Sicherheit

Unterschätztes Gefahrenpotential: Schnee auf dem Dach  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 10. 2. 06 – Wahrscheinlich hat Feuchtigkeit den Einsturz des Hallendaches in Bad Reichenhall verursacht. Der Grund für das bauliche Versagen der Messehalle in Kattowitz ist noch nicht geklärt. Eine regelmäßige Tragwerksüberwachung hätte aber in beiden Fällen die Unglücke verhindert. Dennoch wird es in Deutschland, wie die Bauminister der Länder beschlossen haben, keine Regelung zur Prüfung der Gebäudesicherheit geben.

Schneelast ist ein Begriff, mit dem sich normalerweise nur Statiker, Architekten und Bauingenieure beschäftigen. Der diesjährige harte Winter dokumentiert aber in tragischer Weise, wie ernst dieser Lastfall beim Entwurf, bei der statischen Berechnung, bei der Ausführung und Wartung von Bauten genommen werden muss. 15 Menschenleben kostete Anfang Januar das Versagen des Dachs der Eissporthalle von Bad Reichenhall, 63 Menschen kamen in Kattowitz (Polen) ums Leben, als am 28. Januar dort ebenfalls unter Schneelast ein Messehallendach zusammenstürzte. Bei dem aus einer Holzleimbinderkonstruktion bestehendem Dach der Eissporthalle kommt als Schadensursache Feuchtigkeit in Frage, die das Klebemittel der Holzleimbinder zerstörte. Das Metalldach der fünf Jahre alten Kattowitzer Messehalle hatte bereits 2002 unter Schneelast nachgegeben und wurde daraufhin nur notdürftig repariert.

Unsachgemäße Ausführung, nachträgliche bauliche Veränderungen und fehlende Überwachung sieht man jetzt als Hauptursachen für Gefahren, die bei strengen Wintern durch Schneelast auf Flachdächern drohen. Falsche Annahmen der statischen Berechnung können als Schadensursache zumindest in Deutschland ausgeschlossen werden. Der Lastfall Schnee fußt auf langjähriger Erfahrung, der auch strenge Winter berücksichtigt. In Berlin und Nordrhein-Westfalen müssen z. B. die Konstruktionen imstande sein, eine Last von mindestens 75 kg/m2 zu tragen. In Süddeutschland müssen die Dächer von Neubauten gar eine Belastung von 200 kg/m2 aushalten.

Bei der Messehalle in Kattowitz muss indes vermutet werden, dass die Lastannahmen der statischen Berechnung nicht der Realität des Winterklimas entsprachen, oder es liegt ein gravierender Konstruktionsfehler vor. Als das Dach bereits 2002 unter Schneelast nachgegeben hatte, seien Risse notdürftig geschweißt worden, schreibt die polnische Zeitung „Rzeczpospolita“. Auch musste die Messeleitung nach dem Vorfall die Konstruktion provisorisch mit Stützen stabilisieren. Nach Angaben polnischer Behörden habe jetzt ein am Bau der Halle beteiligter Architekt versucht, sich das Leben zu nehmen.

Der Einsturz der Eishalle von Bad Reichenhall muss möglicherweise einer späteren unsachgemäßen Änderung am Bau angelastet werden. Wahrscheinlich traten die Probleme erst auf, als die Halle umgebaut wurde. Die 1973 erbaute Halle hatte der mittlerweile verstorbene Architekt als offenes Gebäude mit entsprechender Belüftung errichtet, wobei er für das Dach eine Holzleimbinderkonstruktion wählte. Die entsprechend verwendeten, aus mehreren Holzschichten bestehenden Binder, die per Vorfertigung miteinander verleimt werden, erlauben besonders große Spannweiten und somit gestalterisch reizvolle Konstruktionslösungen. Diese Ingenieurholzbauweise hat sich auf der ganzen Welt bewährt.

Wenige Jahre nach Eröffnung der Halle erhielt das Bauwerk allerdings Seitenwände aus Glas, so dass sich in dem geschlossenen System von da an Feuchtigkeit staute und langsam aber sicher den verhängnisvollen Bauschaden verursachte. Unbeachtet war geblieben, dass der Klebstoff Harnstoffformaldehyd, den man für die Verbindung der Holzleimbalken genutzt hatte, Feuchtigkeit nicht verträgt, für diesen neuen Einsatzfall also nicht geeignet war. Hauptursache für die Entwicklung von Feuchtigkeit in der nunmehr geschlossenen Halle: die unterschiedlichen Außen- und Innentemperaturen.

Baustofftechnologe Bernd Hillemeier, Professor an der TU Berlin: „Der Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall ist wahrscheinlich auf die falsche Leimsorte zurückzuführen.“ Der auf Harnstoffbasis erstellte Klebstoff neige dazu, Wasser aufzunehmen und so seine Wirkung als Leim einzubüßen. Nach Montage der Seitenwände aus Glas, habe sich unter der Dachkonstruktion Kondenswasser gebildet, so dass der verwendete Klebstoff Feuchtigkeit ausgesetzt wurde.

Aufgrund der nachträglich mit Glaswänden verschlossenen Halle hätten die Holzleimbinder Resorcinharzleim benötigt, erläutert Simon Aicher, Leiter der Abteilung Holzbau bei der Materialprüfanstalt an der Uni Stuttgart. Harnstoffformaldehyd sei ein sprödbrüchiger Klebstoff, was zum Problem werde, wenn durch wechselnde Verhältnisse Luftfeuchtigkeit der Leimfuge zusetze. Mikrorissbildungen seien die Folge.

Schneelast löste dann letztendlich in Bad Reichenhall die Katastrophe aus. Doch die Ursache liegt weiter zurück. Bei einer regelmäßigen, wie im Brückenbau üblichen Überprüfung wären die durch Feuchtigkeit entstandenen Schäden rechtzeitig aufgefallen, meinen Prüfingenieure. In Deutschland fordern sie schon seit langem, alle Tragwerke regelmäßig zu überwachen. Dennoch wird es in Deutschland keine einheitliche Regelung zur Prüfung der Gebäudesicherheit geben. Auf der Konferenz der Bauminister von Bund und Ländern am 6. Februar in Berlin einigte man sich nur darauf, Sicherheitsfragen öffentlicher Gebäude von einer Projektgruppe prüfen zu lassen.

Dabei brennt in diesem Winter das Problem auf den Nägeln. Neben den Hallen in Bad Reichenhall und Kattowitz stürzte im Januar in Bayern wegen Schneelast ein Reitstall ein, während etliche andere mit Flachdach gedeckte Bauten – so die Eissporthalle in Deggendorf – vorsorglich geräumt werden mussten. Vielfach wird deshalb jetzt auch die Frage gestellt: Macht es Sinn, in unseren Breiten so viele Flachdächer zu bauen, wie in letzter Zeit üblich? Dieser Konstruktionstyp, den man bis zur Industrialisierung in Europa nur in trockenen, schneearmen Regionen rund um das Mittelmeer kannte, wurde ab der Nachkriegszeit nicht zuletzt in Deutschland zum prägenden architektonischen Stilelement.

Das hat seinen Grund: Klimaforscher prognostizieren schon seit Jahrzehnten, unsere Winter würden zwar feuchter, aber immer wärmer. So orientierten sich nicht zuletzt auch hiesige Architekten gestalterisch mehr und mehr in Richtung südländischer Baupraxis. Der jetzige Winter gibt jedoch Anlass, am Sinn dieses Trends zu zweifeln. Das Max-Planck-Institut räumte unlängst ein, je mehr Ergebnisse die Klimaforschung zu Tage bringe, um so unsicherer würde man bei der Klimaprognose. Sollten z. B. die russischen Solar-Wissenschaftler Galina Mashnich und Vladimir Bashkirtsev Recht behalten, müsste man sich langsam auf weitere harte Winter einrichten. Die Forscher am Institut für Solar-Terrestische Physik in Irkutsk meinen, die Schwankungen der globalen Durchschnittstemperatur hänge stärker mit Änderungen der Sonnenaktivität zusammen als mit dem Ausstoß von Treibhausgasen. Da laut allgemeiner Solarforschung die Sonne gegenüber der letzten Zeit tatsächlich jetzt in eine weniger aktive Phase tritt, würden – so die russischen Wissenschaftler – die globalen Durchschnittstemperaturen wieder fallen. Von dieser Erkenntnis ist das Forscher-Duo derart überzeugt, dass die beiden hinsichtlich ihrer Prognose mit einem britischen Klimaforscher eine Wette um 10 000 $ eingegangen sind. Der Stichtag liegt im Jahr 2018.

 

Von Elmar Wallerang

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