Management

„Die Schrumpfkur ist jetzt vorbei“  

VDI nachrichten, Espelkamp, 7. 4. 06 – Die Harting-Gruppe gehört zu den führenden Herstellern in der Verbindungstechnik. Das Familienunternehmen im ostwestfälischen Espelkamp hat sich für die kommenden Jahre ehrgeizige Ziele gesteckt. Fragen an die beiden Geschäftsführenden Gesellschafter, Margrit und Dietmar Harting.

Dietmar Harting: Dass wir Zigarettenautomaten herstellen, ist historisch bedingt. Mein Vater hat damit Ende der 50er Jahre begonnen. Inzwischen ist dieser Bereich sehr geschrumpft, weil die Politik den Tabakverbrauch stärker reguliert durch Rauchverbote und hohe Steuern. Wir machen damit nur einen kleinen Teil unseres Umsatzes.

VDI nachrichten: Wollen Sie die Sparte auf Dauer behalten?

Margrit Harting: Wir können uns nicht so einfach davon trennen. Erstens sind wir bei unseren Kunden in der Pflicht für das Ersatzteilgeschäft. Zweitens haben wir erst vor fünf Jahren ein neues Werk für die Automatenherstellung in Betrieb genommen, das wir inzwischen schon überwiegend für Lohnfertigung nutzen.

Dietmar Harting: Außerdem sind die Automaten auch so etwas wie ein Technologiespeicher, der unser übriges Geschäft befruchtet. Wir haben dabei das Handling mit elektronischen Komponenten optimiert und gelernt, intelligente Systeme zu fertigen, denn Automaten müssen ja Münzen erkennen, zählen und wieder ausgeben. Wir arbeiten dabei mit drahtloser Datenübertragung, um Füllstände zu übermitteln. Da steckt also eine Menge Technologie drin.

VDI nachrichten: Beim Namen Harting denkt man neben Zigarettenautomaten an Steckverbinder. Wie entwickeln Sie diese Klassiker weiter?

Dietmar Harting: Die Entwicklung steht unter dem Oberbegriff Connectivity & Networks. Wir wollen also vertikal wachsen, zum Systemlieferanten werden und damit unsere Wertschöpfungskette erweitern.

VDI nachrichten: Das klingt sehr abstrakt. Was bedeutet Connectivity & Networks? Können Sie ein Beispiel geben?

Dietmar Harting: Seit Jahrzehnten entwickeln, produzieren und vertreiben wir Lösungen für die elektrische Verbindungstechnik in der Industrie. Im Bereich der Rechtecksteckverbinder sind wir mit unserem Han-Steckverbinder sogar Weltmarktführer. Von dieser Basis der Installation kommend, bauen wir unser Lösungsportfolio sukzessive aus in Richtung Geräteanschluss und auch in den Bereich der Vernetzung. Bei der industriellen Kommunikation setzen wir mit unseren Switches auf die Ethernet-Technologie. Sie ermöglicht eine durchgehende Vernetzung zwischen Büro- und Automationsebene.

VDI nachrichten: Womit kann der Markt rechnen, wenn Sie von Harting als Systemlieferant sprechen?

Dietmar Harting: Ein Beispiel sind Backplanes, das sind Rückwände für elektronische Geräte. Die fertigen wir in unserem Werk in England komplett mit Leiterplatten und Steckverbindern. Solche Systeme stellen wir jetzt auch in China und Amerika her und vertreiben sie weltweit.

VDI nachrichten: Wie viel setzen Sie damit schon um?

Dietmar Harting: Das Geschäft macht derzeit etwa 8 Mio. €. Und es wächst kräftig.

VDI nachrichten: Wie viel Geld stecken Sie in Forschung und Entwicklung?

Dietmar Harting: Der F&E-Anteil am Umsatz liegt bei rund 6 %. Er wird künftig noch weiter steigen, weil unsere Produkte immer technologiehaltiger werden.

VDI nachrichten: Bisher haben Sie fast nur in Deutschland geforscht. Wird das so bleiben, wenn Sie sich wie geplant immer stärker im Ausland engagieren?

Dietmar Harting: Die Kernprozesse werden wir nicht ins Ausland verlagern, schon um unser geistiges Eigentum zu schützen. Aber wenn wir im Ausland fertigen – und das müssen wir, weil wir nur so in diesen Märkten Insider werden -, dann brauchen wir dort auch Entwicklungskapazität. Unsere Produkte müssen auf die Anforderungen vor Ort zugeschnitten werden. Das ist von Espelkamp aus nicht möglich.

VDI nachrichten: Zurzeit macht Harting drei Viertel seines Geschäfts in Europa. Mittelfristig soll jeweils ein Drittel des Umsatzes aus Europa, Amerika und Asien kommen. Gehen damit nicht hunderte von Arbeitsplätzen in Deutschland verloren?

Margrit Harting: Kurzfristig werden wir unser Ziel nicht erreichen. Es wird schon ein paar Jahre länger dauern, als wir das ursprünglich gedacht haben. Auf die Beschäftigung in Deutschland wirkt sich dieses Ziel nicht negativ aus, im Gegenteil ¿

VDI nachrichten: ¿ aber in den vergangenen fünf Jahren haben Sie in Deutschland Stellen abgebaut. Rund 200.

Margrit Harting: Das hing vor allem mit dem Umsatzrückgang bei Zigarettenautomaten zusammen. Diese Schrumpfkur ist jetzt vorbei. Schon in diesem Jahr stellen wir wieder ein. Auch in den kommenden Jahren soll die Beschäftigung zunehmen. Wir haben schließlich ehrgeizige Wachstumsziele. Bis 2010 wollen wir 500 Mio. € Umsatz erreichen, zurzeit liegen wir bei rund 300 Mio. €. Von diesem Wachstumssprung werden auch unsere deutschen Werke profitieren.

Wir haben in Espelkamp gerade erst ein zweites Rechenzentrum für den Gesamtkonzern errichtet und neue Schulungsräume eröffnet. Wir stehen also zum Standort Deutschland.

VDI nachrichten: Andere Firmen verlagern Stellen ins Ausland, weil die Arbeitskosten hierzulande sehr hoch sind. Ist das für Sie kein Problem?

Margrit Harting: Natürlich ist das ein Problem. Wir können damit nur leben, weil wir hoch automatisiert fertigen, und die Arbeitskosten deshalb nicht so stark ins Gewicht fallen.

VDI nachrichten: Dennoch sind Sie vor einigen Jahren aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten und unterliegen jetzt nicht mehr dem Metalltarifvertrag ¿

Margrit Harting: Die 35-StundenWoche, wie die IG Metall sie durchgeboxt hat, passt schon lange nicht mehr in die Zeit. Deshalb sind wir ausgeschert. Wir versuchen, unsere Lohnkosten im Griff zu behalten. Wir arbeiten mit einzelvertraglichen Regelungen. Es gibt bei uns über 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle. In vielen Bereichen werden 40 Stunden gearbeitet, meist mit teilweisem Lohnausgleich.

VDI nachrichten: Politiker fordern die Unternehmer immer lauter auf, Mitarbeiter am Unternehmenserfolg zu beteiligen. Wie sieht das bei Harting aus?

Margrit Harting: Wir beteiligen unsere Mitarbeiter an der Wertsteigerung des Unternehmens. Bisher gab es das Programm nur für das Management, jetzt brechen wir es herunter auf die gesamte Belegschaft. Dabei richten wir uns an quantifizierbaren Kriterien aus, wie zum Beispiel Ausschussquoten oder Kundenreklamationen.

VDI nachrichten: Seit fast 20 Jahren führen Sie das Unternehmen jetzt gemeinsam. Wie sieht die Aufgabenverteilung aus?

Margrit Harting: Mein Mann kümmert sich um die technologische Ausrichtung des Unternehmens. Ich selbst bin für das Personalwesen, das Qualitätsmanagement und die Kommunikation zuständig, intern wie extern.

VDI nachrichten: Vermutlich sind Sie nicht bei allen Fragen einer Meinung. Wie lösen Sie Konflikte?

Margrit Harting: Wir sind jetzt 35 Jahre verheiratet und immer noch glücklich, wie Sie hoffentlich merken. Mein Mann weiß, dass dem Unternehmen die weibliche Sicht der Dinge gut tut. Unsere Besucher spüren offenbar, dass hier eine Frau mit am Werk ist. Männer achten weniger auf die vermeintlich kleinen Dinge, die eben auch eine Firmenkultur prägen. Das fängt mit dem Empfang unserer Gäste an, geht über stets gepflegte Blumenbeete bis hin zu aufgeräumten Arbeitsplätzen.

VDI nachrichten: Alles soll immer frisch, sauber und aufgeräumt sein?

Margrit Harting: Ja, auch wenn das wie ein Klischee klingt. Das sind nicht nur Äußerlichkeiten. Es ist kein Zufall, dass wir bei allen Qualitätsaudits hervorragend abschneiden. Wenn ein Auditor ins Haus kommt, bildet er sich ein Gesamtbild vom Unternehmen. Da sind Sauberkeit und Ordnung unverzichtbar. Sie sind integraler Bestandteil unserer Qualitätspolitik.

VDI nachrichten: Zurück zum Thema Konflikte. Wenn man als Paar so lange gemeinsam ein Unternehmen führt, dann muss es doch auch mal krachen. Wie finden Sie eine gemeinsame Linie?

Margrit Harting: Wir versuchen über intensive Diskussionen herauszufinden, welcher der richtige Weg ist. Dazu gehört auch, Kompromisse einzugehen und nicht mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Wobei ich eigentlich zum letzten Typus neige.

Dietmar Harting: Im Zweifel schiebt meine Frau mir die Verantwortung zu¿

Margrit Harting: ¿ weil Du den größeren Anteil am Unternehmen hältst. Einer muss das letzte Wort haben. Wichtig ist, dass wir zu der Entscheidung dann auch gemeinsam stehen. Da sind wir sehr konsequent.

VDI nachrichten: Das klingt nach ganz viel Harmonie ¿

Margrit Harting: Ja, im Wesentlichen ist das so. Und daraus schöpfen wir die Kraft für unsere Aufgaben. Die meisten Irritationen entstehen im Privatbereich. Manchmal würde ich mir wünschen, dass mein Mann wenigstens am Wochenende für ein paar Stunden Harting Harting sein lässt.

Dietmar Harting: Was mir zugegebenermaßen nicht leicht fällt. Wenn es ihr zu viel wird, flüchtet sie in den Garten, sofern die Witterung es zulässt.

PETER SCHWARZ

Ein Beitrag von:

  • Peter Schwarz

    Ressortleiter Wirtschaft bei VDI nachrichten. Fachthemen: Wirtschaftspolitik, Konjunktur, Unternehmen.

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