtsrat der Drogeriemarktkette DM, zuhören. Wann immer der 65-Jährige das Rednerpult betritt, können die Finanzjournalisten ihren Block getrost beiseite legen. Denn Worte wie „Gewinn“ oder „Umsatz“ nimmt Werner nur selten in den Mund – obwohl er das bei 4,7 Mrd. € Umsatz durchaus könnte. Stattdessen erfährt das Publikum, dass „die Betriebswirtschaft das organisierte Miteinander-Füreinander-Leisten“ ist.

Mit diesem predigthaften Stil illustriert Werner gut einen zweiten Trend im Manager-Jargon: Immer mehr Vorstände vermeiden es, harte Finanzvokabeln in den Mund zu nehmen. Statt über „Expansionspläne“ sprechen sie lieber über Vertrauen und Verantwortung. Oder ihre Rede dreht sich gleich um Ethik, Klimaschutz und Armutsbekämpfung. Nur noch ein englischer Begriff ist gestattet: „Corporate Social Responsibility“ – die soziale Verantwortung des Unternehmens.

„Bei mancher Rede fragt man sich, ob das Unternehmen überhaupt noch Geld verdienen will“, schmunzelt Stephan A. Jansen, Präsident der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Der 37-jährige Professor kennt die Sprache der Bosse gut – nicht zuletzt, weil er sie gerne zu Vorträgen einlädt. Dass in den Reden das nüchterne Business-Englisch an Boden verliert, beobachtet er schon länger. Stattdessen klängen nicht wenige Topmanager mittlerweile wie Kirchenmänner.

Aber warum? Jansen hat dafür eine einfache Erklärung: „Vorstände in einer Mediengesellschaft können nichts mehr richtig sagen.“ Die Argumentation: In Zeiten allgegenwärtiger Information lauert hinter jedem offenen Wort ein potenzielles Fettnäpfchen. Lobt der Chef z. B. den guten Gewinn, murren die Kunden, weil sie sich geschröpft fühlen. Verweist er auf den hohen Aktienkurs, wird ihm Shareholder-Value-Denken nachgesagt. Stellt man neue Mitarbeiter ein, beschweren sich die Aktionäre, weil sie lieber eine Dividende hätten. Aus diesem Paradoxon gebe es nur einen Ausweg: „Es wird die Schmierseife des Sozialen aufgetragen“, so Jansens These. Dabei hoffen die Manager natürlich, selbst wie ein Stück Seife zu werden – eben nicht zu fassen.

Ausgestorben ist das alte Business-Denglisch freilich noch nicht. Hier und da wird noch über „Quick Wins“ geschwafelt, sich „committet“ oder der seit Obama so beliebte „Change“ beschworen. Doch diese Begriffe zu verwenden, gilt nicht mehr als schick. „So spricht höchstens noch das mittlere Management“, urteilt ein Insider. Anders ausgedrückt: Wer noch den Begriff „High Potential“ in den Mund nimmt, ist selbst wahrscheinlich keiner.

Streng genommen hat der Abschied vom Angelsächsischen allerdings schon vor der Finanzkrise begonnen. In der Werbung etwa läuft die gefühlvolle Germanisierung schon länger. Vertrauen, Treue und vor allem Liebe – das sind die Worte, mit denen Unternehmen heute werben. „Ich liebe es“, dudelt es aus den TV-Spots von McDonald¿s, Saturn bekennt „Wir lieben Technik!“, Volkswagen tut alles nur noch „Aus Liebe zum Automobil“. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis der erste Dax-Vorstand den Aktionären seine Liebe gesteht – auf Deutsch natürlich. CONSTANTIN GILLIES

Von Constantin Gillies

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