Management

„Die großen und kleinen Worldcoms in Deutschland“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 11. 11. 05 – Die Bilanzierungsvorschriften in den USA gelten seit dem Worldcom- bzw. Enron-Skandal vielen als zu liberal und anfällig für Betrügereien. Doch auch die konservative Rechnungslegung nach deutschem Handelsgesetzbuch lässt Geschäftsführern und Vorständen jede Menge Spielraum, die Vermögenssituation eines Unternehmens deutlich besser erscheinen zu lassen, als sie es tatsächlich ist.

Als Musterbeispiel fragwürdiger Zahlenkosmetik wird unter Wirtschaftsprüfern die Transaktion mit dem alten Parkstadion in Gelsenkirchen angesehen. Schalke 04 kaufte 2003 der Stadt das marode Bauwerk zum symbolischen Preis von 1 € ab. In der Bilanz wurde es dann mit 15 Mio. € als außerordentlicher Ertrag auf der Habenseite verbucht. Der Wert war von zwei Gutachtern ermittelt worden. Auftraggeber: Schalke 04. Der ausgewiesene Verlust des Vereins von 19 Mio. € schrumpfte mit einem Schlag auf 4 Mio. €.

„Ohne die – aus Konzernsicht – ständigen Luftbuchungen wäre Schalke längst an die Wand gefahren“, kritisierte Karlheinz Küting, Professor am Institut für Wirtschaftsprüfung (IWP) der Universität des Saarlandes. Dabei hatte der Fußballclub lediglich die Möglichkeiten ausgenutzt, die bilanzierenden deutschen Unternehmen zur Verfügung stehen – nur dass deren Rechnungslegung nicht spektakulär in der Öffentlichkeit zerpflückt wird.

Von den „ganz legalen Bilanztricks der großen und kleinen Worldcoms in Deutschland“ spricht Ottmar Schneck. Der Inhaber des Lehrstuhls Banking, Finance & Risk an der European School of Business (ESB) Reutlingen nennt unter anderem folgende Beispiele:

– Das Unternehmen kauft Maschinen. Der Sachanlage können bestimmte Gemeinkosten, zum Beispiel der Einkaufsabteilung, hinzugerechnet werden. Wer seine Bilanzen aufpolieren will, nutzt diese Möglichkeit extensiv aus und streckt andererseits die wertmindernden Abschreibungen über einen möglichst langen Zeitraum.

– Firmengrundstück und Anlagevermögen: Bestellte Gutachter bestätigen die „Nachhaltigkeit“ der Vermögenszunahme, die der Bilanz zugeschrieben werden darf.

– Ein neues Geschäftsfeld wird eröffnet: Das Unternehmen überträgt die anfänglichen Verluste – statt sie als solche auszuweisen – als Vermögensposition in die Bilanz. Die „Aufwendungen für Ingangsetzung“ können wie ein realer Vermögensgegenstand behandelt werden, wenn zu erwarten ist, dass die Maßnahmen zu Erträgen führen.

– Patente und Lizenzen: Sie dürfen in Deutschland zwar nur als Vermögen gebucht werden, wenn sie fremd beschafft bzw. wenn ein Anschaffungspreis vorliegt. Trick: Durch Auslagerung der Forschungsabteilung und Rechterwerb werden die immateriellen zu bilanzierbaren Gütern.

– Geliehenes Vermögen: In der Bilanz stehen nicht nur die Vermögensgegenstände, die dem Unternehmen juristisch gehören, sondern alle, die es wirtschaftlich nutzt. Es gibt Möglichkeiten, einen Leasingvertrag so zu gestalten, dass zum Beispiel der gemietete Fuhrpark in der Bilanz auftaucht.

– Vermögensübertragung: Kurz vor dem Bilanzstichtag werden zwischen Mutter- und Tochtergesellschaft das eine oder andere Grundstück, Vorräte oder Forderungen übertragen, wobei die Verrechnungspreise nicht den Marktpreisen entsprechen müssen. Bestimmte Vermögensgegenstände tauchen immer dort auf, wo die Bilanz gerade aufzupolieren ist.

„Das ist gängige Praxis und nur ein kleiner Ausschnitt aus den Möglichkeiten“, kommentiert Klaus Schneider, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Der Aktionär müsse die Zahlen mit der gebotenen Vorsicht betrachten. Das gelingt allerdings selbst Bankern nicht immer.

Der gewiefte Bilanzierer schneidet auch beim Rating der Bank gut ab. Zwar führt jede künstliche Erhöhung des Eigenkapitals rechnerisch zu einer Verschlechterung der Eigenkapitalrendite. Die Ansätze und Kennzahlen ließen sich mit Hilfe moderner Software jedoch gut austarieren, so Experte Schneck. Kreditinstitute hätten immer noch ein besonderes Faible für die Masse.

Bankenexperte Prof. Wolfgang Gerke spricht von einer „beinahe magischen Wirkung“ von Vermögensangaben. Beispiel: Der Fall Flowtex. Der Wert tausender Maschinen ließ die Bilanz glänzen. Doch niemand kam auf die Idee, sich vom Vorhandensein der Anlagen zu überzeugten. Professor Schneck: „Wenn mit künftigen Bilanzierungsstandards auch Human-, Innovations- und Imagekapital bewertbar wird, werden wir noch viel häufiger mit vermeintlichen Bilanzskandalen konfrontiert.“ Auf ganz legale Weise.

MANFRED GODEK

Von Manfred Godek
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