Management 21.09.2007, 19:30 Uhr

„Der innovativste Schweißer der Nation“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 21. 9. 07, ps – Auf einem restaurierten Dreiseitenhof bei Halle a.d. Saale steht modernste Schweißtechnik. Zuhause sind hier zwei Ingenieure, die ihr Know-how noch an DDR-Instituten erworben haben und es heute weiter ausbauen. 200 Stammkunden für elektronen- und laserstrahlgeschweißte Bauteile sowie Spezialschweißungen an Sonderbaustoffen sitzen in ganz Europa und Übersee. Fragen an den Gründer des Unternehmens Götz Sobisch.

Sobisch: Die Lust am Forschen, an immer neuen Ideen. Sicher spielte auch meine Vita eine Rolle. In der DDR habe ich viel wissenschaftlichen Vorlauf zusammengetragen, so im Zentralinstitut für Schweißtechnik (ZIS) unter dem auch im Westen legendären Professor Werner Gilde. Nach der Einheit bot sich nun die Chance, einiges davon unternehmerisch umzusetzen.

VDI nachrichten: Im Innovationsmagazin des Bundeswirtschaftsministerium nannte man Sie den „wohl innovativsten Schweißer der Nation“…

Sobisch: Das war Ergebnis des Programms „Futur“ für innovative Unternehmensgründungen. Es war sehr wichtig für unsere Firma. Zuvor arbeitete ich in der Schweißtechnischen Lehr- und Versuchsanstalt Halle. Ein Teil des Geldes zur Gründung einer Firma für Elektronenstrahlschweißtechnik, so für den Erwerb von ein, zwei Anlagen, mit denen wir Geld verdienen wollten, sollte aus jenem geförderten Forschungsvorhaben kommen. Wir wollten den Leuten, die wir einstellen, wenigstens zweieinhalb Jahre lang die Löhne zahlen können.

VDI nachrichten: Und der Rest des Geldes?

Sobisch: … sollte aus Krediten kommen, teils aus einem Risikokapitalfonds, wo man uns offenbar einiges zutraute, teils von der Bank. Doch dann verdichtete sich zunächst recht brutal die Erkenntnis, wenn wir einen Handel aufbauen und nur Produkte verkaufen, bekommen wir das Geld. Machen wir aber eine Konkurrenz für westdeutsche Firmen auf, suchen also den Verdrängungswettbewerb, gibt es nichts. So funktioniert eben der Kapitalismus. Am Ende dauerte es fast zwei Jahre, ehe mein Partner Joachim Schenke, ein Anlagenbauingenieur, und ich das Geld zusammen hatten nun über die Sparkasse in Halle. Im August 1998 konnten wir richtig starten.

VDI nachrichten: Am Verdrängungswettbewerb beteiligen Sie sich dennoch nicht?

Sobisch: Natürlich suchten wir anfangs Kunden im nahen Umland. Schnell bildeten sich aber drei gleichrangige Standbeine heraus. Das sind einmal Lohnschweißungen, ein recht risikofreies Geschäft, das uns 40 % des Umsatzes einspielt. Zweitens bieten wir elektronenstrahlgeschweißte Bauteile an, für die wir selbst das Material kaufen und die wir nach Kundenwunsch fertigen – das ist schon mehr risikobehaftet, bringt aber bessere Gewinnmargen. Und drittens übernehmen wir sehr komplizierte Schweißaufgaben, von denen sich unsere Kunden, die heute aus halb Europa und aus Übersee kommen, vorher oft überhaupt nicht vorstellen können, dass dies geht.

VDI nachrichten: Was ist überhaupt Elektronenstrahlschweißen?

Sobisch: Das kennt kaum jemand, aber jeder hat es zu Hause – in der Fernsehbildröhre. Hier bewirkt der Elektronenstrahl mit einer wahnsinnigen Bewegung ganz unterschiedlicher Intensität das Bild. In unseren CNC-gesteuerten Schweißanlagen geben wir dem Elektronenstrahl aber nicht 10 W oder 15 W sondern bis zu 30 kW. Damit lassen sich sehr tiefe schmale Nähte schweißen, und das in einer extremen Geschwindigkeit. Einen Behälter mit 60 mm Wandstärke, für den man mit herkömmlicher Technik zum Schweißen Tage benötigt, schweißen wir in einer halben Stunde.

Zudem schweißen wir ungewöhnliche Materialverbindungen, etwa Molybdän mit Chrom-Nickel. Das Elektronenstrahlschweißen setzt also klassische Forderungen außer Kraft wie: gleicher Werkstoff, gleiche Materialdicke, geringe Wärmeleitung, geringer Anteil Eisenbegleiter sowie geringer Kohlenstoffgehalt.

VDI nachrichten: Inwiefern geht das technologisch überhaupt?

Sobisch: Ich weiß, jeder der sich auskennt mit Metallurgie, sagt, das ist nicht schweißbar und verweist auf die intermetallische Phase. Hier muss die Naht bei der geringsten Zugbelastung brechen. Doch wir schweißen vakuumdicht auch Rotguss mit Baustahl oder Titan mit Platin oder Wolfram.

Unser Geheimnis besteht darin, das Verfahren so mit einer Konstruktion zu koppeln, dass die Schweißnaht nie unter Zugspannung gerät. Bei all diesen Sachen greife ich übrigens noch auf meine eigene Studienzeit in Magdeburg zurück. Für eine Belegarbeit musste ich untersuchen, was passiert, wenn ich etwa Silber mit Kupfer verschmelze. Darüber habe ich ein ganzes Buch verfasst. Und wenn heute einer anruft und fragt, können wir dies mit dem verschweißen, nehme ich die alten Aufzeichnungen und schaue nach.

VDI nachrichten: Wer benötigt Molybdän, das mit Chrom-Nickel verschweißt ist?

Sobisch: Etwa die Glasindustrie. Denn um Glas aufzuheizen, braucht es eine inneliegende Molybdänsonde. Zugleich muss diese gekühlt werden, damit das Glas geregelt schmilzt – und dieses Kühlsystem besteht aus Chrom-Nickel-Stahl. Das macht etwa eine Firma in Jena. Mit ihr arbeiten wir schon lange zusammen. Sie brachte beispielsweise einen Glastauchsieder, den ich vor längerer Zeit mitentwickelt habe, jetzt zur Produktionsreife und vermarktet ihn auch lohnend. Eine andere Sache sind Getriebe, die man immer weniger mit Öl oder garnicht schmieren will. Das geht, indem man Rotguss oder bestimmte Kupferlegierungen mit einem Stahl zusammenlaufen lässt. Derzeit wächst der Bedarf nach schmierungsfreien Getrieben, bei denen also mindesten ein Bauteil aus solch einer Legierung besteht.

VDI nachrichten: Also sind Ihre Hauptkunden Maschinenbauer?

Sobisch: Ja, aber auch die Chemieindustrie fragt zunehmend nach, vor allem im Armaturenbereich. Und ebenso Gießereibetriebe. Unlängst hatten wir einen Kunden, der Bauteile aus Wolfram benötigt. Doch da diese auch gesintert werden müssen, hätte die Lieferung ein halbes Jahr gedauert. So lange hätte er auf dem Schlauch gestanden. Solche Firmen kommen dann zu uns und sagen: Könnt ihr uns das nicht auch schweißen?

VDI nachrichten: Wie finden Sie Ihre Kunden?

Sobisch: Viel per Internet. Wer bei „Wer liefert was?“ Molybdän eingibt, landet schnell bei uns. Zunehmend werden wir auch empfohlen. Außerdem haben wir einen Partner für die mechanische Bearbeitung, das Technocenter Schönebeck. Hier stoßen Firmen immer wieder auf unsere speziell verschweißten Bauteile, die sie so noch nie gesehen haben. Und dann stehen sie in Teicha vor der Tür. So auch eine Gießerei, die bei einer ganzen Serie Gussteile große Löcher hatte. Man fragte an, ob wir das schweißen können. Andernfalls hätte man alles einschmelzen müssen, denn mit normaler Technik wäre der Guss beim Schweißen kaputt gegangen. Wir konnten!

VDI nachrichten: Sind sie denn konkurrenzlos? Elektronenschweißanlagen haben doch auch andere, teils viel größere Anbieter.

Sobisch: Aber diese sind auf Massenproduktion fokussiert. Konkurrenzlos sind wir jedoch, was die kundenspezifische Einzelfertigung und die Qualitätsstandards angeht. Bei uns gilt das Prinzip ist, dass wir nur fertige Produkte abgeben, die wir bei Josch selbst zertifizieren – wir haben hierfür alle nötigen Papiere. Der Kunde kann das Teil also einbauen, ohne es noch einmal zu kontrollieren. Das war bisher noch nicht üblich auf dem Markt.

VDI nachrichten: Wie lohnend ist denn das Geschäft in der Nische?

Sobisch: Lohnend. Wenn wir etwas scheuen, so die Abhängigkeit von wenigen Großkunden. Bei uns darf kein Auftraggeber mehr als eine Vierteljahresschicht des Umsatzes bringen. Heute haben wir rund 200 Stammkunden, und unser Umsatz wächst von Jahr zu Jahr zweistellig. In dem Maße, wie wir Innovationen bringen, mit denen sich auch dickere Materialien schweißen lassen, kommen auch ganz neue Kundenkreise hinzu. Hier müssen wir allerdings oft noch gegen Skepsis und Ignoranz ankämpfen, ehe sich diese Verfahren am Markt einführen lassen.

VDI nachrichten: Was beherrschen Sie technologisch, was andere nicht können?

Sobisch: Strategische Wettbewerbsvorteile bringt uns das patentrechtlich abgesicherte 3-D-Ektronenstrahlschweißen. Damit verbinden wir etwa beim Schweißen von Stutzen und Rohren T-Stücke mit komplizierten Gehäuseformen, und zwar ohne Zusatzmaterial, in einem einzigen Umlauf. Das ist weltweit einmalig.

VDI nachrichten: Warum beherrscht dies kein anderer? Ist es vielleicht doch zu riskant?

Sobisch: Nicht, wenn man es richtig macht. Salopp gesagt: Dahinter steckt sehr viel Mathematik, was anderen offenbar Probleme bereitet. Es ist also viel Vorkenntnis und Kopfarbeit nötig, wobei ich auch hier auf meine Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte zurückgreife.

VDI nachrichten: Ihre Anlagen heißen Josch 1 bis Josch 3 und beherrschen Erstaunliches, etwa Schweißen auf 13 mechanischen und fünf elektrische Achsen. Alles Eigengewächse?

Sobisch: Gebaut haben wir sie nicht, aber sie wurden nach unseren Vorgaben speziell gefertigt. In Josch 3 gingen 18 Innovationen von uns ein. Die Anlagen sind schon einzigartig und lassen sich ohne unser Know-how nicht nachbauen.

VDI nachrichten: Was sind die größten Teile, die Sie damit schweißen können?

Sobisch: Möglich sind Bauteile bis 2,50 m Durchmesser und 3 m Höhe. Die kleinsten Teile messen 2 mm im Durchmesser. Wir erreichen heute Schweißnahttiefen von 0,1 bis 100 mm und schweißen Stücke zwischen 5 g und bis 5 t.

VDI nachrichten: Wird es Josch 4 geben?

Sobisch: Ich denke schon, aber nicht mehr an diesem Standort. Der ist ausgereizt. Vielleicht gibt es ein Joint Venture mit einem großen Schweißbetrieb, der die Anlage dann in eigener Regie für größere Stückzahlen nutzt, was wir ja nicht wollen. Möglich wäre der Einsatz in Osteuropa, wo dann speziell in diesen Märkten elektronenstrahlgeschweißt wird – und wir liefern innovative Spezialleistungen zu.

VDI nachrichten: Warum Osteuropa, wegen der niedrigeren Löhne?

Sobisch: Das ist ein gängiger Irrtum. Nein, wir wollen die Elektronenstrahllösungen in neue Märkte einbringen und dann daran partizipieren. Und in Osteuropa fanden wir mehr innovatives Entgegenkommen als etwa im Westen Deutschlands. Hier sind die meisten Betriebe richtig satt. Ihnen geht es derzeit ganz gut, so scheut man das Risiko, wenn einer mit ungewöhnlichen Ideen kommt. Im Osten dagegen sind sie noch hungrig.

VDI nachrichten: Was haben Sie für die nächsten Jahre noch an Ideen im Köcher?

Sobisch: Manches. Man weiß etwa, dass Röntgenstrahlen Stahl durchdringen und dass sie sich bündeln lassen, wie jetzt zur Krebsbehandlung. Also sollte es auch möglich sein, damit innen im Stahl zu schweißen, also an Stellen, an die man sonst nie kommt. Was ließen sich damit für wahnsinnige Konstruktionen entwickeln! Ich halte das für realistisch. Nötig wäre es aber auch, all die Rechenmethoden, die für Armaturen oder Rohrradien teils unverändert seit hundert Jahren bestehen, langsam auf die Elektronenstrahlschweißtechnik umstellen. Damit ließen sich etwa plastische Gelenke fertigen, die viel länger halten. Aber noch stirbt das an den alten Rechenvorschriften. HARALD LACHMANN

Ein Beitrag von:

  • Harald Lachmann

    Harald Lachmann ist diplomierter Journalist, arbeitete zuletzt als Ressortleiter Politik, und schreibt heute als freier Autor und Korrespondent für Tages-, Fach- sowie Wirtschaftszeitungen.

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