Sicherheit 02.11.2001, 17:31 Uhr

US-Biowaffe gegen Afghanistan ist einsatzbereit

Spätestens seit der Absage ans Kyoto-Protokoll zum Umwelt­schutz steht fest, dass die USA mehr auf eigene Interessen als auf internationale Konven­tionen setzen – also auch nicht auf die Biowaffen-­Konvention. Unbemerkt ließen sie ihre Forscher einen Pilz entwickeln, der Afgha­nistans Opium­produktion auf einen Schlag lahm legen könnte.

Nach jahrelangen Vorarbeiten dürfte nun ein Pilz einsatzbereit sein, der ganze Mohnplantagen lahm legen kann. Nach den Terroranschlägen am 11. September werden in den USA die Skrupel immer geringer, in Afghanistan auch biologisch zuzuschlagen.

„Mitten in einer Phase größter Biowaffen-Angst stellt die US-Regierung plötzlich umfangreiche Teile des globalen Biowaffenverbotes in Frage“, fürchtet Dr. Jan van Aken, Vorsitzender des Hamburger Vereins Sunshine Project Deutschland. „Statt auf Prävention und internationale Kooperation setzt die Bush-Administration jetzt offensichtlich auf Wettrüsten und Repression.“

Verunsichert wurden die Mitglieder des Sunshine Project durch Ausführungen von Avis Bohlen, einer der ranghöchsten Abrüstungsdiplomatinnen der USA, in ihrer Rede vor den Vereinten Nationen in New York am 10. Oktober. Darin betonte sie zwar einerseits die Ächtung aller biologischer Waffen, machte aber andererseits auch deutlich, dass die USA eine Priorität im Kampf gegen Erreger sehen, die imstande sind, Menschen zu töten. Die Aktivisten gegen Biowaffen sehen darin ein Zeichen, dass die US-Regierung bereits gründlich erforschte und entwickelte „harmlosere“ Mittel als durchaus zulässig für den Einsatz erklären könnten, sofern es um die Durchsetzung eigener Interessen geht.

Laut Edward Hammond, Gentechnik-Aktivist in den USA und Organisator des Sunshine Project-Büros in Austin, Texas, mehren sich die Indizien, dass die USA nun ihrerseits bereit sind, mit einem speziell gezüchteten Pilz die afghanische Haschisch- und Mohnproduktion auszuschalten.

„Seit über zehn Jahren entwickelt die US-Landwirtschaftsbehörde (USDA) Pilze zur Vernichtung illegaler Drogenpflanzen“, berichtet sein deutsche Kollege van Aken – auch mit Proben aus unmittelbarer Nachbarschaft zu Afghanistan. Denn ein Schädling des Schlafmohns, Pleospora papaveracea, wurde noch im Rahmen des offensiven Biowaffenprogramms der früheren Sowjetunion entdeckt und im Genetischen Institut Taschkent in Usbekistan gelagert. Dort fanden ihn Anfang der 90er Jahre Mitarbeiter der USDA, die daraufhin gemeinsam mit Großbritannien die weitere Entwicklung des Pilzes und Feldversuche in Usbekistan finanziell unterstützt haben.

Parallel dazu wurden in den Labors der USDA in Beltsville, Maryland, bis mindestens letztes Jahr Versuche mit dem Opium-Killer durchgeführt. „Nach Beendigung der Entwicklungsphase in Usbekistan vor wenigen Wochen steht mittlerweile wohl ein einsatzbereites System zur Verfügung, mit dem erstmals im nächsten Frühjahr die Killerpilze großflächig eingesetzt werden könnten“, berichtet van Aken.

An Einsatzfeldern mangelt es wahrlich nicht in Afghanistan. Der Kampf der Nordallianz gegen das Talibanregime war immer auch ein Kampf um Anbauflächen von Schlafmohn und Cannabis: Sowohl in den von den Taliban kontrollierten Gebieten als auch in der jetzt mit Unterstützung der USA größer werdenden Region der Nordallianz wird der Schlafmohn kultiviert, aus dem Rohopium – die Grundlage für Opium, Morphin und Heroin – gewonnen wird. Im November 2000 schätzte die Neue Zürcher Zeitung, dass die Taliban entsprechend ihrer damaligen Geländegewinne rund 96 % aller Schlafmohnfelder in ihren Händen hielten.

Experten des Wiener United Nations Drug Control Program (UNDCP) bezifferten für 1999 die afghanische Rohopium-Produktion auf rund 4600 t. Das wären etwa 77 % der weltweiten Produktion. Das scheint genug, dem Reiz zu erliegen, mit einem Mohnkiller-Pilz dem Drogenhandel die Basis zu entziehen. „Die langfristigen Folgen wären fatal, das weltweite Tabu gegen biologische Waffen wäre gefallen. Obwohl die Entwicklung und der Einsatz der Anti-Drogen-Pilze ein klarer Verstoß gegen die Biowaffen-Konvention wären, hat bislang kein Land offiziell dagegen Protest eingelegt“, warnt van Aken.

Dabei sind die Gefahren evident: Berichte, unter anderem im renommierten Journal of Clinical Microbiology, belegen, dass mit ausgesprühten Pilzsporen zum Beispiel auch beim Menschen eine Fusariose ausgelöst werden kann. Fusarien gehören heutzutage zu den wichtigsten Schadpilzen im Obst- und Gemüseanbau. Zusätzlich können sie giftige Stoffwechselprodukte produzieren, die sogenannten Mykotoxine. Der Kontakt mit konzentrierten toxischen Aerosolen kann ernste Haut- und Atemprobleme zur Folge haben.

Wie bei anderen biologischen Erregern auch sind Mohnkiller, einmal in der Umwelt freigesetzt, äußerst schwer zu kontrollieren. „Jetzt muss die Bundesregierung Flagge zeigen und die allumfassende Gültigkeit der Biowaffen-Konvention betonen“, fordert van Aken. „Mit einem biologischen Wettrüsten, mit einem Aufweichen der Biowaffen-Konvention darf es keine ‚uneingeschränkte Solidarität’ geben.“ Dieses Thema dürfte auf der Ende November in Genf stattfindenden 5. Überprüfungskonferenz der Biowaffen-Konvention zu hitzigen Debatten führen. ULRICH SCHMITZ

 

Drei Viertel der weltweiten Opium-Produktion

Schlafmohn-Kulturen in Afghanistan

Experten des United Nations Drug Control Program (UNDCP) bezifferten für 1999 die Gesamtfläche der Schlafmohn-Kulturen in Afghanistan auf 91 000 ha. Allein innerhalb eines Jahres war eine Zunahme um fast 30 000 ha zu verzeichnen. Die Rohopium-Produktion soll im gleichen Zeitraum um mehr als das Doppelte angestiegen sein. Inzwischen wurden der UNDCP zufolge rund 4600 t gewonnen. Das sind etwa 77 % der weltweiten Produktion. Burma bringt es nur auf 2200 t.

Schätzungen der USA, die sich auf Satellitenbilder stützen, fallen etwas geringer aus: Die Abteilung für internationale Drogenbekämpfung des amerikanischen Außenministeriums beziffert für 1999 die in Afghanistan mit Schlafmohn kultivierte Fläche auf 51 000 ha und den Rohopium-Ertrag auf etwa 1600 t. us/ber

 

Biowaffen-Konvention

Die USA blocken

Die Biowaffen-Konvention, die die Entwicklung, Produktion, Lagerung und Beschaffung von biologischen oder Toxin-Waffen verbietet, wurde bislang von 143 Staaten – darunter auch Deutschland, Großbritannien und die USA – ratifiziert. Mindestens zwei Länder aber haben gegen die Konvention verstoßen und offensive B-Waffen-Programme unterhalten: die frühere Sowjetunion und der Irak. Und auch im Auftrag der USA und Großbritanniens wurde zum Beispiel mit Pilzgiften experimentiert.

Eine sog. Ad-hoc-Gruppe soll die Verhandlungen noch vor der nächsten Vertragsstaatenkonferenz im November in Genf vorantreiben. Die USA haben allerdings das Protokoll als Basis für diese Konferenz komplett abgelehnt. Sie stellen sich vor allem gegen die obligatorischen Zufallsbesuche bei ausgewählten Laboren. Zu den Kräften, die diese Position stützen, gehören dort die Nationalen Laboratorien sowie das Handelsministerium. US/van Aken/ber

Ein Beitrag von:

  • Ulrich Schmitz

Stellenangebote im Bereich Arbeitssicherheit

Evangelische Kirche in Deutschland-Firmenlogo
Evangelische Kirche in Deutschland Fachkraft für Arbeitssicherheit nach § 7 ASiG – mit ingenieurwissenschaftlichem Studium Hannover
Dr. Willmar Schwabe Business Services GmbH & Co. KG-Firmenlogo
Dr. Willmar Schwabe Business Services GmbH & Co. KG Sicherheitsingenieur (m/w/d) Karlsruhe-Durlach
Landeshauptstadt Stuttgart-Firmenlogo
Landeshauptstadt Stuttgart Sachbearbeiter*in Gewerbeaufsicht (m/w/d) Stuttgart
BORSIG Service GmbH-Firmenlogo
BORSIG Service GmbH Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordinator / Fachkraft Arbeitssicherheit (m/w/d) Berlin
DEKRA Automobil GmbH-Firmenlogo
DEKRA Automobil GmbH Fachkraft Arbeitssicherheit & Gesundheit (m/w/d) Stuttgart
DEKRA Automobil GmbH-Firmenlogo
DEKRA Automobil GmbH Sicherheits- & Gesundheitsschutzkoordinator (m/w/d) Stuttgart
Stadt Köln-Firmenlogo
Stadt Köln Sicherheits- und Arbeitsschutzkoordinator*in (m/w/d) in der Stabstelle Sicherheit der Feuerwehr Köln Köln

Alle Arbeitssicherheit Jobs

Top 5 Arbeitssic…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.