Sicherheit

VDI warnt vor vereinfachter Diskussion um Sicherheit

Vor dem Hintergrund des Terrors in den USA warnt der VDI vor einer zu raschen und eindimensionalen Beurteilung von Sicherheitssystemen. In seinem folgenden Beitrag fasst Volker Wanduch, Leiter der VDI-Fachgliederungen, am Beispiel eines Flughafens die Diskussion im VDI zusammen.

Seit dem Terrorangriff auf die USA am 11. September ist die Diskussion diesbezüglich in vollem Gang. Radikale Terroristen, die bereit sind, für ihre Ziele zu sterben, sind in der Lage, irrationale kriminelle Pläne zu entwickeln, die von Sicherheitsexperten kaum vorher gesehen werden können. Die Zerstörung des World Trade Centers und das Attentat auf das Pentagon sind die traurigen Beweise.

Doch höhere Sicherheit ist nie das Ergebnis einer einzelnen Maßnahme. Vielmehr verfolgen moderne Sicherheitskonzepte eine ganzheitliche Philosophie, bei der eine möglichst vollständige Kette von Maßnahmen ineinander greift. Wird dieses Ziel verfehlt, dann kann das Sicherheitsniveau zuletzt nur so hoch sein, wie es das schwächste Glied in der Kette erlaubt. Würden jetzt nur isolierte Maßnahmen durchgeführt werden, etwa zur Trennung des Flugzeug-Cockpits vom Passagierraum, um nach den schrecklichen Anschlägen schnell Handlungsfähigkeit zu beweisen, dann bliebe das Sicherheitsniveau des Gesamtsystems im schlimmsten Fall genau so hoch oder niedrig wie zuvor.

Dabei ist die Luftfahrt bisher das Verkehrssystem mit dem höchsten Standard an technischer Sicherheit. Flugzeuge werden so entwickelt, hergestellt und betrieben, dass sie ein optimales Maß an Sicherheit vor dem Versagen der Technik selbst erreichen. Auf Grund von Risikomodellen, analytischen Methoden und empirischen Erfahrungen aus jahrzehntelangem Betrieb können Flugzeuge aller Herstellerfirmen mit vertretbaren Risiken betrieben werden. Alle Komponenten eines Flugzeuges werden mit höchsten Anforderungen an ihre Zuverlässigkeit ausgelegt, hergestellt und während ihrer Einsatzzeit überwacht. Dennoch sind Versagen oder Fehlverhalten aller Komponenten einzeln oder im Verbund mit anderen Komponenten auf Grund gewisser, wenn auch geringer Wahrscheinlichkeiten möglich und manchmal Realität. In diesen seltenen Fällen setzen dann technische Notmaßnahmen ein, die das Flugzeug zunächst für einen begrenzten Zeitraum in einen stabilen Zustand überführen, sodass die Piloten handlungsfähig bleiben und die nächst mögliche außerplanmäßige Landung oder Notlandung durchführen können. Piloten und Bordpersonal werden ständig für solche Ausnahmesituationen trainiert, um im Ernstfall intuitiv alle richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Sollte dennoch keine Notlandung möglich sein, wird jeder Pilot den unvermeidbaren Absturz seiner Maschine so zu beeinflussen versuchen, dass er durch Ablassen des Treibstoffes mit möglichst leeren Tanks und in unbewohnten bzw. dünn besiedelten Gebieten erfolgt, um die Folgeschäden so gering wie möglich zu halten.

Dieses mehrstufige Sicherheitskonzept der Luftfahrt dient bis heute als Vorbild für die meisten technischen Bereiche. Es vereint hohe technische Sicherheit mit einer hohen Verhaltenssicherheit aller beteiligten Menschen. Die größten Schwachstellen im Sicherheitskonzept des Luftverkehrs sind die Passagiere, das Gepäck und die Flughäfen. Dies hat auch die Pilotenvereinigung Cockpit erkannt, die als einzige Organisation vor überzogenen Einzelmaßnahmen an den Flugzeugen gewarnt hat. Größere Sicherheit ist nur zu erreichen, wenn die Sicherheit auf den Flughäfen verbessert wird.

Jeder Flughafen muss unabhängig von seiner Größe viele Grundfunktionen erfüllen, die zur Beschäftigung von Hunderten bis zu Zehntausenden von Personen führen. Da bei weitem nicht alle Funktionen mit technischen Mitteln oder vertretbarem technischem Aufwand automatisierbar sind, müssen diese von Menschen wahrgenommen werden, die somit ein mögliches Risiko darstellen. Deshalb kann nur die Verbesserung der Sicherheitskontrollen von Flughafenmitarbeitern, Fremdfirmen, Passagieren, Gepäck und Fracht zu einem höheren Sicherheitsniveau führen. Hierzu können bessere technische Ausrüstungen, vor allem aber besser qualifiziertes Personal für die Überwachung von Flughafenpersonal, Passagieren, Gepäck und Fracht beitragen. Aber auch diese Maßnahmen werden terroristische Vorhaben nur erschweren, nicht verhindern können. Eine hundertprozentige Sicherheitsüberprüfung aller Mitarbeiter auf einem Flughafen ist ebenso unmöglich wie die aller Passagiere.

Der Angriff auf das World Trade Center verdeutlicht weitere Risiken, die zu minimieren wir lernen müssen. Jedes Hochhaus und jedes komplexe Gebäude wird für vielerlei Lasten wie Schnee, Wind, Temperaturen und Erdbeben berechnet. Von diesen ist bekannt, dass sie insbesondere bei Großbränden, die nicht von den installierten Sprinkleranlagen gelöscht werden können, je nach Baujahr etwa 60 bis 120 Minuten standhalten, bis akute Einsturzgefahr besteht. Dies liegt am Abschmelzen der Feuerschutzbeschichtungen der Stahlträger, sodass diese selbst zu schmelzen beginnen. Durch den Flugzeugangriff auf das World Trade Center wurden beim Aufprall sofort Stahlträger zerstört und gleichzeitig durch das Kerosin ein Großbrand ausgelöst. Demnach war der Einsturz der Gebäude innerhalb von rund 60 Minuten eine leider logische Folge.

Für jede Stadt, jeden Regierungsbezirk, jedes Bundesland und das gesamte Land gibt es Katastrophenschutzpläne. In ihnen werden alle potenziellen Gefahrenquellen erfasst und Maßnahmen zur Schadensbegrenzung festgelegt. Leitzentralen koordinieren alle Rettungseinheiten und legen die notwendigen Maßnahmen fest. Da New York über sehr viele Hochhäuser verfügt, müssen insbesondere die Einsatzzentralen der Feuerwehr Kenntnisse über das Brandverhalten dieser Gebäude haben und wissen, dass nach 60 bis 120 Minuten akute Einsturzgefahr besteht. Dennoch gingen mutige Einsatzkräfte im Angesicht der menschlichen Tragödien das Risiko sofortiger Rettungsmaßnahmen ein. Mehrere hundert von ihnen bezahlten einen tragisch hohen Preis. Das Beispiel von New York verdeutlicht jenseits aller menschlichen Tragik, dass Katastrophenschutz ständig vorbereitet und trainiert werden muss. Nur so wird erreicht, dass Helfer und Opfer im Ernstfall intuitiv richtig handeln.

Ein Blick nach Japan zeigt, dass man dort wegen der überdurchschnittlichen Gefahr von Erdbeben sehr viel bewusster mit dem Risiko einstürzender Gebäudekomplexe umgeht. Das Gefährdungspotenzial im Sinne des Katastrophenschutzes kann durchaus verglichen werden. Auch bei Erdbeben halten die Gebäude bis zum Erreichen einer bestimmten Stärke den Erschütterungen stand, so dass ein gewisser Zeitraum zum Evakuieren der Gebäude bleibt. Japaner trainieren ständig und kontinuierlich die Evakuierung großer, komplexer öffentlicher Gebäude, um im Ernstfall die Anzahl der Opfer zu begrenzen. Hierdurch wird Panik vermieden und das intuitiv richtige Verhalten im Ernstfall trainiert – ähnlich wie bei der Luftfahrt. In anderen Teilen der Welt ist diese Bereitschaft bisher weniger ausgeprägt. Im Falle terroristischer Anschläge jedoch leben wir mit gleichem Risiko, allerdings ohne uns dessen bewusst zu sein. Dies führt im Ernstfall zu Fehlverhalten und Panik und damit zu zusätzlichen Opfern.

Die neue Dimension des Terrors, wie er sich in Amerika am 11. September zugetragen hat, zeigt uns, dass mit immer neuen Formen von Terror gerechnet werden muss. Als Antwort darauf können technische und konzeptionelle Maßnahmen ergriffen werden, die ein solches Risiko minimieren.

Vorhandene Sicherheitskontrollen können in einem ersten Schritt verstärkt und qualitativ im Personalbereich verbessert werden. Auch zusätzliches Sicherheitspersonal an Bord der Flugzeuge trägt zur Risikominimierung bei. Zusätzlich könnten mittelfristig Sicherheitskonzepte auf der Grundlage angepasster Verhaltensweisen potentiell Betroffener und technischer Weiterentwicklungen realisiert werden. Doch langfristig können die Ursachen breiter terroristischer Bewegungen nur politisch gelöst werden.

Insbesondere die kurzfristigen und mittelfristigen Maßnahmen sollten die eigentliche Zielerreichung terroristischer Anschläge effektiv verhindern können. Die Passagiere des in Pennsylavia abgestürzten Flugzeugs haben zum Beispiel über Bordtelefone und Handys erfahren, was sich am World Trade Center abspielte. Sie waren sich wohl bewusst, dass auch ihr Flugzeug zu einem Anschlag mit größeren Folgen benutzt werden sollte. In diesem Bewusstsein zeigten sie beispiellose Zivilcourage und griffen ein, so dass ihr Flugzeug abstürzte, ohne die beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Die Anzahl der Opfer beschränkte sich auf die Passagiere der Maschine – und rettete damit viele Menschenleben in Camp David, dem Feriendomizil des US-Präsidenten und mutmaßlichen Ziel der Terroristen.

Diese Geschehnisse führen zu Überlegungen, die Kontrolle über Flugzeuge in Notfällen via Fernlenkung zu gestatten. Damit könnte man von außen einen „kontrollierten“ Absturz oder die gewollte Zerstörung des Flugzeugs in der Luft ermöglichen. Selbstmordattentäter würden so stärker abgeschreckt als jedes direkte Vorgehen gegen die Täter. Dies setzt aber einen weltweiten ethischen Konsens voraus, da innerhalb von wenigen Minuten einzelne oder wenige Personen die Entscheidung hierzu treffen müssten. Auch hierbei sind Fehlentscheidungen möglich, mit tödlichen Folgen für alle Betroffenen. Und wem möchte man die Rolle als „Schnellrichter“ mit Todesfolgen zumuten? VOLKER WANDUCH

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