Management 19.11.1999, 17:23 Uhr

Einsam an der Spitze

Der ehemalige VW-Manager hat mit einem neuen Bestseller-Buch den Finger in die richtigen Wunden gelegt. Doch es gelingt ihm nicht, mit Alternativen auf die Probleme der Globalisierung, den Verlust nationaler Identität oder soziale Isolation zu reagieren.

Die Menschen warten auf einen geschassten Top-Manager. Eine ältere Dame schlägt den Kragen ihres hellbraunen Lodenmantels hoch. Neben ihr treten einige Studenten fröstelnd auf der Stelle. Die Kälte kriecht von den Füßen herauf und lässt die Konversationen nach und nach verstummen. Es ist kurz nach 8 Uhr. Geduldig frieren etwa 60 Menschen vor dem Buchladen Bouvier in der Bonner Innenstadt. Daniel Goeudevert hat sich angesagt, VW-Vorstand aus der Vor-Piëch-Zeit. Er wird über sein Buch „Mit Träumen beginnt die Realität – aus dem Leben eines Europäers“ sprechen. Es ist ein Hit – zur Zeit belegt es Platz 8 der Bestsellerliste. So steht es jedenfalls auf einem Zettel hinter den Glastüren. Daneben kündigt ein Plakat die Lesung an.
„Comics“ steht über dem Regal links neben der improvisierten Bühne, rechts „Tanz/Theater“. Dem großen Gast hat man ein kleines Stehpult hingestellt, das Publikum sitzt auf Klappstühlen aus Holz. Hör- saalathmosphäre. Aber der Raum ist rappelvoll. Einige Tassen Cappuccinos und Flaschen Mineralwasser werden über die Köpfe der Menschen hinwegbalanciert. Dann ist es 8.30 Uhr, und Goeudevert betritt die Bühne – fast ein wenig schüchtern wirkend.
Der ehemalige Manager hat keine Ähnlichkeit mit seinem Konterfei auf dem Plakat. Statt einer randlosen Brille trägt er ein Gestell aus Horn, und auch seine Kleidung wirkt eher konservativ: ein schweres grünefarbenes Tweedsakko im englischen Landhausstil, dazu eine grünbraune Flanellhose. Sein Gesicht schimmert etwas rötlich von der Kälte, die blonden Haare hat er sich nach hinten gekämmt – noch ein Unterschied zum Plakat.
Etwas unsicher stellt sich der 57-Jährige hinter dem Pult auf. Er wirkt untersetzt. Dann sein erster Satz: „Ich wusste nicht, dass in Bonn noch so viele Leute wohnen“. Höfliches Gelächter. In diesen Dingen verstehen die Bonner eigentlich keinen Spaß. Der gebürtige Belgier spricht so, wie es Klein-Fritzchen von einem Franzosen erwartet: Leicht näselnd, mit der Betonung jeweils auf der zweiten Silbe eines Wortes. Goeudevert legt nach, eine Spitze auf den Schriftstellerkollegen Lafontaine. Wieder Gelächter, diesmal etwas ehrlicher. Dann wird es ernst, Goeudevert räuspert sich.
„In welche Gesellschaft sind wir hereingeschlittert?“, fragt der selbst ernannte Querdenker. Keine Reaktion des Publikums. Das Auditorium ist noch damit beschäftigt, die Cappuccinos möglichst leise zur Seite zu räumen. Goeudevert beschließt, direkt zum Kern zu kommen: der Globalisierung. Nein, per se schlecht sei sie nicht. Die Menschen würden nur zu unkritisch mit ihr umgehen. Die Folge der Globalisierung sei eine ungebremste Verbreitung von Kapitalismus und Wirtschaftsliberalismus. Ein Anflug vom Abscheu liegt in Goeudeverts Worten. Dann folgt die Frage an seine aufmerksamen Zuhörer: „Ist dieses System wirklich gerecht?“
Goeudeverts nächstes Thema, das ihn umtreibt, ist die Beschleunigung. „Schnell, schnell, schnell“, sei zum einzigen Credo des heutigen Geschäftslebens geworden. Das Menschliche bleibe da auf der Strecke, so der ehemalige Vorstand (Renault, Ford, Volkswagen). Auf dem Weg zur Lesung hätte ihm sein Fahrer begeistert von den PS-Boliden auf der IAA berichtet, erzählt er. Gleichzeitig hätte seine Limousine fast den ganzen Weg im Stau gestanden. Das sei doch paradox.
Zustimmendes Raunen im Saal. Goeudevert hat den Nerv getroffen. Und so bohrt er weiter: „Wir sind zu Sklaven der Technologie geworden“, „Die Europäer orientieren sich zu sehr an den USA“, „Die ungeregelten Finanzmärkte sind eine Zeitbombe“ – ein vermeintliches Beispiel für die Verkommenheit der Gesellschaft jagt das nächste. Goeudevert brennt ein wahres Betroffenheitsfeuerwerk ab. Die Toskana-Fraktion im Publikum ist restlos begeistert. Einige lassen sich sogar zu Zwischenrufen hinreißen: „Genau“, „Richtig“. So angefeuert setzt der Belgier seinen Sozial-Sermon fort: „Der Abstand zwischen Arm und Reich ist zu groß geworden“, und „Zu viel Kohle liegt in zu wenigen Händen“. Auf seinem Kreuzzug für mehr Menschlichkeit bekommen alle vermeintlich reaktionären Institutionen ihr Fett weg: Privatfernsehen, Pharmakonzerne, Softwarefirmen. Man merkt: Differenzierung ist nicht die Stärke des ehemaligen Managers.
Auch Goeudeverts Gegenentwurf fällt recht unscharf aus: Man müsse alles ein wenig regulieren, Vermögen umverteilen, die Dinge gerechter machen. Irgendwie. Auch in puncto Management-Lehre bleibt der Ex-Manager vage: Die Europäer sollten sich auf ihre eigenen Traditionen besinnen, statt nur den Gurus aus den Staaten hinterherzulaufen. Diese anti-amerikanische Spitze wird natürlich mit Applaus bedacht. Es folgen weitere Allgemeinplätze: Teamarbeit sei wichtig, aber bitteschön mit der richtigen Besetzung. Richtig, das heißt für Goeudevert: multi-kulturell.
Etwas konkreter wird Goeudevert in seinem Buch. Hier berichtet er von der Einsamkeit an der Spitze und von der Weltfremdheit einiger Manager. In der Führungskräfteauswahl habe der Schwerpunkt viel zu lange auf Fachlichem gelegen, so der Ex-Manager. Der Charakter eines Menschen müsse wieder mehr über dessen Position entscheiden. An die Stelle des statusbesessenen Herrschers solle ein „beweglicher“ Manager treten einer, der das Unternehmen auch von unten kennt und keine Berührungsängste mit der Belegschaft hat. Über diesem Ideal thront – man ahnt es schon – das Dogma von der gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen. Die Frage nach dem Wie bleibt Daniel Goeudevert aber auch hier schuldig.
Doch das volle Haus und die Verkaufszahlen des Buches zeigen, dass Goeudevert den Finger in die richtigen Wunden legt. Globalisierung, Verlust nationaler Identität, soziale Isolation – er spürt die Ängste der Menschen auf und artikuliert sie gekonnt. Doch mit dem Aussprechen der Probleme ist es nicht getan – das haben andere schon besser gemacht. Gefragt sind Alternativen, doch die liefert Goeudevert ebenso wenig wie die Gesellschaft, die er anprangert.
Was bleibt, ist das Rufen von einem, der glaubt, Prophet zu sein, nur weil er in der heutigen Geschäftswelt nicht mehr viel zu sagen hat. Über ein Treffen mit Bill Gates berichtete Goeudevert zu Beginn seines Vortrags: „Ich spürte seinen Wunsch, der Menschheit außer ein paar guter Bilanzen etwas zu hinterlassen „. Buchautor Goeudevert selbst hat diesem Wunsch nachgegeben bleibt zu hoffen, dass wenigstens Bill Gates ihm widersteht. CONSTANTIN GILIES
Daniel Goeudevert: Mit Träumen beginnt die Realität. Aus dem Leben eines Europäers“. Rowohlt-Verlag, Berlin, 1999. 222 S., 39,80 DM.
Daniel Goeudevert: „Die Menschen gehen zu unkritisch mit der Globalisierung um.“
Weltfremdheit unterstellt Goeudevert vielen Managern: Sie hätten sich zu lange mit ausschließlich fachlichen Themen beschäftigt.

Ein Beitrag von:

  • Constantin Gilies

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