Management 20.06.2003, 18:25 Uhr

Deine Idee ist meine Idee

Nach einer Umfrage glaubt die Mehrheit der Beschäftigten, dass ihr schon mal eine Idee „gestohlen“ wurde. Rechtlich haben Arbeitnehmer gegen Einfall-Abstauber allerdings schlechte Karten.

Dienstagmorgen, Abteilungskonferenz in einem großen Autokonzern. Alles läuft wie üblich ab: Diskussion über die aktuellen Verkaufszahlen, neue Tabellen aus dem Controlling, der Ärger über den teuren Briefverkehr mit den Händlern. „Warum schicken wir nicht alles per Mail“, schlägt X, Angestellter im Einkauf, vor. Sein Abteilungsleiter guckt verdutzt, wiegelt erstmal ab: „So einfach geht das nicht.“ Drei Wochen später kommt für X die Überraschung: Die Mitarbeiterzeitung verkündet, dass der Abteilungsleiter ausgerechnet mit seiner Idee das große Los gezogen hat: Belobigung durch den Vorstand, Bonus vom betrieblichen Vorschlagswesen. X ist außer sich vor Ärger: „Der hat mir einfach meine Idee geklaut!“
Glaubt man einer aktuellen Studie, sind solche geistigen Raubzüge kein Einzelfall. Drei Viertel aller Angestellten beklagen, dass Ihnen schon einmal eine Idee am Arbeitsplatz gestohlen wurde. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Online-Umfrage der Jobbörse Monster in Wiesbaden. Haupttäter sind demnach die Vorgesetzten: 40 % der Befragten gaben an, der Chef habe sich schon einmal bei ihrem geistigen Eigentum bedient in 28 % der Fälle schmücken sich die lieben Kollegen mit fremden Federn. Nur jeder vierte Angestellte wurde laut Umfrage noch nicht von Einfallsdieben heimgesucht. Aber stimmt das wirklich? Geht wirklich in allen deutschen Büros der Ideenklau um?
Experten sind skeptisch: „Auf der subjektiven Ebene existiert das Phänomen“, formuliert Norbert Thom von der Universität Bern betont vorsichtig. Der Professor für Personal und Organisation ist einer der führenden Experten für Ideenmanagement im deutschen Sprachraum.
Thom kennt das Innenleben der Unternehmen – und die Missverständnisse, die gerade rund um Ideenklau entstehen: „Mitarbeiter sind in diesem Punkt außerordentlich sensibel“, so der Experte, „ich habe gehört, wie Angestellte sagten ‚Die Idee hat man mir vor 27 Jahren geklaut‘“. Von geistigem Diebstahl auf breiter Ebene will Thom aber nicht sprechen. Laut Experte Thom laufe der vermeintliche Ideenklau nämlich meist so ab: Der Angestellte kommt zum Chef und präsentiert seinen Geistesblitz konfus, unstrukturiert, ungelenk formuliert. In dieser Form ist der Vorschlag keinen Cent wert. Erst das Know-how des Managers macht daraus eine verwertbare Idee: Er biegt das Konzept so hin, dass es in den aktuellen strategischen Gesamtplan passt. Er würzt es mit den aktuellen Management-Schlagwörtern. Und er trägt – noch wichtiger – die Idee zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Personen vor.
Thom: „Erst mit diesem Kontaktwissen macht der Vorgesetzte die Idee zur Idee.“ Doch genau das sehen viele Arbeitnehmer nicht ein. Sie unterschätzten die Veredelungsarbeit des Chefs und ärgern sich, wenn dieser nachher die Lorbeeren erntet.
Natürlich ist nicht jeder Ideenklau nur ein Missverständnis. Es gibt auch Chefs, die die Geistesblitze ihrer Untergebenen schamlos als eigene ausgeben. Doch ein Massenphänomen, wie die Monster-Studie das suggeriert, verbirgt sich dahinter nicht. „Wenn so etwas geschieht, stimmt etwas mit der Unternehmenskultur nicht“, diagnostiziert Thom. Seine Erfahrung: Je häufiger die Mitarbeiter über Ideenklau klagen, desto verbreiteter sind Kästchendenken und kleinkariertes Revierverhalten im Unternehmen.
Rechtlich gesehen haben Arbeitnehmer gegen Einfall-Abstauber ohnehin schlechte Karten. Wer was wo als erster gesagt hat, ist meist nicht nachvollziehbar. „Angestellte sollten ihre Ideen direkt beim betrieblichen Vorschlagswesen einreichen“, rät Gerhard Kronisch, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Köln. Erst dann sei das geistige Eigentum ausreichend geschützt, und der Arbeitnehmer erhalte zudem in der Regel eine angemessene Vergütung.
Vor allem in Fällen von gleichzeitigen Geistesblitzen spielt das interne Ideenmanagement ein wichtige Rolle. Denn vor dem deutschen Gesetz gilt: Wer zuerst eine Idee einreicht, gilt als Urheber.
Prozesse und Ideenklau am Arbeitsplatz sind extrem selten – allein wegen der geringen Erfolgsaussichten. Arbeitgeber und -nehmer sind hier also zur Zusammenarbeit verdammt. Wie aber kann das Management also echten oder vermeintlichen Ideenklau verhindern? „Einen guten Chef zeichnet aus, dass er den Ideengeber in den Veredelungs-Prozess miteinbezieht“, sagt Cornelia Topf, Kommunikationstrainerin und Fachbuchautorin. „Ansonsten ist das ein perfektes Mittel, um Mitarbeiter zu demotivieren.“ Auch Organisationskenner Thom plädiert für mehr Miteinander: Vorgesetzte sollten die Co-Autorenschaft ihrer Mitarbeiter anerkennen.
In Zukunft könnte sich das Problem ohnehin erübrigen. Denn immer mehr Unternehmen setzen auf Instrumente, wie Brainstorming. Wer hier welchen Einfall hatte, ist im nachhinein nicht eindeutig zu klären. Außerdem gibt es zunehmend interne Qualitätszirkel, die als Team Verbesserungsvorschläge erarbeiten und einreichen. Am Ende dieser Entwicklung könnte ein Kreativitätsklima stehen, wie es heute schon in japanischen Unternehmen herrscht. Thom: „Dort werden Sie nie einen Mitarbeiter finden, der sagt: ‚Diese Idee hatte ich zuerst!‘“. C. GILLIES
Kleinkariertes Revierverhalten wäre es, wenn der Kollege den anderen seine Geistesblitze vorenthielte. Das meint Norbert Thom von der Universität Bern, Professor für Personal und Organisation und Experte für Ideenmanagement. Foto: Bayer AG
Experten meinen: „Auf der subjektiven Ebene existiert das Phänomen“
Angestellte sollten das betriebliche Vorschlagswesen nutzen

Ein Beitrag von:

  • Constantin Gillies

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