Management

Die Management-Sinfoniker

Wer im Orchester der Führungskräfte mitmachen möchte, braucht nicht nur Musikalität, sondern auch einen Hauch Unterwürfigkeit. Wo treffen sich die Bläser? Damen und Herren aller Altersklassen eilen mit Instrumenten unter dem Arm durch die Gänge des Gewandhauses. Heute sind Registerproben für „The Management“, das erste deutsche Führungskräfteorchester tritt an.

Die ersten Geigen gehen freiwillig in einen Kellerraum – den Blechbläsern klingelten hier gestern bei der Probe die Ohren, die Decke ist zu niedrig für die Lautstärke von Posaunen und Trompeten. In diesem Jahr geht es darum, die 8. Sinfonie von Dvoràk einzustudieren. Zwei Tage wird geprobt, am dritten ein Werkstattkonzert im Gewandhaus gegeben. Gemeinsam mit Stefan Artzberger, erster Geiger beim Leipziger Gewandhausorchester, feilen die Violinen an Triolen und schleppenden Takten. Die Arbeitsatmosphäre ist freundlich, ehrgeizig und professionell – und das Klangergebnis gar nicht so schlecht.
Ein musikalischer Laie würde kaum merken, dass hier keine Profis, sondern Chefärzte, Richterinnen, Staatsanwälte und Unternehmensstrategen den Bogen führen. Michael Mirrow, Ex-Leiter der Unternehmensstrategie bei Siemens, zählt ebenso dazu wie Daniel Marti vom Reader’s Digest Verlag und Stefan Willich von der Berliner Charité.
Unter denen, die hier am sauberen Klang ihrer Geigen arbeiten, ist auch Peter Gartiser, Geschäftsführer der Metrum Managementberatung aus München, der gemeinsam mit seinem Kollegen Nicolaus Steenken die Idee für das Manager-Orchester hatte. Selbst begeisterte Musiker, trafen die beiden immer wieder Geschäftspartner, die auch ein Instrument spielten. Manche haben sogar eine Musikerkarriere dem Managerdasein geopfert. Wenn es schon Ärzteorchester gibt, dachte sich Gartiser, warum soll es dann nicht auch ein Ensemble aus Führungskräften geben?
Steenken und er wandten sich an den Gewandhausdirektor Andreas Schulz, der für ihre Idee rasch zu begeistern war. Und über eines war man sich gleich einig, erzählt Peter Gartiser: „Wenn wir ein Management-Orchester gründen, dann brauchen wir einen absoluten Star als Dirigenten.” Den fand man in Herbert Blomstedt, dem Chefdirigenten des Gewandhauses und Nachfolger von Kurt Masur. Er ist für die Manager die unangefochtene Führungskraft. „Wir folgen seiner Autorität fast willenlos mit großem Engagement,” räumt Gartiser ein.
Otmar Zwiebelhofer, Inhaber der Königmetall in Gaggenau und Präsident von Südwestmetall, sieht durchaus Parallelen zwischen dem Dirigieren eines Orchesters und der Führung eines Unternehmens. Allerdings: „Das, was der Orchesterchef letztlich darstellt, ist vielleicht ein Relikt, in der Führung eines Unternehmens ist das heute ja nicht mehr möglich, wir führen alle irgendwie im Team. Aber hier ist doch ein bisschen die reine Form noch erhalten, da ist einer, der weiß, was er will und einer, der es ausführt.”
Was ihre Mitarbeiter im Unternehmen wohl kaum mit sich machen ließen, gefällt den Führungschefs im Gewandhaus ganz gut. „Wenn so ein großer Musiker wie Blomstedt sagt: ,So, das muss mit einem Abstrich gespielt werden, das hat der Komponist sich so und so gedacht´, da gibt es keine Diskussion und das tut eigentlich auch mal wieder gut, an die Ursprünge einer Führungstechnik zu gehen, von der wir uns in der Industrie ganz bewusst entfernt haben”, so Zwiebelhofer.
Unter Blomstedt, der seine Kritik am Spiel der Führungskräfte stets freundlich und motivierend anbringt, gibt es kein Laissez-faire – so wenig wie unter den ehrgeizigen Laienmusikern selbst. Wer hier mitmachen will, muss die nötige musikalische Qualität mitbringen. „Deswegen bitten wir um eine kleine musikalische Selbstauskunft, wie das Instrument und das Repertoire auch angelegt ist,“ erklärt Gartiser. Acht Wochen vor der Veranstaltung, die in diesem Jahr zum vierten Mal stattfand, erhielten die etwa 80 Teilnehmer dann ihre Noten. Dass man sich auf das Ereignis in Leipzig vorbereitete, wird selbstverständlich erwartet. Denn inzwischen bewerben sich rund 30 % mehr Manager, als im Orchester Platz finden. Wer sich nicht bewährt, kann also im nächsten Jahr ersetzt werden.
„Das hat sich als kleiner sozialer Druck etabliert,” meint Gartiser, und findet das eigentlich ein ganz gutes Prinzip. „Da möchte sich auch keiner eine Blöße geben”, erzählt die Architektin und Denkmalschützerin Katharina Ibach (Cello), „das finde ich auch gerade in den Registerproben sehr interessant. Man merkt, dass sich jeder das Werk angesehen hat und damit vertraut ist.”
Für die Köpfe aus der Wirtschaft ist „The Management-Symphony“ eine rundum tolle Sache, aber für das Gewandhaus? Es verdient an den Veranstaltungen bisher keinen Cent. Das Orchester ist ein Non-Profit-Projekt erklärt Peter Gartiser. „Aber es stellt eine Möglichkeit dar, das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Wir glauben, dass durch dieses Projekt die Wirtschaft dafür sensibilisiert wird, welche Hochleistung ein Spitzenorchester erbringt, warum es so arbeitet, wie es arbeitet und warum es solche Budgets braucht.” In Zeiten schrumpfender Kulturhaushalte sicher ein geschickter Weg, um auf lange Sicht ein Netzwerk in die Wirtschaft zu knüpfen.
ANDREA LUEG

Info: Das nächste Werkstattwochenende findet voraussichtlich im Juni 2003 statt.
Kontakt über Peter Gartiser, The Management Symphony, Metrum Management Beratung, Tel. 089–20232090, E-Mail: metrum@pantos.de

Von Andrea Lueg

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