Arzneimittel

Tierversuche sind nie ganz authentisch  

VDI nachrichten, Würzburg, 31. 3. 06 – Viele im Tiermodell erfolgreich eingesetzte Medikamente scheitern bei der Erprobung am Menschen. Denn obwohl bei Maus und Mensch 95 % der Gene übereinstimmen, scheinen genetisch maßgeschneiderte Modelle wenig geeignet. Experten kritisieren deshalb einseitige Prüfverfahren.

Die Entwicklung eines Medikaments ist ein doppelt riskantes Unterfangen, wie jetzt der dramatische Ausgang eines Tests in London gezeigt hat. Dabei wurde ein von dem Würzburger Biotechnologieunternehmen Tegenero entwickeltes, immunstimulierendes Mittel erstmals am Menschen eingesetzt. Mit katastrophalem Ausgang: Bei allen sechs freiwilligen Testpersonen, die das neue Medikament zur Behandlung von Blutkrebs, Arthritis und Multipler Sklerose im Rahmen einer klinischen Studie erhielten, stellten sich sofort heftige körperliche Abwehrreaktionen ein. Vier der Probanden fielen ins Koma. Bei zweien kämpfen die Ärzte um das Leben.

Zuvor war der Wirkstoff, bei dem es sich um einen mit Gentechnik maßgeschneiderten, menschlichen Antikörper handelt, an Kaninchen und Affen getestet worden – „ohne dass es Hinweise auf ein solches Risiko gegeben hätte“, wie das Unternehmen betont. Entschieden tritt es Vorwürfen entgegen, das Mittel vorschnell am Menschen eingesetzt zu haben: „Es wurden alle üblichen Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und alle nötigen behördlichen Genehmigungen eingeholt.“

Die Entwicklung eines neuen Medikaments ist kostspielig. Bis zur Marktreife muss die Pharmaindustrie mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe kalkulieren – und einen langen Atem haben. Von ersten Tests im Reagenzglas über Tierversuche und klinische Studien braucht es bis zur Zulassung durchschnittlich zwölf Jahre.

Das Risiko eines Totalverlustes ist hoch: Nur einer von zehntausend eingesetzten Wirkstoffkandidaten schafft es bis zum Medikament. Immer öfter stellen Forscher fest: Was im Tiermodell funktioniert, muss noch lange nicht beim Menschen Erfolg zeigen. Zwar sind die Auswirkungen nur selten so dramatisch wie im aktuellen Fall. Doch an keiner Stelle der Entwicklungskette ist das Risiko eines Rückschlages so hoch. Im Durchschnitt wird nur einer von 50 präklinischen Ansätzen erfolgreich weiterverfolgt. Dabei war doch gerade die Biotechnologie angetreten, dies zu ändern.

In einer kürzlich veröffentlichten Untersuchung stellt Susan Greenfield, leitende Pharmakologin an der Oxford University, einen Ansatz infrage, auf den sich bislang viele Entwicklungen stützen: Tests am Tiermodell. „Auch wenn Maus und Mensch sich 95 % der Gene teilen, scheinen genetisch maßgeschneiderte Modelle gerade bei Erkrankungen mit komplexen Ursachen wenig geeignet. Wir benötigen dringend mehr Informationen jenseits der molekularen Ebenen“, fordert die Forscherin. Mit dieser Forderung steht sie nicht alleine da.

Eine Untersuchung, die das Berufsgenossenschaftliche Forschungsinstitut für Arbeitsmedizin der Ruhr-Universität Bochum am Beispiel von Krebs durchgeführt hat, sieht das ähnlich: „Bei Krebs handelt es sich um eine multikausale, komplexe Erkrankung, deren Entstehungsmechanismen seit Jahrzehnten intensiv erforscht werden. Trotz vieler Erkenntnisse sind jedoch die Wirkungsmechanismen nicht vollständig verstanden.“ Dazu zählen die Bochumer Forscher neben der Lebenserwartung auch den Lebensstil. Sie schätzen, dass allein 70 % aller Krebserkrankungen durch Faktoren wie Ernährung, Alkoholkonsum oder Stress verursacht werden.

Die sich gegenseitig beeinflussenden Größen lassen sich in ihrer Gesamtwirkung im Tiermodell kaum authentisch nachbilden, meint auch der Neurologe Richard Morris von der Universität in Edinburgh: „Die Resultate können in die Irre führen. Manche Firmen konzentrieren sich in ihren Tiermodellen zu einseitig auf die Messung bestimmter Funktionen.“ Haben die Forscher die Herausforderungen der molekularen Medizin unterschätzt?

Um die komplexen Wechselwirkungen erforschen zu können, wird es erforderlich sein, große Mengen von genetischen und Daten zum Lebensstil zu sammeln. „Zu diesem Zweck müssen Biobanken aufgebaut werden, die Tausende von Blut- und Gewebeproben der Patienten enthalten“, stellte der Schweizerische Wissenschafts- und Technologierat bereits vor zwei Jahren in seiner Studie „Maßgeschneiderte Medizin“ fest.

Tatsächlich werden solche Biobanken bereits in mehreren Ländern, darunter Estland, Großbritannien und Island, aufgebaut. Der wissenschaftliche Vorteil, ursächliche Bezüge auf verschiedenen Ebenen herzustellen und diese einer Gesamtbewertung zuzuführen, ist aus Sicht vieler Datenschützer zugleich ein Nachteil. Ihr Argument: Auch wenn Patientendaten anonymisiert werden, lässt sich ein Missbrauch kaum sicher ausschließen. Noch diskutieren Experten und Politik, wie sich die neuen Herausforderungen des medizinischen Fortschritts am besten bewältigen lassen. S.v.d. WEIDEN

Auch der Lebensstil entscheidet über die Entstehung von Erkrankungen

 

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