Gesundheit

Wer kontrolliert die BSE-Kontrolleure?

Wie am Fließband testen hierzulande die Labors auf BSE – mehrere zehntausend Proben wöchentlich. Einigen privaten Testlabors wird nun vorgeworfen, unter dem Druck der Fleischindustrie schnell und schlampig getestet zu haben. Doch die Tester wehren sich.

Das Geschäft mit dem Prädikat „BSE-getestet“ blüht. Seit Januar 2001 muss das Hirn jedes über zwei Jahre alten Rindes in Deutschland auf BSE getestet werden – eine Folge der vielen Fälle von Rinderwahn in den Monaten zuvor. Fast 3 Mio. Rinder wurden im vergangenen Jahr auf BSE getestet, zu einem Preis von durchschnittlich 30 „. Allein in Nordrhein-Westfalen sind im vergangenen Jahr mindestens zehn neue Labors zugelassen worden. Deutschlandweit seien „unzählige auf den Zug aufgesprungen“, erklärt Dr. Detlef Horn, Leiter des Staatlichen Veterinäruntersuchungsamtes in Krefeld. Nun sind einige der privaten Labors ein Fall für den Staatsanwalt. Gibt es unter den Testern profitgierige Pfuscher?

Fast 60 000 Tests sind inzwischen beanstandet worden; das Fleisch von mehr als 26 000 Rindern wurde zurückgerufen, 9000 t bayrisches Rindfleisch wurden bereits vernichtet.

Am schlimmsten trifft es bislang Bayern. So hatten Behörden ein nicht zugelassenes Labor der Passauer Firma Milan geschlossen, mit jährlich über 350 000 Tests einer der größten Anbieter auf dem Markt. Wenig später untersuchte das Bayerische Landeskriminalamt ein Münchner und ein Nürnberger Labor der Firma Diagnostic Lab. Auch hier wurden Mängel beanstandet, beiden Labors hat man die Lizenz entzogen.

Nach den Meldungen aus Bayern schickten auch andere Länder ihre Untersuchungsbeamten los. In Baden-Württemberg wurde einem von zwölf privaten Testlabors die Lizenz entzogen, in Rheinland-Pfalz zweien. Als Grund nannten die Prüfer Unregelmäßigkeiten bei den Testverfahren: Das baden-württembergische Labor hatte statt vorgeschriebener vier Negativkontrollen nur zwei oder drei vorgenommen, die beiden anderen Labors hätten sich nicht exakt an die Vorgaben der Gebrauchsanweisung für den Test eingehalten.

Renate Künast, Bundesministerin für Verbraucherschutz, sagt, es gebe vor allem dort Lücken im System, wo die BSE-Tester unter Zeit- und Preisdruck stünden. Horn sieht diesen Druck vor allem auf privaten Labors. Die staatlichen Untersuchungsstellen erheben eine Gebühr von gut 32 “ pro Test, der Marktpreis der privaten liege bei etwa 18,5 „. „Bei Materialkosten von durchschnittlich 14 “ bleibt da nicht viel übrig“, so Horn. Das Geschäft lohne sich dann nur bei großen Mengen von Tests, die entsprechend schnell durchgeführt werden müssten.

Künast will jetzt präzise „Leitlinien für BSE-Tests“ durchsetzen und die Länder drängen, das Kontrollpersonal zu verstärken. Die BSE-Testprotokolle der einzelnen Labors sollten fortlaufend systematisch überprüft werden. Die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn regte an, amtliche BSE-Tests nur in staatlichen Labors durchführen zu lassen.

Prof. Walter Jäger, Sprecher der freiberuflichen Chemiker in der Gesellschaft Deutscher Chemiker, warnt indessen vor Überreaktionen. „Die Mehrzahl der Institute arbeitet seriös.“ Jäger führt in Tübingen ein eigenes Testlabor. Es sei Unsinn, das Fleisch der von den fehlerhaften Tests betroffenen Tiere vom Markt zu nehmen. Das in Baden-Württemberg beanstandete Labor habe formale Verstöße begangen, die auf das Testergebnis keinen Einfluss gehabt hätten. „Wird das betroffene Fleisch vernichtet, ist so viel Vorsicht nicht mehr nachvollziehbar.“ Zur Zeit fahnden die Behörden in Baden-Württemberg nach 8000 t Rindfleisch aus beanstandeten Labors, das zum Teil bereits in den Kühltheken der Supermärkte liegt.

Im Interesse der seriösen Institute will Jäger keine Abstriche an den Testverfahren vornehmen. „Für die aufwendigen Tests müssen die privaten Labors aber entsprechend bezahlt werden.“ Ein so sensibler Bereich solle nicht allein dem Markt überlassen werden. Einige Wissenschaftler diskutieren, ob vier Negativ-Kontrollen überhaupt erforderlich sind. „Zur Zeit überprüft das die Bundesanstalt für Viruskrankheiten der Tiere zusammen mit den Herstellern der Tests und den Wissenschaftlern“, sagt Matthias Wolf, Sprecher des Ernährungsministeriums in Baden-Württemberg. „Außerdem kann niemand ausschließen, dass auch in staatlichen Labors Fehler gemacht werden.“

Doch selbst bei korrektem Test bedeutet das Prädikat „BSE-getestet“ noch lange nicht „BSE-frei“. Seit langem kritisieren Fachleute, dass die Verfahren falsche Sicherheit vortäuschen. Denn mit dem BSE-Test werden nur die Tiere entdeckt, bei denen die Krankheit bereits kurz vor dem Ausbruch steht. Meistens jedoch werden die Rinder drei bis fünf Jahre alt, bevor sie Symptome zeigen. Bei jüngeren infizierten Tieren ist der Erreger in zu geringer Konzentration vorhanden, um mit den Schnelltests aufgespürt zu werden. Doch werden bereits geringe Erreger-Mengen verdächtigt, den Menschen infizieren zu können.
ELKE BODDERAS

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