Management 20.10.2000, 17:26 Uhr

Aktive Informationspolitik sorgt für Qualitätssprung

Die in einer Betriebsvereinbarung festgelegte Verpflichtung, das Zurückhalten von Infos „als Störung des Arbeitsfriedens“ zu tadeln, führte zu deutlichen Qualitätssprüngen bei der Sartorius AG in Göttingen.

Im Göttinger Norden wird kräftig gebaut. Obwohl die Sartorius AG allein in der Universitätsstadt bereits über vier Standorte verfügt, wurde vor kurzem mit dem Bau des „Werk 2001“ begonnen. Investitionssumme: über 100 Mio. DM. Da ließ es sich auch Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (SPD) nicht nehmen, den Grundstein persönlich zu setzen, schließlich lobt er Sartorius als „das Highlight der niedersächsischen Wirtschaft“. Doch das reicht dem jungen Vorstandsvorsitzenden Utz Claassen (37) noch lange nicht, denn mit dem Neubau will er seine Ambitionen unterstreichen, in Kürze „die Qualitäts-Weltmarktführung in der Separationstechnik zu erreichen“.
Allein dieser Anspruch symbolisiert bereits den Aufsehen erregenden Erfolg, der dem 130 Jahre alten Traditionsunternehmen aus dem Mekka der Messtechnik im Leinetal in den letzten drei Jahren gelungen ist. Denn der neue Vorstand erkannte früh, dass neben dem Kerngeschäft rund um die Industriewaagen gerade das Geschäft mit den aufwendigen Filterlösungen, vor allem für die rasant aufstrebende Biotechnologie, aber auch für die Lebensmittel- und Getränke-Industrie sowie Krankenhäuser plus den Laboratorien der Hochschulen und Instituten, der Wachstumsmotor der Zukunft sein würde. Daneben wurde mit der Gleitlagertechnik noch ein drittes Standbein aufgebaut.
Federführend für diese Strategie ist Utz Claassen, der seit drei Jahren den weltweit tätigen Konzern lenkt und allein in den letzten zwei Jahren mit gleich sechs Zukäufen für Erstaunen in der Branche sorgte. Die gleiche Reaktion erntete der promovierte Ökonom auch für seine Ankündigung, schon im Jahr 2004 Umsatzrenditen zwischen 10 % (Wägetechnik) und 15 % (Separationstechnik) zu verwirklichen. Der Schlüssel dafür liegt für Claassen in erster Linie bei seinen weltweit 3300 Mitarbeitern (geplanter Umsatz 2000: mehr als 750 Mio. DM). Und gleich der nächste öffentlichkeitswirksame Coup gelang ihm, als er vor zwei Jahren erstmals in Deutschland eine Betriebsvereinbarung durchpaukte, die das Vorenthalten von Informationen sowie gezielte Desinformation als „schwerwiegende Störung des Arbeitsfriedens“ tadelt und mit Strafen von einer Belehrung über Geldbußen bis hin zur Kündigung belegt. Auf der Gegenseite verpflichtet sich die Firma, „transparente und ehrliche Infos sowie ein partnerschaftliches Klima zu fördern“.
Während in der Presse Berichte mit Überschriften wie „Sanktionen für Schweiger“ oder „Wer schweigt, fliegt“ erschienen, waren auch die Mitarbeiter anfangs verunsichert. „Sicher gab es bei einigen ein Erstaunen nach dem Motto: Brauchen wir das?“, sagt Dorothea Tacke-Hager, zuständig für Personalbetreuung und -entwicklung. Doch die Geschäftsleitung zeigte sich unbeeindruckt von der anfänglichen Skepsis, hatte sie doch immer wieder Grabenkämpfe zwischen den Abteilungen der drei Geschäftsfelder beobachtet, wie sie in vielen deutschen Unternehmen an der Tagesordnung sind. „Es gab oft ein Gegeneinander, man beäugte sich kritisch, und einige warteten förmlich auf die Bauchlandung des Konkurrenten, um die eigene Position dadurch zu stärken“, so Tacke-Hager weiter. Wichtiges Instrument dieser Ellbogen-Mentalität war das gezielte Zurückhalten von Informationen, womit die Bemühungen des eifrigen Kollegen kräftig torpediert werden konnten. Daher suchte die Geschäftsführung nach einem Instrument, um solche Heckenschützen auch abstrafen zu können und fühlte sich rasch bestätigt, als sich schon kurz nach der Einführung der Vereinbarung deutliche Fortschritte einstellten.
Inzwischen ist man sich sicher, dass sich die Idee der Informationspflicht für alle Mitarbeiter längst bewährt hat. Weitere Kündigungen blieben aus, nur ab und zu mussten ein paar ernste Gespräche geführt werden, um hartnäckige Eigenbrötler auf Kurs zu trimmen. „Wir haben die Kultur in unserem Hause durch die gesetzten Standards eindeutig positiv beeinflusst“, ist sich Dorothea Tacke-Hager sicher.
Für Utz Claassen ist die verlangte Offenheit bei Sartorius nicht nur Bringschuld der Mitarbeiter. Um mit gutem Beispiel voranzugehen, hat er unter anderem sogenannte Skip-Level-Meetings eingeführt: Einmal im Monat treffen sich dabei sechs bis acht Mitarbeiter, die aus allen Bereichen des Unternehmens per Los für einen Mittagsimbiss mit dem Chef ausgewählt werden, um dort über Tarif- oder Firmenpolitik zu diskutieren oder sich auch ihre Sorgen und Nöte von der Seele reden können. Kommen Claassen dabei Missstände zu Ohren, hakt er in der Nachbearbeitung solange nach, bis der Mangel abgestellt ist. Das Signal für die Mitarbeiter ist klar: Hier werden Deine Probleme ernst genommen.
„Natürlich gibt es auch Vorgesetzte, die es nicht gerne sehen, wenn ihre Mitarbeiter so offen sprechen“, sagt Utz Claassen, „aber ich passe dann auf, dass diesen Mitarbeitern keine Nachteile am Arbeitsplatz entstehen.“ Auf lange Sicht bleibt den skeptischen Vorgesetzten nur, mit gutem Beispiel voranzugehen, um künftig die Plauderstunde ihrer auskunftsfreudigen Mitarbeiter in der Chefetage nicht mehr fürchten zu müssen.
Claassen, der die Idee der Betriebsvereinbarung aus der japanischen Informationskultur entwickelt hat, die das Zuhören ins Zentrum der Zusammenarbeit im Unternehmen stellt, nimmt sich dabei auch selbst in die Pflicht: „Ich halte nichts davon, Mitarbeiter “dumm“ zu halten, indem zum Beispiel der Wettbewerber über unsere Strategie besser informiert ist als unsere Belegschaft.“ Deshalb lebt er Offenheit statt falsche Vertraulichkeit vor und baut auf den verantwortungsvollen internen Umgang mit Wissen, der sich auch darin zeigt, dass Sartorius-Mitarbeiter ihre Hauszeitung „Der gelbe Faden“ selber und von oben unzensiert schreiben und gestalten dürfen.
Mit diesem Vertrauensbeweis sieht auch Dorothea Tacke-Hager bestätigt, „dass wir trotz Sanktionskatalog keine Angst machen wollen“. Der gefährlichste Mitarbeiter sei nun mal derjenige, „der ein Kopfmonopol ansammelt und nicht bereit ist, sein Wissen zu teilen“. Hier müsse ein Unternehmen handeln, und Erfolg habe es dann, „wenn es uns gelingt, mit diesem Verständnis auch die Herzen unserer Mitarbeiter zu erreichen“. ANDREAS LEIMBACH
BQT-Management-Forum

Qualitätspreis in Bochum verliehen

Die Sartorius AG aus Göttingen zählt in diesem Jahr zu den zwölf deutschen „Vorzeige-Unternehmen“, die der Bochumer Arbeitswissenschaftler Herbert Schnauber zu seiner Tagungsreihe „9. BQT Management-Forum“ – die VDI nachrichten sind hier Medienpartner – am 26. und 27. Oktober nach Bochum eingeladen hat. Unter dem Motto „Steigerung der Effizienz durch Orientierung an Exzellenz“ will der Mitbegründer des Deutschen Ludwig-Erhard-Qualitätspreises, der im November in Berlin verliehen wird, gerade mittelständische Unternehmen dazu ermutigen, von den Besten zu lernen und vorbildliche Qualitätskonzepte auch in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Dazu werden die Firmenvertreter während der Tagung am Beispiel ihres Unternehmens über die nötigen Voraussetzungen berichten, um so zur Nachahmung zu motivieren. Weitere Infos unter Tel. 0234/3227723. A. L.

Ein Beitrag von:

  • Andreas Leimbach

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