Gesundheit

Wenn das Qi aus der Balance gerät

Nie hatte die chinesische Medizin größeren Zulauf als heute. Ärzte in Deutschland wie in China versuchen, traditionelle und moderne Heilmethoden zu verknüpfen. Doch der Spagat zwischen Mystik und Wissenschaft fällt schwer — ein Besuch im Yueyang-Krankenhaus in Shanghai.

Mehrmals täglich macht Zhibi Hu in ihren weißen Pantoffeln einen Zeitsprung von 2000 Jahren. Nur wenige Schritte, und die Ärztin gelangt vom östlichen Flügel des Shanghaier Yueyang-Hospitals in den westlichen. Wenn ihr dort der scharfe Dunst des Moxa-Krautes entgegenschlägt, hat sie den Geruch von Desinfektionsmittel aus dem Ostteil noch in der Nase.
Zhibi ist Professorin für traditionelle chinesische Medizin (TCM) am Yueyang, einer der renommiertesten Kliniken Shanghais. In ihrem Sprechzimmer drängen sich acht Patienten. Manche sitzen auf Liegen mit einem Dutzend Nadeln, die aus Ohren und Wangen herausragen und an deren Enden Kräuterbüschel qualmen. Andere kauern, die Augen geschlossen, als schliefen sie. Professor Zhibi lüftet ein Handtuch von der nackten Hüfte eines Chinesen. Ein Schröpfglas kommt zum Vorschein mittels Vakuum ist es auf die Haut des 50-jährigen Rückenpatienten geklebt, aus einem feinen Riss rinnt Blut in die Glaskuppel. „Hilft für eine Woche, dann wiederholen“, strahlt die Ärztin und ihr Gesicht wird dabei fast so rund und glänzend wie das Schröpfglas in ihrer Hand.
Von außen unterscheidet sich das Krankenhaus im rückständigen Südwesten Shanghais kaum von den umliegenden grauen Fabrikblocks. Über einem Nebengebäude verstauben rote Laternen, eine davon hat sich gelöst, hängt jetzt abgeknickt wie ein verlorener Luftballon an einem Draht. 60 Professoren behandeln hier ihre Patienten nach traditionellen und westlichen Techniken.
Zhibi Hu arbeitet im westlichen Trakt des Yueyang, dem für traditionelle Medizin. „Auch Mao Tse-tung und Indonesiens Präsident Abdurrahman Wahid wurden mit Mitteln der traditionellen chinesischen Medizin geheilt.“ Beider Augenlicht hatte die westliche Schulmedizin schon fast aufgegeben.
Wie groß die Kluft zwischen den beiden Richtungen ist, spürt die chinesische Ärztin meistens dann, wenn sie Besucher aus dem Westen hat. Die fragen nach Beweisen und Studien. Viele kommen mit der Vorstellung, chinesische Ärzte könnten mit ihrer jahrtausendealten Heilkunde wahre Wunder wirken. Da muss es doch etwas geben jenseits unserer westlichen Gerätemedizin, die mit jedem neuen automatisierten Verfahren vielen immer kälter und unmenschlicher vorkommt – sagen die einen. Zu ihnen gehört der Münchner Akupunkturanhänger Dr. Carl-Hermann Hempen. Er meint: „Durch TCM ist praktisch jede Krankheit therapierbar.“
Von wegen, sagen die anderen. „Nicht einmal jede hundertste Studie zur Wirksamkeit der Akupunktur erfüllt die wissenschaftlichen Standards“, betont der Münchner Medizinhistoriker Prof. Paul Unschuld. Muss man also an die TCM einfach nur glauben?
Im Shanghaier Hospital zieht Prof. Wang Weidong, Arzt für Akupunktur und Onkologie, seine kleinen Brillengläser von der Nase und putzt sie umständlich. Unter dem Spitzendeckchen auf dem Tisch neben ihm steht ein Spucknapf. Wang hustet, ein trockener Husten. Dann lässt er das Fenster schließen, denn mit der frischen Luft dringt auch der Lärm der Straße in den Raum. Er sagt: „Auch wir in China sind in vielen Bereichen skeptisch, wir können nicht alles naturwissenschaftlich erklären, wir können die Wirkung der TCM nicht garantieren.“
Er weiß, dass TCM-Ärzte weltweit um Glaubwürdigkeit kämpfen. „Wenn die TCM so erfolgreich sein will wie bisher, muss sich das ändern“, sagt Wang. Vergangenes Jahr exportierte China nach Angaben der Regierung Medikamente im Wert von 6 Mrd. Dollar, der Markt wächst jährlich um 20 %.
Damit das so bleibt, gibt es seit kurzem im Nebengebäude das „Institut für Standardisierung“. Kraut für Kraut, Rezept für Rezept wird penibel aufgelistet, ihre Wirkung bewertet. Seit kurzem summt hier eine Sequenziermaschine. Sie ermittelt Gene der rund 9000 chinesischen Heilkräuter, anhand derer die Pflanzen klassifiziert und gespeichert werden. Das soll Verwechslungen vorbeugen.
Wang seufzt. „Wir haben längst keine Berührungsängste mit westlichen Heiltechniken mehr.“ Bei einem Tumor werde operiert, anschließend sei die Chemotherapie das erste Mittel der Wahl. Die Nebenwirkungen könnten Kräuter und Akupunktur erheblich mindern. „Und die Zukunft der Krebsbehandlung sehen wir genau wie unsere westlichen Kollegen in der Genmanipulation der Zellen.“
Es ist neun Uhr morgens, die Gänge des Krankenhauses sind voller Menschen. Sie bringen Essen mit, Teetöpfe klappern, die Stimmung ist entspannt, fast heiter. „Wir sehen unsere Patienten anders, als das westliche Ärzte tun“, sagt Prof. Wang, „das ist der wichtigste Unterschied zwischen den Lehren.“
Der Arzt im Westen geht bei der Diagnose strikt naturwissenschaftlich vor. Messwerte stehen für seinen Befund im Mittelpunkt. Mit EKG, Röntgen- und Blutbild lassen sich Veränderungen erkennen. Bei Patienten, die keine pathologischen Befunde zeigen, aber trotzdem über Schmerzen klagen, stößt der Weg an Grenzen.
Die TCM hat einen eher philosophischen Ansatz: Der Mensch ist das Abbild natürlicher Harmonie zwischen Himmel und Erde, die Urkräfte Yin (weiblich, dunkel, kalt) und Yang (männlich, hell, warm) sind im Gleichgewicht, solange er gesund ist. Geraten sie außer Balance, wird er krank.
Wang steckt Nadeln in eine lebensgroße Plastikpuppe. „An bestimmten Punkten beseitigen die Nadeln Störungen des Energieflusses und stellen das Gleichgewicht wieder her“, sagt er. Der TCM-Arzt versucht zu begreifen, wie es zu der Entgleisung gekommen ist. Er lernt seinen Patienten kennen, sein soziales und emotionales Umfeld, seine Essgewohnheiten.
Westlichen Krankenkassen fehlt das wissenschaftliche Konzept, in das sich die östliche Lehre einordnen lässt. Es ist schwierig, die Wirksamkeit der TCM nach den strengen westlichen Maßstäben zu beweisen. Bei der Akupunktur sind Doppelblindstudien unmöglich, bei denen weder Arzt noch Patient wissen dürfen, dass die Therapie nur zum Schein erfolgt. In der Pharmaforschung aber sind solche Kontrollen Vorschrift.
Weil sich die Lehre der TCM rational kaum erklären lässt, arbeiten immer mehr deutsche Ärzte daran, Akupunkturpunkte aufzulisten und zu bewerten. Und sie sind bemüht, Krankheitsbilder zu definieren. „Allerdings können wir die Therapie nicht standardisieren, weil nach den Lehren der TCM jeder Patienten anders ist“, sagt Dr. Josef Hummelsberger. Als Vorstand der Societas Medicinae Sinensis, München, bemüht er sich um die Integration der TCM in die Schulmedizin.
Ein Ärzteteam der Universität Heidelberg versucht es empirisch. Sie erfanden die „Placebo-Nadel“, die nach einem oberflächlichen Kontakt mit der Haut in die Halterung zurückspringt. Der Patient fühlt einen Stich, aber eine wirkliche Akupunktur findet nicht statt. Die Placebo-Technik testeten die Mediziner an Kranken, die an Schulterschmerzen litten. Ihr Zustand veränderte sich kaum. Er verbesserte sich aber, bei einer zweiten Testgruppe mit demselben Leiden erheblich, die tatsächlich akupunktiert worden waren.
Unten, vor der Krankenhaus-Apotheke in Shanghai, hat sich wie jeden Tag eine lange Warteschlange gebildet. Die ambulanten Patienten holen sich ihre Kräutermischungen ab, die hinter der Theke ein Dutzend flinker Damen unter Aufsicht eines grauhaarigen, dürren Chinesen aus über 300 Pflanzenextrakten für sie zurechtmischen. Nichts Erotisches wie die berühmten Potenzmittel aus Hirschpenis, sondern meist Substanzen mit Grundbestandteilen wie der Isatis-Indigotca-Wurzel, die gegen Erkältungen hilft, und getrocknete Skorpione zum Entgiften des Körpers. In einem Nebengebäude hängen zwei Dutzend Pensionäre am Tropf, durch den die verflüssigten Heilkräuter rinnen. „Viel billiger als das westliche Chemiezeug“, sagen die Apothekerinnen.
Egal was es kostet, versichert Professor Wang, im Yueyang werde allen geholfen. Die über 50-Jährigen werden meistens im traditionellen Trakt behandelt, die Jungen zieht es in den anderen Flügel. Im Yueyang dürfen die Patienten nämlich selbst entscheiden, ob sie traditionell oder westlich behandelt werden. „Das ist nicht so ungerecht, wie in Deutschland“, sagt Wang und lächelt dabei nur ein bisschen.
KRISTINA GREENE
ELKE BODDERAS

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