Verantwortung

Auf der Suche nach den Schuldigen an der Finanzkrise

Die Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns sollen auf den Finanzmärkten für verantwortungsvolles Handeln sorgen. Das forderten Ökonomen auf einem Symposium an der Berliner Humboldt-Universität zu den Ursachen der Finanzkrise.

Ein Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise ist das Vertrauen. Die Banken und Unternehmen, das Spitzenpersonal in Politik und Wirtschaft und nicht zuletzt auch das marktwirtschaftlich organisierte Wirtschaftssystem und die freiheitlich-demokratische Grundordnung selbst stehen in der Bevölkerung vor massiven Legitimationsproblemen. Wie kann das verlorene Vertrauen wiedergewonnen werden?

Dieser Frage stellte sich in der vergangenen Woche das Symposium „Der Preis der Freiheit“, zu dem die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Berliner Humboldt-Universität Ökonomen, aber auch Juristen, Theologen, Soziologen und Politiker eingeladen hatte. Im Mittelpunkt der Debatte stand das Verhalten und Fehlverhalten der handelnden Personen – Banker, Anleger, Politiker.

Diese Spur legte schon der CDU-Politiker Friedrich Merz in seinem einleitenden Vortrag. Die individuelle juristische und wirtschaftliche Verantwortung der Handelnden sei bei den im Zuge der Krise verabschiedeten Gesetzen nicht berücksichtigt worden, monierte Merz. So sei auch das Prämien- und Bonussystem der Banken nicht neu diskutiert worden.

Eine moraltheologische Unterfütterung dieser These lieferte der Berliner Altbischof Wolfgang Huber, der sich den Begriff Verantwortungsethik vornahm. Huber versteht diesen Begriff als untrennbare Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung. Das Handeln des Menschen sei frei und autonom, jedoch immer in seiner Verantwortung zu Gott und den Mitmenschen rückgebunden – eine Vorstellung, die in der deregulierten Wirtschafts- und Finanzwelt der vergangenen Jahrzehnte immer weiter in den Hintergrund gedrängt worden sei.

Hier sieht Huber eine „systemische Lizenz zu unverantwortlichem Handeln“ am Werk. Risiko und Verantwortung seien voneinander entkoppelt – jeder Einzelne könne zum Teil extrem hohe Risiken eingehen, die Verantwortung dafür trügen die Gesellschaft und der Steuerzahler. Ähnlich wie Merz fordert Huber dazu auf, Verantwortung auch wieder als individuelle Haftung ernst zu nehmen.

Gesucht wird der „ehrbare Kaufmann“, jene verantwortungsvoll handelnde Führungspersönlichkeit, die durch Anstand, Ehrlichkeit und durch eine zwischen Eigennutz und Gemeinwohl abwägende Haltung ein Vorbild abgibt. Dieses Leitbild warf der Berliner Wirtschaftswissenschaftler Joachim Schwalbach in die Diskussion.

Individuelles Fehlverhalten ist für Schwalbach nicht weniger als der Hauptgrund für die Vertrauenskrise des marktwirtschaftlichen Systems: Einzelne Broker und Anleger hätten gegen Gesetze und ethische Normen verstoßen, Aufsichtsräte seien ihrer Kontrollfunktion nicht nachgekommen, Wirtschaftswissenschaftler hätten keine Antworten zu den Ursachen der Krise gehabt und kleine und große Anleger ihre Gier nicht gezügelt. Die Konsequenz: Wie Bischof Huber forderte auch Schwalbach, dass Ethik einen breiten Raum in der Ausbildung künftiger Wirtschaftseliten einnehmen solle. Außerdem müsste die unternehmerische Tätigkeit von vornherein die Kosten mitberücksichtigen, die sie im gesellschaftlichen Umfeld erzeuge.

Als Musterbeispiel für den „ehrbaren Kaufmann“ durfte sich in der abschließenden Podiumsdiskussion Bosch-Geschäftsführer Franz Fehrenbach fühlen, der im Rückgriff auf Unternehmensgründer Robert Bosch für Fairness gegenüber Kunden, Konkurrenten und nicht zuletzt der eigenen Belegschaft plädierte. Dabei konnte er mit Verweisen auf sein eigenes Unternehmen punkten. So seien von den 100 000 Bosch-Mitarbeitern im Inland während der Krise gut zwei Drittel in Kurzarbeit gegangen, wodurch Entlassungen vermieden wurden. Im Gegenzug wird nun, da die Produktion wieder brummt und für 2010 „glänzende Zahlen“ (Fehrenbach) erwartet werden, die kommende Lohnerhöhung um zwei Monate vorgezogen.

Das klingt zweifellos ehrbar und ehrenwert. Doch blieb in der Diskussion ausgeblendet, dass sich diese so tiefgreifende Krise kaum ausschließlich durch das individuelle Verhalten von Einzelnen wird erklären lassen. Die Bankenkrise war eine Systemkrise, die nur durch massive Hilfe von außen – vor allem durch den ehrbaren Steuerzahler – zu beheben war. Wo ist der Platz für den „ehrbaren Kaufmann“ in Investmentbanken oder Hedgefonds? Was kann ein „ehrbarer Kaufmann“ angesichts des Herdentriebs an den Aktien- und Finanzmärkten und der Computerisierung des Börsenhandels noch bewirken? Und wie ehrbar handeln in diesem Zusammenhang Akteure wie die Ratingagenturen?

So blieb nach dem Symposium das Gefühl zurück, an einem Wohlfühlseminar für eine zuletzt arg gebeutelte wissenschaftliche Disziplin, die Ökonomie, teilgenommen zu haben.

Äußerer Anlass für das Symposium war der Abschluss der Sanierungsmaßnahmen im großen Hörsaal 202 der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität. Eine Renovierung mit unbefriedigendem Ergebnis – sitzt der Zuhörer doch in engen Holzbänken ohne Ablage für das Notizpapier. Seinen Block muss der Hörer zwischen Bauch und der hohen Rückwand der nächsten Sitzreihe einklemmen.

Während des Symposiums keimt da die Frage auf, ob es sich vielleicht für Wirtschaftsstudierende heute gar nicht mehr lohnt, sich etwas zu notieren. Vielleicht, weil sich die Lehrmeinungen ohnehin rasch ändern? JOHANNES WENDLAND

Von Johannes Wendland

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