Management

„Die Deutschen denken noch zu national“

VDI nachrichten, Düsseldorf, 23. 7. 04 -Der Belgier André Leysen ist einer der schärfsten Kritiker der Deutschland AG. Für den Ehrenvorsitzenden der Gevaert-Holding und Ex-Telekom-Aufsichtsrat zeigt der Mannesmann-Prozess, wie sehr deutsche Konzerne durch wechselseitige Abhängigkeiten von Arbeitnehmervertretern und Vorständen blockiert werden. Auch die Innovationskraft der Unternehmen werde so geschwächt.

VDI nachrichten: Herr Leysen, ist das deutsche Modell der Marktwirtschaft am Ende?
Leysen: Die Marktwirtschaft nach deutscher Art ist auf Ausgleich der Interessen von Gesellschaft, Mitarbeitern und Anteilseignern ausgerichtet. Diese typische Stakeholder-Value-Unternehmensform beruht auf dem System der Mitbestimmung, also die paritätische Besetzung der Aufsichtsräte. Das System hat sich lange Zeit bewährt, inzwischen aber schaden einige Aspekte des Mitbestimmungsgesetzes dem Ansehen Deutschlands.
VDI nachrichten: Warum?
Leysen: Das deutsche Mitbestimmungsmodell hat ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern geschaffen, das bis zur Interessenverfilzung führt. Der Vorstand braucht für seine Ernennung und seine finanzielle Vergütung das Placet der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat. Im Gegenzug ist oft nicht zu vermeiden, dass die Arbeitnehmervertreter ihre Wünsche bei Sozialleistungen durchdrücken. Als einziges Land in Europa müssen alle Vorstandsgehälter in Deutschland von den Arbeitnehmervertretern gutgeheißen werden.
Ein weiterer Nachteil der Deutschland AG ist, dass durch die Größe des Aufsichtsrats die Vertraulichkeit nicht mehr gewährt ist. Um Indiskretionen zu vermeiden, informiert der Vorstand den Aufsichtsrat so spät und wenig wie möglich. Für die Arbeit des Aufsichts-rats ist das nicht gerade zuträglich.
VDI nachrichten: Deckt der Mannesmann-Prozess die Schwächen der Deutschland AG auf?
Leysen: Ja. Für einen Ausländer, der das deutsche System nicht kennt, ist es geradezu grotesk, dass der oberste deutsche Banker und der oberste Gewerkschaftsboss zusammen auf der Anklagebank sitzen, weil sie eine Vergütung eines Vorstandsvorsitzenden gutgeheißen haben. Die Höhe des Geldbetrags mag manche Leute in der Öffentlichkeit stören, aber es ist nicht Sache des Gerichts, die Grenze für eine Vergütung zwischen Ermutigungsprämie und krimineller Handlung zu ziehen. Das ist mehr eine Sache der individuellen Moral.
Der Mannesmann-Prozess hat zudem schonungslos offen gelegt, wie das System der Vergütungen in Deutschland funktioniert. Das deutsche Mitbestimmungsgesetz erlaubt den Gewerkschaften, alle Lohnforderungen durch das Präsidialkomitee im Aufsichtsrat mitzubestimmen. Das ist in Europa einmalig.
VDI nachrichten: Sie unterscheiden zwischen dem deutschen Stakeholder-Value-Modell und dem angelsächsischen Shareholder-Value-Modell. Welches System wird sich durchsetzen?
Leysen: Ich bin überzeugt, dass sich das angelsächsische Modell, das mehr auf die Aktionärsinteressen ausgerichtet ist, weltweit durchsetzen wird. Es hat sich in den vergangenen Jahren als deutlich effizienter erwiesen. Vergleichen Sie einmal die Innovationskraft von europäischen und amerikanischen Firmen. Wie eine Studie ergeben hat, sind sechs der zehn größten US-Firmen nach 1968 gegründet worden. In Europa befindet sich das größte nach 1968 gegründete Unternehmen gerade einmal auf Platz 73. Es ist SAP. Das zeigt: Deutsche und Europäer investieren in Renten und Abschiedsprämien, während Amerikaner in die Zukunft investieren.
VDI nachrichten: Und dafür sollen die Gewerkschaften verantwortlich sein?
Leysen: In Deutschland können die Gewerkschaften zwar nicht alles durchsetzen, was sie wollen, aber sie können alles verhindern, was sie nicht wollen. Es ist auch möglich, dass in Deutschland der Shareholder-Value-Ansatz falsch verstanden wurde. Einige meinten wohl, dass Shareholder Value mit „Managers Wohlsein“ übersetzt werden müsse. Bundespräsident Köhler hat in seiner Antrittsrede gesagt, er wünsche sich, dass die Führungskräfte eine Kultur der Verantwortung und der Mäßigung vorleben. Einige wenige, die diese Kultur in letzter Zeit für sich aus den Augen verloren haben, haben in jüngster Zeit dem Berufsstand der Unternehmer sehr geschadet. Wie kann man Mäßigung predigen, wenn man sich zuerst selbst bedient?
VDI nachrichten: Glauben Sie, dass Deutschland reformierbar ist?
Leysen: Ich möchte Deutschland mit dem Mann aus Honoré de Balzacs Roman vergleichen, der ein Chagrinleder besitzt und sich davon allerlei Wünsche erfüllen lassen kann. Doch bei jedem Wunsch schrumpft das Leder. Irgendwann stellt man fest, dass es kein Chagrinleder mehr gibt. So ergeht es derzeit auch Deutschland: das Chagrinleder ist aufgebraucht. Deutschland wird jetzt mit der harten Realität konfrontiert. In wenigen Jahren wird Deutschland nur noch ein Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und an Einfluss verlieren. Andererseits glaube ich, dass Deutschland genügend Realitätssinn besitzt, um noch rechtzeitig umzusteuern.
VDI nachrichten: Als Vorbild für Deutschland nennen Sie das niederländische Modell. Warum?
Leysen: Das niederländische Mitbestimmungsmodell ist sehr praktisch. Es gibt drei Instanzen: den Aufsichtsrat, den Vorstand und den Betriebsrat. Der Betriebsrat hat zwar keinen Sitz im Aufsichtsrat, dafür aber ein informelles Mitentscheidungsrecht bei der Bestellung der Aufsichtsräte. Wird ein Aufsichtsrat vom Betriebsrat nicht gewollt, kann sich der Vorstand kaum darüber hinwegsetzen.
VDI nachrichten: Als Belgier müsste für Sie die Deutschland AG doch eigentlich nebensächlich sein. Weshalb engagieren Sie sich so in der Debatte um die Zukunft des deutschen Modells?
Leysen: Die Deutschen denken noch zu national. Wir sind wirtschaftlich doch längst alle Europäer, weil wir alle dieselbe Währung haben. Da muss man doch auch als Belgier seine Meinung zu Deutschland sagen dürfen.
NOTKER BLECHNER

Von Notker Blechner

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