Management

Die hektische Suche nach dem neuen Chef

Chancen für ehrgeizige Jung-Unternehmer. Doch die scheidenden Bosse kümmern sich zu spät um ihre Nachfolger.

Herbert Pohlmann (Name geändert) hatte einen wahren Gesprächsmarathon hinter sich. Wirtschaftsförderer, Industrie- und Handelskammer, zahlreiche Geschäftsfreunde und selbst das NRW-Wirtschaftsministerium hatte er aufgesucht, um einen geeigneten Nachfolger für sein Unternehmen, ein Computersystemhaus, zu finden. Doch alles vergeblich. „Ich ging immer wieder enttäuscht nach Hause“, erinnert sich der 66jährige, bis er durch Zufall auf ein Pilotprojekt des Düsseldorfer Landesarbeitsamtes stieß. Auf die Idee war Pohlman nicht gekommen: Sein zukünftiger Nachfolger war vorher arbeitslos. Werner Marquis ist mit dem Nachfolgeproblem Pohlmanns bestens vertraut: „Die Begeisterung von Töchtern und Söhnen vieler kleiner und mittelständischer Unternehmer, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, hält sich in Grenzen“, so der Sprecher des NRW-Landesarbeitsamtes. Bestätigung findet er in den Untersuchungen des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn, wonach bundesweit rund 300 000 kleine und mittelständische Betriebe mit rund 4 Mio. Beschäftigten in den nächsten Jahren einen neuen Eigentümer finden müssen, weil der jetzige Firmenchef aus Altersgründen ausscheiden will. Aufgrund dieser besorgniserregenden Konstellation kam man in Düsseldorf auf „die eigentlich brillante Idee“ (Marquis), den verzweifelt gesuchten Nachfolger von morgen in einer Gruppe von Arbeitnehmern zu suchen, die längst viel zu groß geworden ist: bei den Arbeitslosen. „Dort gibt es auch viele hervorragend qualifizierte Leute, die noch vor kurzem als Geschäftsführer mehr als 150 000 DM im Jahr verdient haben“, sagt Jürgen Fulde, der mit seiner Unternehmensberatung an dem Projekt „Zukunftssicherung im Mittelstand“ beteiligt ist, indem er mögliche Kandidaten aus der Kartei herausfiltert und in Bewerbungsgesprächen und Assessmentcenter auf „Herz und Nieren“ prüft, bevor sie an passende Unternehmen zu den Verhandlungen vermittelt werden. Von den 320 Bewerbungen blieben am Ende rund 30 Kandidaten übrig, die dem gesuchten Unternehmerprofil entsprachen. Während also das Interesse der zumeist arbeitslosen Akademiker an der Unternehmensübernahme durchaus vorhanden war, ergaben sich allerdings auf seiten der Unternehmer ungeahnte Probleme. „Für viele altgediente Chefs war es zunächst nicht vorstellbar, daß ihr Nachfolger arbeitslos war“, so Fuldes Erfahrung. Statt dessen waren unrealistische Wunschvorstellungen an der Tagesordnung: „Am besten 35 Jahre alt, mit viel Führungsqualitäten und Kapital“, beschreibt Sonja Singrin, Projektleiterin im Hause Fulde, die Erwartungen vieler Firmen-Altchefs. Um welche empfindliche zwischenmenschliche Prozesse es sich hier handelt, erlebten die Initiatoren bei Fällen, in denen es tatsächlich gelang, Chef und Nachfolgekandidaten aussichtsreich zusammenzubringen. „Wir hatten einen Fall“, erinnert sich Werner Marquis, „bei dem eigentlich alles bereits geregelt war und es dann beim Notartermin plötzlich daran scheiterte, daß der neue Chef mit einem roten Sportwagen vorfuhr.“ Das könne er seinen Mitarbeitern nun wirklich nicht zumuten, ließ der Chef die verdutzten Beteiligten wissen und sagte die Übernahme kurzerhand ab. Marquis: „Dann können wir natürlich auch nicht mehr helfen.“ Neben diesen zwischenmenschlichen Problemen war die fehlende Kooperationsbereitschaft der Altchefs oft allein auf die Sorge zurückzuführen, ob der Nachfolger über ausreichendes Kapital verfügt. „Bei vielen steht, wenn es konkret wird, dann doch die betriebswirtschaftliche Verwertung ihres Unternehmens im Vordergrund“, so der Landesarbeitsamtssprecher. Andere öffnen sich dem Nachfolgeproblem einfach zu spät. „Erst wenn der dritte Herzinfarkt da ist, wird plötzlich Hals über Kopf ein Nachfolger gesucht“, hat Werner Marquis öfter beobachtet. Obwohl inzwischen auch das NRW-Wirtschaftsministerium mit Hilfe von EU-Mitteln ein eigenes Nachfolgemodell aufgelegt hat, zweifeln die Beteiligten des Düsseldorfer Pilotprojektes inzwischen an den Schätzungen der Wissenschaftler. „So langsam glauben wir die Zahlen nicht mehr, denn wo sind denn all die nachfolgersuchenden Chefs?“, fragt sich beispielsweise Unternehmensberater Fulde. An drohenden Kosten kann die Zurückhaltung der Unternehmer nicht gelegen haben, denn die Teilnahme an der Nachfolgesuche inklusive umfassender Beratungsgespräche war für sie wie auch für die Bewerber kostenlos. Werner Marquis ergänzt: „Es haben sich einfach zu wenige Unternehmen gefunden, und diese kamen zudem aus vollkommen unterschiedlichen Marktsegmenten.“ Das Pilotprojekt läuft bis zum Ende des Jahres. „Drei bis fünf Übernahmen“ sollen bis dahin noch erfolgreich abgewickelt werden. Ein kurzfristiger Boom sei nicht mehr zu erwarten, so Fulde, schließlich „muß man vom ersten Kontakt bis zur Abwicklung seriöserweise mit rund zwölf bis 18 Monaten rechnen“. Das schließt Tiefeninterviews über die jeweiligen Vorstellungen und Profile, gemeinsame Gespräche zusammen mit Wirtschaftsprüfer und Steuerberater, Mitarbeiter- und Kundentreffen, aber auch persönliche Termine zusammen mit den Ehepartnern ein. Ist man sich auch nach diesem Verhandlungsmarathon noch sympathisch, geht es schließlich um den wichtigsten Punkt: den Kaufpreis. Und doch hält Projektleiterin Singrin „die persönliche Chemie der beiden Verhandlungspartner“ für den entscheidenden Erfolgsfaktor: „Oft handelt es sich um hochsensible Märkte mit jahrelang erarbeitetem Insiderwissen, so daß die Scheu und Vorbehalte in den Gesprächen oft die größte Gefahr sind.“ So war auch bei Herbert Pohlmann von Beginn an die Sympathie für seinen möglichen Nachfolger entscheidend. „Als wir uns dann gefunden hatten, haben wir die ganze Sache eigentlich ganz allein abgewickelt“, so der Noch-Firmenchef. Die vorübergehende Arbeitslosigkeit seines Nachfolgers habe ihn nicht gestört. Da dies jedoch die Ausnahme ist, macht sich Jürgen Fulde schon Gedanken darum, ob es nicht „höchste Zeit ist, den Begriff arbeitslos endlich neu zu definieren“. Oft heiße es, „jemand ist arbeitslos und Punkt. Besser wäre es, darüber zu sprechen, warum jemand arbeitslos ist, um endlich dieses Stigma loszuwerden“. Für Mitte November ist der Notartermin für Herbert Pohlmanns Betriebsübergabe festgesetzt. „Zu 98 % ist alles sicher“, sagt er. Mit dem Rest an Unsicherheit sei es „wie beim Heiraten: Das Ja vor dem Altar fehlt eben noch.“ Hauptsache, der Bräutigam kommt nicht mit rotem Sportflitzer.ANDREAS LEIMBACH

Von Andreas Leimbach

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