Flexible Arbeitsverträge

Flexibilität von Arbeitgeber und -nehmer gefordert

Gerne übernehmen wir Errungenschaften aus der angelsächsischen Berufs- und Arbeitswelt, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Insbesondere wird gern mehr Flexibilität diskutiert und adaptiert, die Unternehmen befähigt, mit Arbeitnehmern „flexibler“ umgehen zu können, sprich Arbeitnehmer in wirtschaftlich schwierigen Situationen schnell wieder loszuwerden.

Flexibilität wird im Alter nicht leichter.

Flexibilität wird im Alter nicht leichter.

Foto: panthermedia.net/Goodluz

Dagegen ist im Grunde nichts einzuwenden, wenn durch diese Flexibilität Arbeitsplätze gesichert werden. Nur über eines muss man sich auch im Klaren sein: Eine Praxis des wirtschaftlich bedingten „Hire and Fire“ wirkt sich natürlich auch auf die Lebensläufe der Arbeitnehmer aus. Lücken im Werdegang, berufliche Umwege und Rückschritte, Abweichen von der zielstrebigen Karrierelinie, Auszeiten für Qualifizierungen oder anderweitige Engagements sind die Folge.

Amerikanische und britische Unternehmen zeigen dann konsequenter Weise auch die notwendige Flexibilität bei der Beurteilung von Bewerbern im Einstellungsprozess. Arbeitslose Bewerber, Kandidaten, die aus der Selbstständigkeit oder aus sozialen Engagements in die abhängige Beschäftigung zurückkehren wollen, Bewerber in der Altersklasse von über 50 Jahren stehen dort nicht vor verschlossenen Türen.

In Deutschland fehlt es oft an Flexibilität

In Deutschland klammern viele Arbeitnehmer an ihrem Job, zeigen wenig Flexibilität und lehnen eine weniger attraktive Beschäftigung – z.B. den Gang in Auffanggesellschaften – ab, weil sie genau wissen, welche Beurteilungen dies bei der Bewerbung um den Anschlussjob nach sich zieht. Selbstverständlich würde eine repräsentative Umfrage unter Einstellern ergeben, dass sie Bewerber mit einem der oben aufgeführten Handicaps im Bewerbungsprozedere nicht schlechter behandeln als andere.

Die Erfahrungen dieser Bewerber zeigen jedoch, dass sie wesentlich mehr Bewerbungen versenden müssen, um überhaupt bis zum Vorstellungsgespräch zu gelangen. Im Interview werden sie dann schnell mit gezielten Fragen und Nachfassen wegen mangelnder Flexibilität in die Defensive gedrängt: Wie kam es zu der Lücke im Lebenslauf? Warum wurde für ein soziales Engagement die Karriere unterbrochen? Was haben Sie in der Zeit Ihrer Arbeitslosigkeit getan? Warum sind Sie bereits neun Monate auf Stellensuche und haben immer noch keinen neuen Job gefunden? Wenn Ihre Selbstständigkeit über zehn Jahre erfolgreich war, warum bewerben Sie sich dann bei uns?

Fehlende Flexibilität wird schnell zur Last

Das sind nur einige Beispiele. Bei diesen, teilweise sehr misstrauisch und scharf geführten Interviews, fällt es den Kandidaten dann schwer, im Vorstellungsgespräch zu glänzen. Besonders schwierig wird es für Kandidaten, bei denen mehrere K.O.-Kriterien zusammenfallen, z.B. frühere Selbständigkeit mit anschließender längerer Stellensuche im Alter von 45 Jahren. Die viel zitierte Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird hier schnell zur grauen Theorie und das nicht etwa, weil die Betroffenen zu wenig Flexibilität zeigten und  nicht arbeiten wollen.

Dafür, dass die Personalentscheider in den angelsächsischen Ländern anders entscheiden, gibt es eine Menge Beispiele. Der seit über zwei Jahren arbeitslose deutsche Bauingenieur sucht nur noch in englischsprachigen Ländern nach einem Job. In Deutschland, wo man zu wenig Flexibilität zeigt, hat er keine Chance mehr. Er berichtet, dass sich deutsche Bewerber mit „Handicap“ mittlerweile bei den britischen Unternehmen die Klinke in die Hand geben, weil sie in Deutschland nicht einmal mehr bis zum Vorstellungsgespräch kommen. Sein Fazit: So schlecht können die Kandidaten und so blind die britischen Personalentscheider nicht sein.

Flexibilität wird lautstark gefordert

Dennoch wird ja lautstark von den Arbeitnehmern ein lebenslanges Lernen und Flexibilität gefordert. Bleibt zu hoffen, dass in diesem Sinne auch die Personalabteilungen und -entscheider Lernfähigkeit beweisen und zukünftig Bewerbern mit nicht ganz „normalem“ Lebenslauf tatsächlich auch die gleichen Chancen einräumen wie den bislang „makellosen“ Kandidaten. Es bleiben zudem weitere Hoffnungen: Vielleicht sind die oben dargestellten Erfahrungen von Bewerbern ja nur Ausnahmefälle und im allgemeinen nicht zutreffend. Vielleicht normalisiert ja auch die anziehende Konjunktur nach und nach das sehr unterschiedliche Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgebern und Bewerbern, so dass letztendlich wieder jeder Ingenieur gebraucht wird.

 

Von Bernd Andersch, Karrierecoach, Düsseldorf

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