Personalmangel 13.07.2007, 00:00 Uhr

Fach- und Führungskräfte: Die neuen Königskinder

„Es waren zwei Königskinder …“ – und die fanden niemals zusammen. So oder ähnlich kann heute vielfach die Situation am Arbeitsmarkt für technische Fach- und Führungskräfte beschrieben werden. Auch der letzte Ingenieur weiß jetzt, dass viele Unternehmen nur sehr schwer die für sie richtigen Ingenieure finden können.

Führungskräfte: oftmals falsche Selbsteinschätzung.

Führungskräfte: oftmals falsche Selbsteinschätzung.

Foto: panthermedia.net/WavebreakmediaMicro

Damit ist die Zeit der Experimente und des Pokerns am Arbeitsmarkt gekommen. Andererseits sind viele Unternehmen überzeugt, ihre Rekrutierungsprozesse genauso wie in der Vergangenheit ablaufen lassen zu können. „Wir sitzen eben immer noch am längeren Hebel“, denken sich viele Einsteller und marschieren wie gewohnt weiter. Beobachtet man Fach- und Führungskräfte auf der einen Seite und Unternehmen auf der anderen Seite, drängt sich vielfach die Vermutung auf, dass im Spiel um freie Jobs auf beiden Seiten viele Königskinder agieren. Durch ihr Verhalten tragen sie nicht gerade zu einer Entspannung der Atmosphäre und zur Stärkung des gegenseitigen Vertrauens bei.

Fach- und Führungskräfte überdrehen ihre Ansprüche

Fach- und Führungskräfte überdrehen vielfach das Rad, wenn es um Gehalt und Positionsansprüche geht, überschätzen ihr persönliches Leistungsvermögen, ihr Führungspotenzial etc. Welchen Eindruck beispielsweise eine kurze Verweilzeit bei einem Arbeitgeber im Lebenslauf hinterlässt, schert nicht mehr jeden Ingenieur. Der Drang zu „noch mehr“ – und zwar jetzt und sofort – ist ungebrochen, auch wenn man erst kürzlich den Arbeitgeber gewechselt hat.

Andere Ingenieure zeigen sich eher spielerisch. Sie tragen sich beispielsweise in Bewerberdatenbanken ein, ohne wirklich eine neue Stelle zu suchen, sondern „um einmal den Marktwert“ zu testen. Das ist an sich nicht schlimm, nur, auch diese Fach- und Führungskräfte sollten wissen, wo die Grenzen des Spiels erreicht sind. Schnell und ohne großartigen Aufwand ist heute die standardisierte elektronische Bewerbung versendet und löst Bearbeitungsprozesse und Hoffnungen auf Seiten der Unternehmen aus. Lässt der Ingenieur jetzt einfach die Sache laufen, um letztendlich interessierte Unternehmen abblitzen zu lassen oder überhaupt nicht mehr auf hinterlassene Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, per Brief oder E-Mail zu reagieren, dann ist das nicht die feine Art.

Fairness auch von Seiten potentieller Fach- und Führungskräfte

Hat man sich in der Zwischenzeit anders entschieden oder möchte den Prozess nicht weiter betreiben, sollte Fach- und Führungskräfte das fairerweise dem Arbeitgeber mitgeteilen. Da kann man sich auch nicht einfach damit herausreden, dass sich so mancher Arbeitgeber diesbezüglich gleichfalls nicht mit Ruhm bekleckert. Auge um Auge, Zahn um Zahn ist hier kein ratsamer Weg. Wer weiß, wann einem der hängen gelassene Personaler das nächste Mal über den Weg läuft.

Aber auch viele Unternehmen stehen sich bei der Ingenieursuche nach Fach- und Führungskräften durch eine verkehrte Selbsteinschätzung selbst im Weg. Die pauschale Behauptung, Ingenieure seien knapp oder eben doch nicht knapp, führt im Einzelfall nicht weiter. Eine differenzierte Betrachtungsweise ist angesagt. Werden etwa Ingenieure einer Fachdisziplin gesucht, die wirklich rar sind am Arbeitsmarkt, so erwarten diese mit Sicherheit ein entsprechendes Vorgehen der Personaler. So genannte „Omnibusanzeigen“ in Print- oder elektronischen Medien, mit denen neue Mitarbeiter gleichzeitig für mehrere Positionen und mit knappster Information zu den einzelnen Stellen gesucht werden, interpretieren Ingenieure nicht als adäquat.

Fach- und Führungskräfte erwarten „harte Fakten“

Gleiches gilt für Anzeigen, die in erster Linie vermeintlich verkaufsträchtige Sprüche aus dem Marketing aneinanderreihen, wenig informative Auszüge aus Unternehmensphilosophien enthalten, weiße Papierflächen, bunte Bilder etc. zeigen. Die meisten Fach- und Führungskräfte erwarten „harte Fakten“ zur Stelle und zum Unternehmen. Auch Anzeigen, die Bewerber mehr oder weniger „zwingen“, sich zunächst in eine Firmendatenbank einzutragen, ohne die Option auf eine schriftliche Bewerbung zu geben, weil keine Firmenadresse in der Anzeige aufgeführt ist, erschwert die Suche – zumindest nach den Ingenieuren, die aufgrund ihres Profils tatsächlich knapp und nicht auf jede Stellenanzeige angewiesen sind.

Fazit: Vielfach haben sich Fach- und Führungskräfte und Unternehmen auf die neue Arbeitsmarktsituation noch nicht ganz eingestellt. Auf beiden Seiten glauben viele, am längeren Hebel zu sitzen, ohne differenziert die Arbeitsmarktverhältnisse zu beachten. Riskant und wenig förderlich ist dies für beide Seiten.

 

Ein Beitrag von:

  • Bernd Andersch

    Bernd Andersch ist Karriere-Coach, Sachbuchautor und Spezialist für Bewerbungsstrategien.

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