Karriere im Ausland 26.08.2002, 00:00 Uhr

Den Auslandsaufenthalt nicht blind angehen

Arbeitsaufenthalte im Ausland spielen für die persönliche und berufliche Entwicklung zunehmend eine größere Rolle. Interkulturelle Qualifikationen sind gefragt. Ein Auslandsaufenthalt weist diese am ehesten nach, so das Klischee. Schon während des Studiums sollte Wert auf internationale Qualifikationen gelegt werden. Ohne Auslandsaufenthalt wird es zunehmend schwieriger, sich bei den Großunternehmen im Bewerbungsprozess durchzusetzen.

Ein Auslandsaufenthalt bringt viele Schlüsselqualifikationen, die im Zeitalter der Globalisierung immer wichtiger werden.

Ein Auslandsaufenthalt bringt viele Schlüsselqualifikationen, die im Zeitalter der Globalisierung immer wichtiger werden.

Foto: panthermedia.net/bachstroem

Der Auslandsaufenthalt spielt für die persönliche und berufliche Entwicklung zunehmend eine größere Rolle. Im Zeitalter der Globalisierung wird es auch für den einzelnen Mitarbeiter immer bedeutender, sich im Sinne der strategischen Karriereplanung als polyglotter Weltenbummler aufzustellen. Das Ende der Ära nationaler Märkte scheint endgültig gekommen und wer möchte schon ausschließen, dass er bereits Morgen für Manager aus Fernost oder Amerika das Wasser trägt. Eine gesunde internationale Denke und entsprechende Schlüsselqualifikationen bilden daher eine gute Voraussetzung, um dauerhaft im Arbeitsmarkt gefragt zu bleiben.

Interkulturelle Qualifikationen sind gefragt. Ein Auslandsaufenthalt weist diese am ehesten nach, so das Klischee. Arbeiten in multikulturellen Projektteams unter gänzlich anderen Arbeitsbedingungen, Kommunikation in einer ausländischen Sprache, Zurechtfinden in einer fremden Kultur erfordern im Höchstmaß Einfühlungsvermögen, Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Lernbereitschaft. Ein Auslandsaufenthalt bringt somit viele Schlüsselqualifikationen, die im Zeitalter der Globalisierung immer wichtiger werden. Entsprechend selbstbewusst können diese Punkte auf dem weiteren Karriereweg ins Feld geführt werden.

Wann ist der beste Zeitpunkt für den Auslandsaufenthalt?

Schon während des Studiums sollte Wert auf internationale Qualifikationen gelegt werden. Ohne Auslandsaufenthalt wird es zunehmend schwieriger, sich bei den Großunternehmen im Bewerbungsprozess durchzusetzen. Wer die Chance hat, direkt nach dem Studium ins Ausland zu gehen, sollte dies tun. Aufbruchstimmung, Lernbereitschaft, Visionen mischen sich oftmals mit der Vorstellung, dass der Auslandsaufenthalt grundsätzlich karriereförderlich ist. Entsprechend engagiert wird zur Sache gegangen. Manchen Ingenieuren öffnet sich durch den Schritt ins Ausland generell erst der Berufseinstieg. Durch den Schritt ins Ausland besteht zudem bei Absolventen oder Young Professionals kaum Gefahr, den Anschluss an den deutschen Arbeitsmarkt zu verlieren. Professionals sollten dagegen sorgfältig die Karriererisiken abwägen, bevor sie ins Ausland gehen.

Mit zunehmender Reife des Kandidaten und Dauer birgt der Auslandsaufenthalt  Karriererisiken. Die Kontakte in die heimische Unternehmenszentrale reduzieren sich naturgemäß. Da es sich zudem „ohne dem Teufel im Nacken“ angenehm arbeiten lässt, pflegen die „Fremdenlegionäre“ nicht gerade die Kontakte intensiv. Die Distanz zu den Keyplayern im Unternehmen wächst. Es fehlt die Möglichkeit, sich bei den entscheidenden Figuren im Unternehmen ins Szene zu setzen. Je dünner die Kontakte, desto größer wird die Gefahr, dass sich nach Rückkehr keine adäquate Arbeitsstelle auftut. Folglich sollte vorbeugend eine persönliche Kontaktstrategie für den Auslandsaufenthalt entwickelt werden. Sie muss eine Reihe beruflicher und privater Anlässe beinhalten, die es immer wieder erfordern, mit der Unternehmenszentrale (auch im persönlichen) Dialog zu bleiben.

Auslandsaufenthalt trotz Familie?

Wer ungebunden einen Auslandsaufenthalt anstrebt, wird eher die Chance nutzen, neue soziale Kontakte zu schließen. Für Familienväter wird es dagegen bei längerer Abordnung schwierig, die richtige Entscheidung zu treffen. Wird die Familie voreilig mitgenommen, steigt der Druck, den Job sehr gut und dauerhaft zu meistern. Doch was passiert, wenn vorzeitig die Zelte abgebrochen werden müssen, weil es im Job nicht gut läuft? Bleibt andererseits die Familie auf Dauer zu Hause, kommen Ängste auf, dass das private Glück zerbrechen könnte. Umso wichtiger sind zu Beginn des Engagements intensive Gespräche mit Vorgesetzten und den Mitgliedern der Familie.

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Die Mindestzeitdauer einer zählbaren Auslandsstation liegt bei drei Monaten. Dies sollten insbesondere Studenten beachten, denen sich die Frage stellt: Besser drei Praktika von jeweils einem Monat in verschiedenen Ländern oder ein Auslandsaufenthalt über drei Monate? Die Höchstdauer zu fixieren, fällt schwer. Mit zunehmender Dauer (über zwei Jahre hinaus) wachsen die Rückkehrbarrieren in den deutschen Arbeitsmarkt. Vorbehalte entstehen etwa gegenüber dem Kandidaten, der drei Jahre in Indonesien arbeitete. Ist er nicht doch eher „nur“ der Experte, der in Asien eingesetzt werden kann und deshalb dort auch am besten aufgehoben ist? Beim Heimkehrer nach 5-jährigem US-Aufenthalt könnten Zweifel an seiner Fähigkeit aufkommen, sich beruflich und sozial in Deutschland wieder eingliedern zu können.

Land und Region für den Auslandsaufenthalt

In erster Linie sind die führenden Industrieländer für einen Auslandsaufenthalt interessant, aber positiv besetzt sind auch andere Staaten, vorausgesetzt sie haben ein hohes Wirtschaftspotenzial. Ihr positives Image wertet den Lebenslauf auf. Andererseits stellen solche Länder selbst attraktive Arbeitsmärkte. Wer in Deutschland dann keine adäquaten Alternativen sieht, findet sie möglicherweise eher dort, was ja gerade bei Ingenieuren nicht ganz auszuschließen ist. Weniger empfehlen sich politisch instabile und wirtschaftlich schwache Länder. Auch auf Exoten sollte verzichtet werden. Die Fidschi-Inseln, Nepal, Mauritius u.ä. entsprechen vielleicht eher dem Wunsch nach Ferne und Flucht aus deutschen Zwängen, bringen unter Karrieregesichtspunkten aber nicht viel.

Läuft der Auslandsaufenthalt ab und wartet in Deutschland kein adäquater Arbeitsplatz, heißt es sich zu bewerben. Wer im benachbarten Ausland sitzt, kann das relativ leicht bewerkstelligen, nicht jedoch Kandidaten die weitab vom Schuss sitzen. Die Unternehmen lassen sich von den hohen Reisekosten für das Vorstellungsgespräch abschrecken, sind z.B. die Erfahrungen des Manager Intenational Purchasing in Helsinki. Um nicht von vornherein mit der Bewerbung chancenlos zu sein, erklärt er sich im Anschreiben bereit, eventuelle Reisekosten zu tragen oder schiebt einen privaten Aufenthalt in Deutschland vor, mit dem er das Vorstellungsgespräch ohne Mehrkosten verbinden kann. Ein Montageingenieur mit Einsatzort Taiwan beauftragte gleich einen Dienstleister in Deutschland, der ihm das gesamte Bewerbungsgeschehen abnahm und Vorstellungsgespräche zeitlich in seine Heimataufenthalte steuerte.

Zeugnisse über den Auslandsaufenthalt

Arbeitszeugnisse sehen im Ausland häufig anders aus als in Deutschland. Es kann trotzdem nicht daraus geschlossen werden, dass sie unwichtig sind. Auf jeden Fall weisen sie den Auslandsaufenthalt nach. Um den Wert zu steigern, darf nichts unversucht bleiben, ein nach deutschen Inhalten aufgemachtes Arbeitszeugnis oder auch Referenzschreiben möglichst in englischer Sprache zu erhalten. Wenn die andere Seite damit überfordert ist, sollte nach deutscher Manier dem ausländischen Arbeitgeber ein bereits ausformulierter Entwurf vorgelegt werden, der letztlich nur noch unterschrieben werden muss.

Zu einem Job im Ausland führen Entsendung oder Versetzung des Arbeitnehmers durch den deutschen Arbeitgeber. Aber auch in Eigenregie können Bewerbungen direkt ins Ausland geschickt werden. In diesem Fall sollten sich Interessenten rechtzeitig mit den Bewerbungsregeln im Zielland beschäftigen. Nicht überall sind tolle Fotos oder Zeugniskopien gefragt. Lebensläufe werden oft nach anderen Kriterien bewertet. Was in Deutschland wichtig ist, ist, zum Glück für manch‘ einen Bewerber, nicht in jedem Land wichtig. Die Berufsstation in der Selbstständigkeit wird etwa in den USA anders interpretiert, die Lebenslauflücke interessiert in Frankreich wenig und im Vorstellungsgespräch in England stehen Themen wie Familie, Sport, Gesellschaft im Mittelpunkt. Selbstverständlich sollte eine realistische Gehaltsvorstellung für den Auslandsaufenthalt entwickelt werden. Kandidaten, die die EU verlassen wollen, müssen sich intensiv mit Themen Wohn- und Aufenthaltsrecht auseinandersetzen.

Was erwarte ich vom Auslandsaufenthalt?

Vor dem Auslandsaufenthalt sollten mit dem Arbeitgeber klar die Weiterentwicklungsmöglichkeiten nach Rückkehr oder auch im Ausland diskutiert werden. Es besteht sonst die Gefahr, mit einer unrealistischen Erwartungshaltung abzuwandern und bei Rückkehr bitter enttäuscht zu werden. Wer mit großen Karriereversprechungen geködert wird, sollte diese schwarz auf weiß verbindlich einfordern. Andererseits muss auch klar sein, dass im heutigen schnelllebigen Zeitalter kein Unternehmen mehr in Bausch und Bogen die Beförderung ins gehobene oder höhere Management nach Rückkehr versprechen kann. Wer ins Ausland abwandert, muss sich frühzeitig vor der Rückkehr mit der Frage beschäftigen, wie es weiter gehen soll und realistisch unternehmensintern und extern die Möglichkeiten abklopfen!

Wer für ein deutsches Unternehmen ins Ausland entsendet oder versetzt wird, sollte vorab mit dem Arbeitgeber folgende Punkte über den Auslandsaufenthalt diskutieren und weitestgehend vertraglich fixieren: Dauer des Aufenthaltes, Vergütung (Höhe, Währung, Mehraufwendungspauschalen, Auslands-/Trennungsentschädigung), Arbeitsbedingungen (Arbeitszeit-/Feiertagsregelung nach deutschen/ausländischen Bedingungen, Urlaubsanspruch, ggf. zusätzlicher Heimaturlaub), Reisekosten (Hin-/Rückreise, Familienbesuche u.ä.), Kostenübernahme für Wohnen im Ausland, Versicherungen (Unfall-, Lebens-, Haftpflicht-, Hausrat-, Kranken-versicherung), zeitige Abberufung (auch Ankündigungsfrist dieser), Wiedereintritt ins heimische Unternehmen, Gültigkeit des deutschen/ausländischen Rechts, Gerichtsstand.

 

Ein Beitrag von:

  • ingenieur.de

    Technik, Karriere, News, das sind die drei Dinge, die Ingenieure brauchen.

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