Management 09.06.2006, 19:22 Uhr

Der Enron-Effekt: Mehr teilen und kontrollieren  

VDI nachrichten, New York, 9. 6. 06, Fr – Die Jury in Houston hat die Ex-Enron-Manager Kenneth Lay und Jeffrey Skilling der Verschwörung, der Falschaussage und des mehrfachen Betruges für schuldig befunden. Wirtschaft und Investoren begrüßten die Entscheidung und mahnen weitere Kontrollen an, um einen derartigen Machtmissbrauch besser zu verhindern.

Es war die Stunde von Generalstaatsanwalt Sean Berkowitz, als er am Tag des Urteils außerhalb des Gerichtsgebäudes vor laufender Kamera sagte: „Die Jury hat eine unmissverständliche Nachricht an alle Vorstände geschickt: ¿Belüge nicht die Öffentlichkeit – egal wie reich und machtvoll du auch sein magst!““

Das war eines der wichtigen Ergebnisse des vier Monate langen Prozesses gegen den Ex-Vorstandsvorsitzenden Kenneth L. Lay und den Ex-Präsidenten Jeffrey K. Skilling. Das andere war die ebenso klare Nachricht: „Verantwortung ist nicht delegierbar.“

Lay und Skilling hatten ihre Verteidigung darauf aufgebaut, dass sie von ihren damaligen Mitarbeitern – vor allem vom Buchhaltungschef Richard Causey und dem Finanzvorstand Andrew S. Fastow – genauso hinters Licht geführt worden seien wie die Investoren, die Öffentlichkeit und die 21 000 Mitarbeiter, die als Folge der Enronpleite einen Großteil ihrer Ersparnisse und alle Rentenansprüche verloren haben.

Die Jury hat dieser Argumentation nicht geglaubt, was vor allem an der Ausbildung der beiden Angeklagten lag. Lay ist promovierter Betriebswirt, behauptete aber, dass er eine Cashflow-Analyse nicht verstehen kann. Skilling hat einen Harvard-MBA und erzählte dem Enron-Management laufend, dass „Cashflow keine Rolle spiele“. Doch für sie selbst spielte Cash eine sehr große Rolle, denn sie bedienten sich mit dreistelligen Millionenbeträgen aus der Firmenkasse.

Die Jury ging jedoch mit dem Schuldspruch noch einen Schritt weiter und wies darauf hin, dass selbst in dem höchst unwahrscheinlichen Fall, dass beide nichts von den Machenschaften gewusst haben, sie trotzdem die Verantwortung dafür gehabt haben. Ex-Vorstandschef Lay hätte sich unabhängig von den Mitarbeitern informieren müssen, etwa durch Gespräche mit den Wirtschaftsprüfern, und Jeff Skilling hatte als Präsident die Aufgabe, das operative Management zu kontrollieren.

Amerikas Topmanagement und Wirtschaftsprofessoren applaudierten der Entscheidung. „Es ist ein Schuss vor den Bug aller CEOs, die Ähnliches im Schilde führen“, sagte Prof. Jeffrey Sonnefeld von der Yale Universität und Chef des „CEO Leadership Institutes“. Er und die US-Investoren konzentrieren ihre Anstrengungen jetzt darauf, wie solche Megaverfehlungen besser verhindert werden können.

Die beiden Stichworte dazu lauten Kontrolle und Teilung. Das betrifft vor allem das Board, die amerikanische Variante des deutschen Aufsichtsrates. Doch im Gegensatz zum deutschen Aufsichtsrat ist das Board in den USA wesentlich stärker in das operative Geschäft eingebunden. Hintergrund dafür ist die amerikanische Art der Anfangs-Firmenfinanzierung über Venturefirmen, Private Equity oder Angel-Investoren. In all diesen Fällen wollen die Investoren den CEOs sehr genau über die Schulter schauen. Das ganze ändert sich schlagartig, sobald das Unternehmen an die Börse geht. Jetzt übernehmen Investmentbanker, Partner und sogar eigene Mitarbeiter wichtige Boardsitze und eine wirksame Kontrolle kann kaum noch stattfinden.

Das in der Folge des Enron-Skandals geschaffene Kontrollgesetz „Sarbanes-Oxley-Act“ (SOA) soll diese Kontrollfunktion wieder herstellen. So sollen US-Vorstände nicht mehr im Board vertreten sein, und das Board ist verpflichtet, sich ein eigenes unabhängiges Bild vom Unternehmen zu machen. Dieses so genannte Board-Auditing können bei entsprechender Besetzung die Board-Member selbst durchführen, doch vorzugsweise sollte dies nicht in den Händen von Wirtschaftsprüfern liegen, die den normalen Geschäftsbericht testieren.

Dieses separate Auditing wird vor allem gefordert, weil die Verschleierung von fast 4 Mrd. Dollar Enron-Schulden nur mit Hilfe der Enron-Prüfer Arthur Andersen möglich war. Andersen hatte die Geschäftsberichte gegen besseres Wissen testiert, weil Enron hoch profitable Beratungsaufträge erteilt hatte. Folglich fordert das neue Gesetz, dass Wirtschaftsprüfer keine Beratungsaufträge mehr annehmen dürfen.

Lay und Skilling werden jetzt viel Zeit zum Studieren und Verstehen der Enron-Bilanz haben. Für die Vergehen, für die sie jetzt schuldig gesprochen wurden, stehen mehrere Jahrzehnte Gefängnis im Gesetz. Das genaue Strafmaß will das Gericht am 11. September verkünden. HARALD WEISS

Cashflow war für Betriebswirt K. L. Lay ein Fremdwort

Ein Beitrag von:

  • Harald Weiss

    Freier IT-Journalist, IT-Analyst und IT-Consultant in Kaiserslautern. Nach verschiedenen Positionen in Softwareentwicklung,  MarCom und PR, 17 Jahre President New York Reporters in New York. Seit 2016 freischaffend wieder in Deutschland.

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