Management

„Den Mut haben, sich neu zu erfinden“

McKinsey, TU Berlin, VDI und VDI nachrichten haben in einer Studie das Innovationsmanagement deutscher Firmen unter die Lupe genommen. Wo steht Deutschland beim Thema Innovation? Einschätzungen von McKinsey-Direktor Lothar Stein.

VDI nachrichten: Herr Dr. Stein, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Innovation. Gibt es da in der Studie überhaupt noch etwas, das Sie überrascht hat?

Stein: Durch den Tiefgang der Fragen liefert der InnovationsKompass eine ganze Reihe wichtiger, neuer Erkenntnisse. Eines der spannendsten Ergebnisse ist sicher, dass auch radikale Innovationen ganz straff und stringent gemanagt werden müssen. Unsere Ergebnisse zeigen ganz deutlich, dass die erfolgreichen Unternehmen einen Spagat schaffen: Sie eröffnen den Innovations-Teams einerseits einen gewissen kreativen Freiraum, andererseits setzen sie früh realistische Ziele. Und sie pochen darauf, dass diese auch eingehalten werden.

VDI nachrichten: Also nicht einen Haufen junger Wilder in Klausur schicken und auf Erleuchtungen hoffen?

Stein: Nein, Verrücktheiten sind vielleicht bei der Ideenfindung hilfreich, aber nicht in den späteren Phasen des Innovationsprozesses. Selbst wenn man etwas bahnbrechend Neues auf den Markt bringen will, ist Disziplin im Zweifel wichtiger als Chaos. Innovationen müssen zielbewusst gesteuert werden, sie sind keine Irrläufer oder Zufallsprodukte.

VDI nachrichten: Der InnovationsKompass zeigt, dass sich erfolgreiche Unternehmen selbst bei anspruchsvollen Projekten auf vertraute Technologien stützen und auf angestammten Märkten bewegen. Ist diese konservative Strategie ein typisch deutsches Erfolgsmuster?

Stein: Nein, das glaube ich nicht. Wir können das zwar nicht mit Zahlen belegen, weil wir im InnovationsKompass ja nur deutsche Unternehmen untersucht haben, aber dieses Grundmuster finden sie auch im Ausland. Unternehmen können auch auf ihren eigenen Know-how-Feldern innovative Durchbrüche erzielen. Wenn BMW einen Wasserstoffmotor entwickelt, dann ist das etwas radikal Neues, auch wenn BMW nicht erst seit gestern Motoren baut. Es kommt auf das richtige Maß an schöpferischer Zerstörung an…

VDI nachrichten: Der Gedanke ist ja nicht ganz neu…

Stein: Das ist richtig, Joseph Schumpeter hat diesen Zusammenhang schon vor über 70 Jahren erkannt. Nur viele Unternehmer haben ihn längst vergessen. Das zeigt eine hoch interessante neue Studie* von zwei McKinsey-Kollegen aus den USA. Richard Foster und Sarah Kaplan haben sich die Zahlen von über 1000 Unternehmen aus 15 Industrien über einen Zeitraum von 36 Jahren näher angeschaut…

VDI nachrichten: Mit welchem Ergebnis?

Stein: Ihre Analyse bestätigt Schumpeter: Nur wenn Unternehmen den Mut haben, sich ständig neu zu erfinden, erwirtschaften sie auf lange Sicht bessere Ergebnisse als der Marktdurchschnitt. Wer zu lange in Geschäften bleibt, die kaum noch wachsen, hat morgen ein Problem. Es ist ein bisschen wie beim Gärtner, der die Rosen zurecht schneiden muss, damit sie wieder blühen können. Wer das ignoriert, kann sein Innovationsmanagement immer weiter perfektionieren, er wird dennoch scheitern. Unternehmen brauchen Platz, wo sich Neues breit machen kann.

VDI nachrichten: Das Neue kommt ja nicht nur von etablierten Unternehmen, sondern auch von Start-ups. Wie groß ist deren Beitrag?

Stein: Den Beitrag von jungen Firmen kann man kaum überschätzen. Schauen Sie auf die USA. Durch welche Unternehmen wurden denn neue technologische Wellen angestoßen? In der Biotechnologie waren es gerade nicht die großen Pharmaunternehmen, sondern Newcomer wie Genentech, die einen neuen Markt begründet haben. Gleiches gilt für die Kommunikationstechnologie. Auch hier haben nicht die AT&Ts und Nortels dieser Welt die entscheidenden Impulse gegeben, sondern etwa eine Neugründung wie Cisco.

VDI nachrichten: Aber in Deutschland liegt die Gründerszene doch danieder. Innovationsimpulse sind da kaum zu erwarten…

Stein: Natürlich schlagen der Börsencrash und die Konjunkturflaute auch auf die Start-up-Szene durch. Es ist schwerer geworden, Hightech-Projekte zu realisieren, aber es ist nicht unmöglich. Insbesondere wenn ein Konzept mit klarem Kundennutzen von einem Gründerteam mit einschlägiger Managementerfahrung vorgelegt wird, sind Wagniskapitalgeber noch immer bereit, zu investieren.

VDI nachrichten: Die Flaute bei Gründungen ist nicht das einzige Problem hierzulande. Nach einer gerade veröffentlichten Untersuchung der EU-Kommission liegt Deutschland gemessen an 17 Innovationsindikatoren nur im Mittelfeld der EU-Staaten – Tendenz fallend…

Stein: Dass wir Nachholbedarf haben, ist keine Frage. Wir nutzen unsere Chancen noch längst nicht optimal. Unter den großen Volkswirtschaften sind für mich noch immer die USA der Maßstab für Innovationsfähigkeit. Ein entscheidender Grund für den Vorsprung der Amerikaner ist die praxisorientiertere Ausbildung. Teamarbeit wird frühzeitig eingeübt. Für die Entwicklung von Innovationen ist das Gold wert, denn selbst der pfiffigste Einzelne erreicht nie soviel wie eine gut funktionierende Gruppe. Oder denken Sie an die Uni-Ausbildung. Wenn jemand seinen MBA gemacht hat, dann versteht er wesentlich mehr von praktischer Unternehmensführung als ein deutscher Diplom-Kaufmann.

VDI nachrichten: Warum hat Deutschland diese Entwicklung verschlafen?

Stein: Von verschlafen würde ich nicht sprechen. Es hat sich schon einiges getan. Denken Sie an die Entrepreneurship-Lehrstühle an vielen deutschen Hochschulen. Denken Sie an die Businessplan-Wettbewerbe oder an die vielen Gründer-Initiativen. Wir haben uns geöffnet für neue Ideen, und das wird langfristig auch Früchte tragen. PETER SCHWARZ

* R. Foster/S. Kaplan: Creative Destruction, Doubleday, 2001, 320 S. (Die deutsche Ausgabe erscheint im Frühjahr 2002 im Ueberreuter-Verlag)

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