Demografie

Alternde Belegschaften: Versetzung per Mausklick  

Die Gesellschaft wird immer älter. Im Jahr 2060 wird jeder Dritte 65 Jahre und älter sein. Die Unternehmen sind zum Handeln gezwungen, denn bei den älteren Mitarbeitern sind die Fehlzeiten höher und nehmen Tätigkeitseinschränkungen zu.

Auf enge Zusammenarbeit zwischen jungen Mitarbeitern und den Senior-Experten setzt Daimler bei einer Reihe von Projekten.

Auf enge Zusammenarbeit zwischen jungen Mitarbeitern und den Senior-Experten setzt Daimler bei einer Reihe von Projekten.

Foto: Daimler

Dramatisch verändern wird sich bis 2060 auch die Zusammensetzung der Gruppe der Erwerbstätigen. Bereits in etwa 10 Jahren wird in den Betrieben die Gruppe der 50- bis unter 65-Jährigen zahlenmäßig der 30- bis unter 50-Jährigen entsprechen.

Der Anstieg der Fehlzeiten hängt allerdings nur zu einem geringen Teil mit dem biologischen Alter zusammen. Vielmehr tragen über Jahre hinweg kumulierte Fehlbeanspruchungen erheblich mit dazu bei. „Tätigkeitseinschränkungen sind nicht per se altersspezifisch“, sagt Clemens Dubian. Er ist bei VW Systemanalytiker im Bereich Logistik und Planung. Daneben verantwortet er als fachlicher Projektleiter das neue Arbeitsplatzmanagementsystem von VW. Der Anteil der Mitarbeiter im Produktionsbereich, die in ihrem Tätigkeitsspektrum gesundheitsbedingt eingeschränkt seien, nehme aber mit steigendem Alter zu. Im Jahr 2023 werden im VW-Werk Kassel 40 % der Mitarbeiter mindestens 55 Jahre alt sein.

Das Arbeitsplatzmanagementsystem fußt auf der Doktorarbeit von Dubian, für die er jüngst den Innovationspreis der Marie-Luise und Ernst Becker-Stiftung (Köln) erhalten hat. Ziel des Systems ist es, zwischen tätigkeitseingeschränkten Mitarbeitern und Arbeitsplätzen, auf denen sie trotz des Handicaps voll leistungsfähig sind, automatisch eine Übereinstimmung zu finden.

„Ohne das neue System müssen die Vorgesetzen aus ihrem Erfahrungswissen heraus prüfen, welcher Arbeitsplatz für einen Mitarbeiter mit Tätigkeitseinschränkung geeignet sein könnte“, sagt Dubian. Häufig habe das zeitaufwendige Begehungen der einzelnen Arbeitsplätze zur Folge, da vorab nicht klar sei, wo überhaupt ein passender Arbeitsplatz zu finden sein könnte. Jetzt kann der Vorgesetzte mithilfe des Arbeitsplatzmanagementsystems an seinem PC per Drag and Drop feststellen, ob der tätigkeitseingeschränkte Mitarbeiter an einem bestimmten Arbeitsplatz arbeiten kann.

Die Software des Systems schlüsselt beim Matchen sämtliche ergonomischen, sicherheitstechnischen und gefahrstoffbezogenen Daten des Arbeitsplatzes auf und gleicht sie mit den personenbezogenen Informationen ab. Begehungen vor Ort können daher jetzt zielgerichtet durchgeführt werden.

Im VW-Werk in Kassel sind 1200 Arbeitsplätze mit dem neuen System analysiert worden, im Werk in Hannover 700. Im nächsten Jahr soll dem Prototypeinsatz die standardisierte Konzernlösung folgen. Um die Daten eines Arbeitsplatzes mit den personenbezogenen Informationen über den Mitarbeiter verknüpfen zu können, ist eine attestierte und einem bestimmten Schlüssel zugeordnete Tätigkeitseinschränkung durch den Werksarzt Voraussetzung. „Das Attest gilt als Empfehlung für den Vorgesetzten“, sagt Dubian. Findet der in seinem Verantwortungsbereich keinen passenden Arbeitsplatz, kann im Rahmen des Arbeitsplatzmanagementsystems eskaliert und die nächst höhere Organisationsstufe mit in die Suche einbezogen werden. „Rund 1000 Mitarbeiter sind mit dem neuen System bereits zugeordnet worden“, berichtet Dubian.

Auch Opel reagiert auf die Folgen der demografischen Entwicklung. Im Opel-Werk in Bochum haben 60 Mitarbeiter aus dem Produktions- und Montagebereich, die über 40 Jahre alt sind und überwiegend taktgebunden arbeiten, an einem kognitiven Training teilgenommen. Verbessert werden in dem dreimonatigen Kurs kognitive „Basisfunktionen“ wie Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen. Darüber hinaus wird erwartet, dass auch komplexe „Kontrollfunktionen“ wie die Bewältigung von Aufgabenwechseln, das Arbeitsgedächtnis und die Wahrnehmung von Fehlern verbessert werden können.

Ausgangspunkt des Trainings ist das Ergebnis einer Untersuchung im Bochumer Opel-Werk. „Die Kombination von Alter, negativen Arbeitsbedingungen und Stress beeinträchtigt die kognitiven Funktionen“, sagt Patrick Gajewski, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der TU Dortmund. Opel-Mitarbeiter, die über 48 Jahre alt sind und in der Produktion oder Montage taktgebunden arbeiten, haben beim Arbeitsgedächtnis und bei der Fehlerwahrnehmung nicht nur verglichen mit ihren jüngeren Kollegen Defizite. Das hat in der vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung durchgeführten Untersuchung der Vergleich der älteren Fließbandarbeiter mit gleichaltrigen Beschäftigten aus dem Qualitätssicherungsbereich gezeigt. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die altersbedingten Beeinträchtigungen durch stereotype Arbeit verstärkt werden“, sagt Gajewski.

In einer zweiten Trainingseinheit, die im März 2010 beginnt, werden weitere 60 Opel-Mitarbeiter aus dem Produktions- und Montagebereich neben dem kognitiven Training zusätzlich darin geschult, Stress besser bewältigen und sich entspannen zu können. „Wir versuchen, ein optimales Trainingspaket zu erstellen“, sagt Gajewski. Nach den Trainings soll differenziert analysiert werden, ob die kognitiven Übungen allein oder diese in Kombination mit den Entspannungsübungen oder der langfristig orientierten Stressbewältigung bessere Resultate erzielen.

Allein an der Person anzusetzen und die Verhältnisse am Arbeitsplatz außer Acht zu lassen, genügt aber nicht. „Monotonie, Zeitdruck, Wegfall der Eigenverantwortung und mangelnde Identifizierung mit dem Betrieb und dem Produkt führen auf längere Sicht zu massiven kognitiven und emotionalen Beeinträchtigungen“, sagt Gajewski. Je älter die Beschäftigten werden, umso stärker werden solche negativen Effekte in den Unternehmen spürbar, auch ökonomisch.

 

Von Rainer Spies

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