Sicherheit

Theater um Behördenfunk

Vertreter zweier Funktechniken wollen die deutschen Sicherheitsbehörden versorgen.

Die Zeit drängt: Bis zur Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in 2006 sollen die deutschen Behörden für Ordnung und Sicherheit wie z.?B. Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste über ein digitales Funknetz verfügen, lautet eine Entscheidung der Innenminister. Welche Technik jedoch installiert werden soll und vor allem wer dann das neue Netz betreibt, ist noch offen. Auch von der Innenministerkonferenz im Juni kann nach Meinung von Kennern der Verhältnisse noch keine endgültige Klarheit erwartet werden.
Anbieter zweier konkurrierender Techniken – Tetra und Tetrapol – haben ihr Interesse bekundet, das deutsche Funknetz aufzubauen. Tetra ist der von der europäischen Normungsbehörde ETSI verabschiedete Standard für den professionellen Mobilfunk. Wie GSM oder UMTS für den privaten Mobilfunk ist Tetra ein so genannter offener Standard. Das bedeutet, die technischen Spezifikationen stehen den Herstellern kostenlos zur Verfügung. Dahinter steht die Idee, Wettbewerb zu schaffen, der den Kunden sinkende Preise für Geräte und Dienste bescheren soll.
Tetrapol wurde bereits einige Jahre vor Tetra entwickelt und ist – so der Hersteller – inzwischen von der ITU (International Telecommunications Union) und der Police Cooperation Group (die vormalige Schengen Gruppe) genehmigt.
Ursprünglich vom französischen Matra-Konzern entwickelt wird Tetrapol inzwischen von der EADS vermarktet. Mit der Integration in den europäischen Luftfahrt-Konzern erhoffen sich die Vertreter von Tetrapol auch ein größeres politisches Gewicht bei der Entscheidung der deutschen Innenminister.
„Wenn die Entscheidung zugunsten von Tetra gefällt wird, werden die Vertreter der Tetrapol-Technologie mit einiger Sicherheit über ein gerichtliches Verfahren diese Entscheidung anfechten“, sind sich die Vertreter der Tetra-Fraktion sicher. Dabei beruft sie sich auf Erfahrungen bei der Vergabe anderer öffentlicher Aufträge. EADS bestätigt diese Vermutung mit dem Hinweis auf die Interessen der Länder Bayern, Hessen, Thüringen und Baden-Württemberg. Dort sieht EADS ein „ein deutliches Interesse an der Tetrapol-Technologie“. Außerdem stehe EADS in Verhandlungen mit der Bundeswehr, die sich ebenfalls für Tetrapol entschieden habe.
Zurzeit sind 60 Netzwerke in 28 Ländern im Aufbau oder bereits in Betrieb, die allesamt die Tetrapol-Technik verwenden. Viele dieser Netzwerke erstrecken sich über ganze Nationen wie z.?B. Rubis und Acropol für die Polizei in Frankreich, Sirdee in Spanien oder Pegas in der Tschechischen Republik.
Dagegen stehen Tetra-Installationen in den Nachbarländern wie Holland, Belgien sowie der nach Meinung der Verantwortlichen positive Verlauf eines Testnetzes in Aachen. Vor allem gilt es jetzt für die Anbieter von Tetra-Systemen wie Nokia, Motorola und Rohde & Schwarz ihr Versprechen einzuhalten: Sie wollen Interoperabilität zwischen ihren Netzen und Anwendungen zu schaffen, damit die Anwender den viel gepriesenen Vorteil einer Multivendor-Umgebung in der Realität auch wirklich nutzen können.
„Bisher stehen zwar Basisfunktionalitäten wie die Übertragung von Sprache mit Geräten unterschiedlicher Hersteller zur Verfügung, Datendienste, Authentifizierungen oder auch die Verschlüsselung sind bisher jedoch noch nicht einheitlich geregelt“, erklärt Raoul Carlier, der als Generaldirektor in Belgien für das dortige Funknetz der Sicherheitsbehörden zuständig ist.
Mit der endgültigen Definition des Intersystem Interface (ISIS) sollen auch diese Probleme beseitigt werden. Dann können in dem Dreiländerprojekt die Behörden zwischen Holland, Belgien und auch im Testgebiet Aachen ab Sommer 2003 miteinander funken.
Die bevorstehende Entscheidung der deutschen Innenminister sieht Carlier als wichtigen Meilenstein in der europaweiten Zusammenarbeit der Polizeien der Länder: „Die Entscheidung Deutschlands für oder gegen Tetra wird richtungweisend für andere Länder sein“, erläutert der Tetra-Befürworter.
Der Aufbau des deutschen Netzes ist dann nach Meinung von Uwe Jacobs, Tetra-Experte bei Nokia, noch bis 2006 zu leisten. So könnten die bisher für das analoge C-Netz der T-Mobil genutzten Sendeeinrichtungen für den landesweiten Aufbau des digitalen Funknetzes für die Sicherheitsbehörden genutzt werden.
In Belgien soll das dortige A.S.T.R.I.D-Netz (All-round Semi-Cellular Trunking Radio communication network with Integrated Dispatchings) bereits Ende 2003 landesweit verfügbar sein. Das Investitionsvolumen der gesamten Tetra-Infrastruktur für 40 000 Nutzer, die von Nokia und Intergraph geliefert wurde, wird mit 150 Mio. € angegeben.
In Deutschland erwarten Vertreter beider Techniken nächste Woche Dienstag gespannt auf einen ersten Kommentar von Bundesinnenminister Schily. D. WENDELN-MÜNCHOW

Digitaler Bündelfunk
Tetra steht für Terrestical Trunked Radio. Hinter den fünf Buchstaben verbirgt sich ein vom ETSI festgelegter europäischer Standard für Bündelfunk mit einer Datenübertragungsrate für Daten und Sprache von 28 800 bit/s. Bündelfunk, der Nachfolger vom Betriebsfunk, sendet im Bereich zwischen 410 MHz und 430 MHz. Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) senden in einem Band zwischen 380 MHz und 400 MHz. Mehrere Funkkanäle werden dabei in einer Übertragungsstrecke zusammengefasst (Frequenz-Multiplexing) und die Übertragung kann sowohl paket- als auch leitungsvermittelt erfolgen. Im Gegensatz zum herkömmlichen Betriebsfunk werden die verfügbaren Funkkanäle von verschiedenen Kunden benutzt, ohne dass eine Mithörmöglichkeit durch Dritte besteht.
Tetrapol, die von den Franzosen unter Führung von AEG Matra und jetzt EADS entwickelte Bündelfunkvariante, hat trotz der Namensähnlichkeit mit Tetra technisch wenig zu tun. Kanalzugriffszeiten, Modulation, Systemsteuerung und anderes unerscheiden sich. Die beiden Systeme sind über die Luftschnittstelle inkompatibel. rb

Von D. Wendeln-Münchow

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