Gesundheit

„Wir werden eine Gesundheitsrevolution erleben“

Immer mehr Ältere, immer mehr chronisch Kranke, immer teurere Therapien. Die Gesundheitssysteme hoch entwickelter Länder stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Absehbar ist die drohende Überlastung. Beim Weltgesundheitsgipfel in Berlin formulierten Experten eine Lösung: Informationstechnologien können und sollen den Kostendruck senken.

Noch ist die Computerisierung in Praxen und Kliniken vergleichsweise rudimentär und Softwarelösungen für das Gesundheitswesen sind nur bei spezifischen Anwendungen etwa in der Radiologie Standard. Zurzeit werden nur 2 % der Gesundheitsausgaben für Informationstechnologien (IT) aufgebracht.

Doch der Weg ist in den Augen von Bill Crounse, Global Manager der Gesundheitssparte bei Microsoft, vorgezeichnet: „Wir werden eine Art Gesundheitsrevolution erleben. So wie wir schon die industrielle Revolution und die digitale Revolution kennengelernt haben.“

Crounse rechnet mit einer durchgreifenden Kommerzialisierung von medizinischen Produkten und Leistungen. Eine Hüftoperation müsse keine 67  000 $ kosten, wenn sie auch für ein Zehntel zu haben sei. Die Globalisierung des Gesundheitswesens, davon ist er überzeugt, wird die Preise purzeln lassen. Virtuelle Visiten, Telemedizin, Assistenzsysteme für Ältere und eine voll computerisierte Verwaltung von Patientendaten sollen den Sparkurs beflügeln.

Crounse ist mit dieser Vision keineswegs allein. Oracle, Google und Intel investieren massiv in die E-Health-Sparte. Sogar das klassische Pharmaunternehmen Novartis sieht in der IT eine Zukunftstechnologie, die es auszubauen gilt, verlautbarte Geschäftsführer Joe Jimenez auf dem Weltgesundheitsgipfel.

Google unterzieht seit 2008 seine Plattform Googlehealth einem Betatest. Auf der Plattform kann jeder Patient eine persönliche Gesundheitsakte anlegen und darin Angaben zu Allergien bis hin zu CT-Scans der Brust speichern. Mediziner, Laborpersonal und Pfleger sollen darauf – mit Einwilligung des Patienten – zugreifen können. Das soll die Arbeitsabläufe in Praxen und Krankenhäusern beschleunigen und Doppeluntersuchungen vermeiden helfen.

Microsoft hat sein Konkurrenzprodukt Health Vault – zu Deutsch: Gesundheitstresor – bereits auf den Markt gebracht. Seit Januar 2010 wird Health Vault über den Lizenznehmer Siemens IT Solutions auch in Deutschland angeboten. Es ist eine der ersten Softwarelösungen des IT-Giganten Microsoft, die vollständig auf den Gesundheitssektor ausgerichtet ist. Vor zwölf Jahren begannen zwei Dutzend Mitarbeiter den Marktbereich auszuloten, heute sind es 1700.

In Deutschland leitet Christian Köth das Geschäftsfeld Healthcare bei Microsoft: „Wir haben 3000 Partnerunternehmen in Deutschland – nur für die Gesundheitsindustrie“, berichtet er. Viele Krankenhausinformationssysteme und Verwaltungsprogramme für gesetzliche Versicherungen beruhen auf Software mit der weithin bekannten PC-Oberfläche. Krankenhäuser wie die privaten Asklepios-Kliniken, aber auch öffentliche Spitäler in Ingolstadt und Stuttgart sollen entsprechende Produkte nutzen.

Die Asklepios-Kliniken gelten in Deutschland als Vorreiter der Computerisierung. Sie haben Verträge mit Intel und Microsoft zum Ausbau der elektronischen Infrastruktur geschlossen und bewerben den Wandel als „Asklepios Future Hospital Programme“. Im April wurde das Programm „Health Vault“ für alle Patienten der Kliniken eingeführt. Sie können auf dem Smartphone ihre Patientenakte einsehen, Termine und Befunde verwalten.

Zudem konnten die Kliniken 73 % ihrer Betriebskosten senken, indem sie ein Krankenhausinformationssystem einführten – Fortbildungen und Umschulungen eingerechnet, betont Köth. Bei nächtlichem Rufdienst sollten die Ärzte zunächst einen Kollegen vor Ort fragen oder sich per Videokonferenz zuschalten, aber nicht sofort in die Klinik fahren. „Das spart Zeit und Kosten“, so Köth.

Man könnte den Eindruck gewinnen, IT verwandelt das berstende Gesundheitssystem in ein Paradies. Mit einer derart rosigen Sicht ist Balazs Szathmary, Manager beim IT-Unternehmen Oracle, aber ganz und gar nicht einverstanden. „Bisherige E-Health-Projekte waren oft kostspielig und sind vielfach gescheitert, gerade wenn sie auf überregionaler Ebene angesiedelt waren“, sagte er unverblümt. Unweigerlich kommen einem bei diesen Worten die schier endlosen Widrigkeiten bei der Einführung der Gesundheitskarte in den Sinn. Regionalen Projekten mit 200 bis 500 Mio. Nutzern sei mehr Erfolg beschieden, führte Szathmary aus. „Ein Bottom-up-Ansatz ist viel besser als eine zentralisierte Umsetzung. Alle Akteure müssen von Anfang an einbezogen werden. Das erhöht die Akzeptanz und die Rechtssicherheit. Datenschutz und -sicherheit sind dafür natürlich auch wichtig.“

Die öffentliche Kritik an elektronischen Gesundheitsdiensten entzündet sich fast nur am Datenschutz. „Patienten müssen eine Einwilligung geben, nur dann dürfen ihre Daten verwendet werden. Und sie müssen jederzeit wissen, was damit geschieht“, forderte Deborah Peel von der US-amerikanischen Organisation Patient Rights Foundation in einer flammenden Rede.

Andere, ebenso drängende Fragen tauchen in der Diskussion nicht auf. Wer verfügt über Rechte an den Daten, die bald die elektronischen Gesundheitsakten füllen? Wer verfügt über diese Rechte nach dem Ableben des Patienten? Hegen Google und Microsoft bald einen unschätzbaren Fundus an Patientenbiografien? Pharmaunternehmen dürften großes Interesse haben, darin zu stöbern.

In Deutschland habe Microsoft keinen Zugriff auf die Daten im Health Vault, stellte Köth klar. Aber Zugriff auf Daten und Rechte an Daten sind zweierlei. Crounse antwortete ausweichend. „Vertrauen ist doch das Wichtigste. Wenn etwas mit den Daten geschieht, was Sie misstrauen lässt, würden Sie so ein System doch nicht nutzen, oder?“, fragt er zurück. Dass es so einfach nicht ist, beweist der florierende Adressdatenverkauf im Internet. Kaum jemand ahnte von diesem Datenhandel, als er sich auf einer beliebigen Webseite vor Jahren mit seiner Anschrift einschrieb.

Eine andere ebenso wenig thematisierte Gefahr der Computerisierung des Gesundheitswesen ist die Entmenschlichung. Wenn virtuelle Visiten den Arztbesuch ersetzen und Ambient Assisted Living Alte alleine statt im Altersheim leben lässt, schwindet sowohl für den Patienten als auch für den Pflegebedürftigen der menschliche Kontakt.

Doch Crounse hat das Gegenteil erlebt: „Eine Videovisite bedeutet viel mehr Kontakt, nur ich und der Arzt, als im Sprechzimmer, wo dauernd jemand hereinkommt.“ Davon abgesehen vertraut er der modernen Medizin offenbar auch ganz ohne die Nähe eines Mediziners: In zwanzig Jahren, so seine Hoffnung, werde man sich vielleicht von einem Roboter operieren lassen, der von einem sehr guten Chirurgen irgendwo auf der Welt ferngesteuert wird. Das müsse dann natürlich viel preiswerter sein, als heute auf einem OP-Tisch zu liegen, umringt von teurem Personal in Grün. Er sagt das und lächelt.

SUSANNE DONNER

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