Arzneimittel

WHO diskutiert Alternativen zur Pharmaforschung  

VDI nachrichten, Genf, 16. 11. 07, ber – Drei Jahrzehnte lang wurde die Tuberkuloseforschung komplett vernachlässigt. Heute sterben noch Millionen von Menschen in den Entwicklungsländern an dieser Krankheit. Eine Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll Abhilfe bei den „vernachlässigten“ Krankheiten der Armen schaffen.

Mögliche Alternativen zur patentgetriebenen Erforschung und Entwicklung neuer Medikamente soll eine Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation bereits in einem halben Jahr vorlegen.

Ziel der „Internationalen Arbeitsgruppe zur Verbesserung der Gesundheitsforschung“ ist vor allem, die Erforschung jener Krankheiten in Gang zu setzen, an denen jährlich Millionen von Menschen in den Entwicklungsländern sterben – und für die sich profitorientierte Pharmakonzerne nicht sonderlich engagieren.

Gesundheitspolitiker wie der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg fordern seit langem eine neue bedarfsgerechte und öffentlich geförderte Medikamentenforschung.

Am vergangenen Samstag gingen in Genf Regierungsvertreter zwar noch ohne endgültiges Ergebnis auseinander, dennoch zogen die aktiv für den Kampf gegen „vernachlässigte“ Krankheiten streitenden Nichtregierungsorganisationen eine positive Bilanz.

„Wir sind weit gekommen“, sagte James Love, Direktor der Nichtregierungsorganisation Knowledge Ecology International (KEI). Immerhin würde den Regierungsvertretern abverlangt, sich mit einem gänzlich neuen System in der Medikamentenforschung zu beschäftigen.

Deren prinzipielle Bereitschaft, über einen eigenen Völkerrechtsvertrag zur Erforschung und Entwicklung von Medikamenten nachzudenken, und die Anerkennung, dass Zwangslizenzen zur Bereitstellung lebenswichtiger Medikamente über internationale Verträge wie dem TRIPS-Abkommen gedeckt sind, verbuchten Organisationen wie KEI, Ärzte ohne Grenzen und die BUKO-Pharmakampagne als Erfolg.

„Das System der Zwangslizenzierung wurde von niemandem mehr in Zweifel gezogen“, sagte Oliver Moldenhauer, Koordinator der Medikamenteninitiative bei Ärzte ohne Grenzen, unmittelbar nach Ende der Verhandlungen in Genf. Der thailändischen Regierung etwa, die derzeit mit dem Pharmaunternehmen Abbott um die Zulässigkeit der Lizenzen mit dem US-Unternehmen Abbott Laboratories und Sanofi-Aventis streitet, stärke dies aktuell den Rücken.

Zwangslizenzen und damit ein besserer Zugang zu existierenden, aber hochpreisigen Medikamenten aus den Labors der Pharmariesen lösen allerdings das Kernproblem der Medikamentenforschung nicht.

Wodarg, selbst Arzt und für den Europarat Beobachter der Diskussionen, warnte: „Die bestehende Forschungsförderung im Bereich der Arzneimittel über Patente ist sehr fragwürdig und es kommt hier zu gewaltigen Fehlsteuerungen durch das Patentsystem.“ Patente würden strategisch eingesetzt, um Märkte abzusichern. Das kollidiere mit der öffentlichen Daseinsvorsorge, für die die Regierungen zuständig sind.

„Patente sind geradezu innovationshemmend und immer weniger Patentanmeldungen bringen echte Neuerungen“, so Wodarg. Die Erforschung von Krankheiten in den ärmeren Ländern, auch von Massenkrankheiten, sei uninteressant für die Unternehmen.

Im Vordergrund steht für Wodarg die Tuberkulose. „Hier gab es in 30 Jahren keine neuen Medikamente mehr, weil man sich keinen lukrativen Markt versprochen hat, und daher sterben heute Millionen Menschen daran.“

Tido von Schoen-Angerer, Direktor der Medikamentenkampagne bei Ärzte ohne Grenzen, sagte: „Forschung und Entwicklung (im Medikamentenbereich) sind kaputt.“ Sie lieferten nicht, was gebraucht werde. 20 % der Tuberkulosepatienten, bei HIV-Patienten mit Tuberkulose sogar zwei Drittel, sterben während der Behandlung.

Studien belegten, dass nur 1 % der in den vergangenen 25 Jahren entwickelten 1556 neuen Medikamenten gegen die vernachlässigten Krankheiten wie Tuberkulose entwickelt wurde, obwohl diese Krankheiten etwa 10 % aller Krankheitsfälle ausmachten.

Drei neue Ansätze sollen die Medikamentenforschung bedarfsgerechter fördern: ein staatlicher Fonds, die Auslobung von Forschungspreisen für die jeweilige Erkrankung und der jetzt ins Auge gefasste Völkerrechtsvertrag.

Der Fonds, der am schnellsten realisierbar sei, sollte sich laut Wodarg allerdings anders als der bestehende Globale Fonds zur Versorgung mit Medikamenten vor allem um die Grundlagenforschung kümmern. Zudem müsse auch klar sein, dass so beforschte und entwickelte neue Stoffe sofort patentfrei zur Verfügung stehen müssten.

Die Alternativen könnten laut Wodarg die Tür öffnen für eine neue Medikamentenforschung. Seiner Meinung nach ist die Abkehr vom Patentsystem langfristig die Option der Wahl.

Derartige Überlegungen zum kompletten Systemwandel machten den Pharmaunternehmen allerdings Angst. Sie unterstützten deshalb ein paralleles System, an dem sie sich möglicherweise auch beteiligen können.

Harvey Bale, Generaldirektor des internationalen Verbands der Medikamentenhersteller (IFPMA), unterschied in einer unmittelbar nach der Sitzung verbreiteten Pressemitteilung zwei Arten möglicher Ergebnisse: „Einige schlagen nachhaltige, praktische Lösungen vor, die auf den konkreten Verbesserungen aufbauen, die bislang erreicht wurden. Andere sind eher theoretisch und grundsätzlich ideologischer Natur.“

Druck gegen entsprechende Vorschläge einer Reihe lateinamerikanischer Staaten zu Patentfreiheit oder die Schaffung von Datenbanken mit bekannten Stoffen zur Weitererforschung (so genanntes Rio-Papier) kam auch von Seiten der US-Regierung. Nach Informationen des Genfer Fachblattes Intellectual Property Watch versandte die US-Regierung Demarchen an die Länder, die das Rio-Papier unterstützt hatten. Mexiko, ursprünglich Unterzeichner der Rio-Vorschläge, zog seine Unterstützung daraufhin zurück.

Auch Bundespolitiker Wodarg war unzufrieden mit dem Prozess. Kurz vor dem Start des Treffens der WHO-Arbeitsgruppe vergangenen Woche wurde er als Beobachter für den Europarat einfach wieder ausgeladen. Wenn im kommenden April die Verhandlungen weitergehen, wird Wodarg versuchen, wieder dabei zu sein. Ob die Regierungen einen Meilenstein in der Gesundheitsforschung am Ende schaffen, bleibt bis dahin offen. M. ERMERT

Seit 30 Jahren kein neues Medikament gegen Tuberkulose

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