Sicherheit

Tsunami-Warnungen waren bisher oft falscher Alarm

VDI nachrichten, Düsseldorf, 7. 1. 05 -Über 150 000 Menschenleben soll die Flutwelle im Indischen Ozean mittlerweile gekostet haben. Jetzt machen sich die Anrainerstaaten auf, ein eigenes Tsunami-Frühwarnsystem aufzubauen. Die Technologie ist da, bisher fehlte der politische Wille – und das Geld.

Was wäre, wenn? Immer wieder wird diese Frage in den letzten Tagen gestellt, nachdem die Opferzahlen des Tsunami im Indischen Ozean täglich weiter steigen. Was wäre, wenn es für die Region ein Tsunami-Warnsystem gegeben hätte wie es eines für den Pazifik gibt?
„Viele Tausende von Leben hätten gerettet werden können“, das ist zumindest die Ansicht des UN-Beauftragten Walter Kalin. Sogar von 90 % bis 95 % ist die Rede.
„Hier mit Zahlen zu operieren, ist reine Spekulation und nicht seriös“, hält etwa Karl-Otto Zentel, Geschäftsführer des Deutschen Komitees für Katastrophenvorsorge dagegen. Viel hänge davon ab, ob es klare Befehlsstrukturen und Informationsketten gebe und ob diese auch bis zu den Behörden vor Ort reichten. „Es genügt nicht, ein Ministerium zu informieren, entscheidend ist, dass die Verantwortlichen vor Ort informiert werden und klare Handlungsanweisungen haben“, so Zentel.

Ähnlich argumentiert Rainer Kind, Seismologe am Geoforschungszentrum in Potsdam. „Die technischen Voraussetzungen allein genügen nicht. Die Strukturen müssen da sein, um die gewonnenen Informationen auch in Handlungsoptionen umzusetzen.“
Bei den Anrainerstaaten des Indischen Ozeans existierte nichts von dem. So ist mittlerweile bekannt, dass vom amerikanischen Pacific Tsunami Warning Center (PTWC) auf Hawaii gut 16 Minuten nach dem Beben eine Warnmeldung herausgeschickt wurde, die nach Recherchen der Los Angeles Times sowohl in Thailand wie in Sri Lanka zur Kenntnis genommen, aber nicht weitergeleitet wurde. Andererseits wussten die US-Spezialisten nicht, wen sie in den betreffenden Ländern direkt ansprechen sollten.
Der US-Kongress will jetzt untersuchen lassen, ob die verantwortliche US-Behörde, die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die betroffenen Länder nicht hätte besser warnen können.
Andererseits sind aber sowohl Indonesien wie Thailand Mitglied in der „International Coordination Group for the Tsunami Warning System“ (Itsu) und auf der Itsu-Web-Site sind auch Ansprechpartner für beide Länder angegeben. Indien und Sri Lanka sind keine Mitglieder.
Ein eingespieltes Tsunami-Warnsystem gibt es bisher nur im Pazifik. Nach Tsunamis in Alaska (1946 und 1964) und Chile (1960) wurde zuerst das PTWC auf Hawaii eingerichtet, 1965 das Alaska Tsunami Warning Center.
Japan hat ebenso wie Australien seit den 80er Jahren ein eigenes Warnsystem – alles Staaten, die im erdbebengefährdeten pazifischen Raum – auch „Ring of Fire“ genannt – liegen.
Erreicht ein Beben die Stärke von 6,5 auf der Richter-Skala, werden die US-Warnzentren aktiv – ab dann besteht die Gefahr eines gefährlichen Tsunami.
Das Beben in Sumatra hatte die Stärke 9. Und pro Schritt, also etwa von Stärke 7 zu Stärke 8, nimmt die Energie des Bebens um 30 % zu, so Seismologe Kind.
Trotz der Riesenwelle im Indischen Ozean gilt jedoch eins festzuhalten: Im Gegensatz zu anderen Umweltkatastrophen lässt sich eine eindeutige Zunahme von Tsunamis in den Meeren dieser Welt nicht feststellen (siehe Grafik oben).
Gut 90 % aller Tsunamis traten bisher im Pazifik auf. Dies war mit ein Grund dafür, dass es bisher kaum Initiativen gegeben hat, in anderen Weltmeeren Warnsysteme einzurichten.
Doch es gibt noch einen weiteren Grund: „Die Warnsysteme müssen zuverlässig sein“, so Rainer Kind. Das sind sie bisher nur in Grenzen. Nach einer den Tsunamis gewidmeten Web-Site der US-Weltraumbehörde Nasa waren fast 75 % aller Tsunami-Warnungen seit 1948 falsche Alarme. Und ein falscher Alarm kann teuer werden: So wurde 1948 Honolulu nach einem Fehlalarm evakuiert. Kosten: 30 Mio. Dollar. Der Tsunami kam zwar, war aber nur 10 cm hoch.
Dennoch hat es immer wieder Anläufe gegeben, auch im Indischen Ozean ein Tsunami-Warnsystem aufzubauen: Noch Mitte letzten Jahres empfahl die bei den Vereinten Nationen angesiedelte „Working Group on the Tsunami Warning System in the Southwest Pacific and Indian Ocean“, zügig ein solches Warnsystem aufzubauen. Denn auch vom Indischen Ozean gehe eine „deutliche Bedrohung“ durch „lokale und überregionale Tsunamis“ aus. Das scheiterte bisher am politischen Willen und an den Kosten.
Jetzt, nach der Todeswelle von Sumatra, scheint sich die Entscheidung zu beschleunigen. Indien hat bereits angekündigt, ein solches System aufbauen zu wollen, ebenso wie Indonesien, das dazu noch die restlichen Anrainerstaaten des Indischen Ozeans ins Boot holen will. Japan und Australien haben bereits ihre Unterstützung angekündigt. Denn angesichts der verheerenden Folgen, die eine Riesenwelle haben kann, sind die Warnsysteme mit Kosten von um die 150 Mio. Dollar relativ preiswert.
Die derzeit modernsten Elemente des US-Warnsystems sind sechs „Tsunameter“ genannte Bojen, die auch als Dart (Deep-Ocean Assessment and Reporting)-Boje bekannt sind. Sie liegen im Golf von Alaska und vor der amerikanischen Westküste. Vier weitere sind geplant.
Diese Bojen sind am Meeresboden befestigt. Ein Sensor misst sowohl am Meeresboden seismische Bewegungen wie auch an der Wasseroberfläche die Wellenbewegung – und das auf bis zu 1 cm genau.
Diese Daten gehen über einen von der National Oceanic and Atmospheric Administration betriebenen geostationären Satelliten zu den Bodenstationen in Hawaii und Alaska und werden dort mit andern seismographischen Daten abgeglichen. So soll innerhalb von 15 Minuten klar sein , ob ein Tsunami droht.
Japan, das gut 15 Mio. € pro Jahr in sein Warnsystem steckt, will es noch schneller wissen: Das Land plant, in den nächsten Jahren sein Warnsystem so weit aufzurüsten, dass in Zukunft innerhalb von drei bis vier Minuten nach einem Beben Verlauf und Größe des Tsunamis vorhergesagt werden können – allerdings nur für den Pazifik und nicht für den Indischen Ozean. In besonders gefährdeten Regionen Japans, so auf der Insel Hokkaido, schützen schon jetzt kilometerlange Mauern das Land.
Eine neue Chance, so Seismologe Kind, bieten Navigationssatelliten- Systeme wie das amerikanische GPS- oder das im Aufbau befindliche europäische Galileo-System. „Damit ließen sich Meeresbewegungen aus dem All verfolgen.“ Rechenmodelle würde helfen, Tsunamis von normalen Wellen zu unterscheiden. Auch Radarsatelliten, die schon heute dreidimensionale Bilder der Erde liefern, könnten beim Entdecken von Tsunamis helfen.
Ein preiswerter erster Schritt allerdings wäre eine bessere Aufklärung der Menschen in gefährdeten Regionen. An vielen Orten hatte sich das Wasser vor der ersten Welle dramatisch zurückgezogen und es dauerte dann gut 20 Minuten bis die Welle ans Ufer schlug – Zeit genug, zu einer rettenden Anhöhe oder einem festen Gebäude zu laufen, so der amerikanische Ingenieurwissenschaftler Costas Synolakis, der das von den USA verwendete Tsunami-Warnsystem mit aufgebaut hat.
Auch für Meere wie das Mittelmeer oder die Nordsee fehlen vergleichbare Warnsysteme. Doch Tsunamis sind auch hier „völlig realistisch“, so Kind. Das Erdbeben in Lissabon im November 1755 soll auch die Stärke 9 gehabt haben, und der folgende Tsunami tötete Tausende.W. MOCK

 

Von Mock

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