Sicherheit

Technische Hilfe schafft Vertrauen

VDI nachrichten, Kunduz, 26. 11. 04 -In den Bergen um Kunduz schlägt die Stunde der Ingenieure. Im Nordosten Afghanistans erproben Bundeswehr und deutsche Entwicklungshilfe ein neues militärisch-ziviles Konzept. Die Soldaten erkunden, wo Brunnen gebohrt, wo Brücken gebaut werden müssen. Kleine, schnell sichtbare Erfolge beim Wiederaufbau sollen Vertrauen bei der Bevölkerung schaffen.

Noch im Frühjahr 2004 führte im hoch gelegenen Distrikt Rustaq im Nordosten Afghanistans ein früherer Taliban-Kommandeur das Regime. Den nötigen Rückhalt gaben ihm die Bewohner der Gegend. Um ihnen die Augen zu öffnen, mussten also neue Fakten geschaffen werden, wie sie andernorts bereits ein Umdenken bewirkten: neue Schulen, Straßen, Brücken.
Zunächst aber waren Entwicklungshelfer gut beraten, das Gebiet zu meiden. Und so machte sich ein ungewöhnlicher Bundeswehrtrupp auf den Weg in die Berge. Die Männer hatten sich für die heikle Mission dichte Vollbärte stehen lassen und sich mit Sitten und Traditionen der muslimischen Tadschiken vertraut gemacht. Ob ihr martialisches militärisches Äußeres ein Übriges tat, sei mal vermutet. Jedenfalls brach bald das Eis, zivile Helfer konnten nachrücken.
Danach verstummte auch manche Kritik nichtstaatlicher Hilfsorganisationen (kurz: NGO“s), von denen um die 70 in den vier Nordostprovinzen Afghanistans wirken. Denn mit viel Skepsis hatten sie den Einzug der Bundeswehr in Kunduz verfolgt. Hier testet die Armee seit einem Jahr ein neues Einsatzkonzept. Es nennt sich PRT (Provincial Reconstruction Team) und ist so ganz neu nicht. Doch während die US-Army solche regionalen Wiederaufbauteams in ihre Kampfverbände eingliedert, verfolgen die Deutschen einen anderen Ansatz. Man jagt keine Taliban, ist auch nur leicht bewaffnet, versteht sich eher als das „Auge der Entwicklungshilfe“, wie es Oberstleutnant Meyer nennt.
Der grauhaarige Offizier aus Gera koordiniert mehrere kleine Spezialistentrupps, so genannte LMT (Liaison and Monitoring Teams). Sie touren durch die Provinzen, halten Kontakt zu Behörden und örtlicher Polizei. Sie treffen sich mit Stammesführern oder islamischen Geistlichen um herauszufinden, wo Hilfe Not tut, bevor sich neue Krisenherde auftun: Ist der einzige Brunnen im Dorf vergiftet? Hatten Krieger die einzige Brücke im Tal gesprengt? Braucht eine Schule ein neues Dach? Neben Fernmeldern und einem Notarzt gehören darum zu den Erkundungsteams möglichst auch Ingenieure, zumindest technisch versierte Leute, erzählt Meyer.
Architekt Sabur Afsali aus dem bayrischen Ebersberg war bereits mehrmals derart im Afghanistan-Einsatz. Sein Name verrät seine Wurzeln er stammt aus Kabul. Beim Studium in der Bundesrepublik hatte er sich in eine Deutsche verliebt, heute führt er ein eigenes Bauingenieurbüro. Sein technisches wie landeskundliches Wissen brachte ihm das ungewöhnliche Angebot ein: Ob er nicht (Reserve)Offizier der Bundeswehr werden wolle, fragte man ihn eines Tages.
So ist er heute deutscher Major und zugleich ein wichtiger Wanderer zwischen den Welten. Denn wenn er mit einem LMT-Trupp unterwegs ist und die Gespräche mit lokalen Autoritäten dolmetscht, übersetzt er nicht nur die Worte, sondern auch deren Inhalt so, dass sie das oft völlig andere Denken und Fühlen der stolzen Afghanen erreichen.
Kehren die Trupps zurück, erstellen sie zivile Lagebilder (village profiles), Dank denen sich „schnelle Effekte erzielen lassen, die sich dann herumsprechen sollen“, hofft Meyer. Denn all diese Arbeit dient auch dem Eigeninteresse der 260 Soldaten, die in Kunduz hinter drei Meter hohen Lehmmauern auf engstem Raum leben.
„Es schafft Vertrauen bei den Leuten, mindert mögliche Vorbehalte und Aggressionen“, meint Oberstleutnant Thomas Scheibe, der in Kunduz für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Dass man drei Jahre nach dem Sieg über die Taliban noch nicht im himmlischen Frieden lebt, erfuhr man erst Ende September: Eine Rakete schlug ins Kunduzer Camp ein und verletzte mehrere Soldaten, einen lebensgefährlich.
Und so spürt man auf Schritt und Tritt das Bemühen der Deutschen, sich den Afghanen als Gutmenschen zu präsentieren. Ist die Straße zu staubig, drosseln sie das Tempo sie lachen stets freundlich zurück, wenn ihnen Kinder winken. Und während des Ramadans essen, trinken und rauchen auch sie nicht öffentlich. Stets von den Amerikanern abheben, scheint die Devise. „Wo die eine Tür eintreten, klopfen wir höflich an“, sagt ein junger Oberleutnant.
Die Bundeswehr habe es schwer, weiß Eberhard Halbach, der in Kunduz für die bundeseigene Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) arbeitet. Sie sei die vierte oder fünfte fremde Armee, die hier einzog. Und alle hätten den Leuten gesagt: „Aber auf uns könnt ihr nun zählen, wir sind die Guten…“ So versteht der erfahrene Entwicklungshelfer, dass die Armee schnelle Vorzeigeeffekte anstrebt. Dennoch meint er nachdenklich: „Mit gepanzerten Fahrzeugen und Langwaffen in ein Dorf einrücken – nein, so ticken wir nicht!“ Professionelle Entwicklungszusammenarbeit sei ein „hoch sensibles Feld“, sie lebe von behutsamem Partnerverständnis und zivilen Strukturen. Trotzdem habe die Kooperation mit dem Militär „schon ihre Berechtigung“, betont Halbach.
Der deutsch-afghanische Major Afsali wünscht sich indes „noch deutlich mehr ingenieurtechnisches Potenzial“ in den PRT-Camps. „Es fehlt zu oft an echten Spezialisten, querbeet durch alle Bereiche, vom Elektrotechniker über den Brückenbauer bis zum Agrarexperten“, beobachtet er. Immerhin gebe es genug Fachleute unter den Reservisten.
Halbach verweist derweil auf hohe logistische Kompetenzen der Armee, „weswegen wir uns gern mit ihr abstimmen“. So, als kürzlich für eine Fußgängerbrücke dringend Stahlseile benötigt wurden. Die Bundeswehr besorgte sie nicht nur, sondern flog sie auch im Hubschrauber hin. Aber eben dies empfinden nichtstaatliche Gruppen oft schon als eine Art unlauteren Wettbewerb. Überhaupt betrachten viele die Aufklärer in Uniform eher als Konkurrenz. Tenor: Alles was diese bewerkstelligen, fehle letztlich in der eigenen Bilanz und damit im Kampf um die stets zu knappen Spendentöpfe.
So jedenfalls drängt es sich einem auf, mischt man sich abends unter die Gäste im Kunduzer Lokal „Lapislazuli“, wo die Community der deutschen Entwicklungshelfer verkehrt. Für Ärger, wohl auch verletzten Stolz sorgt nicht zuletzt, dass sich die Armee eben als das Auge der zivilen Helfer feiert. „Und dann kommen sie uns mit großen Projektlisten, die wir möglichst schnell abarbeiten sollen“, schimpft ein Agrarexperte mit hochrotem Kopf. Damit wecke man doch nur riesige Erwartungen, die nie zu erfüllen seien.
In der Tat habe die Bundeswehr kein eigenes Geld, um die erkundeten „Dorfprofile“ mit Leben zu erfüllen, bedauert Scheibe. Einzig auf private Spendengelder der durch Soldaten gegründeten Hilfsaktion „Lachen lernen“ könne man selbst zurückgreifen. Dennoch ist er höchst zufrieden mit der bisherigen Kooperation. Dutzende Schulen, viele neue Brücken und Wege und Hunderte Brunnen entstanden an Standorten, deren Vordringlichkeit die bärtigen Armeeteams ausspähten.
Oft hat eine kleine Baumaßnahme große Wirkung, etwa im Dörfchen Zar Kharid, an dessen Rand ein Bewässerungsbach fließt. Viele Stichkanäle führen von hier in die Felder, auf denen Getreide, Reis, Baumwolle und Gemüse wachsen. Zum Markt in der Stadt führte ein kleiner Übergang über den Bach. „Doch der wurde irgendwann eingedrückt“, erzählt Hauptmann Thomas M., Chef eines LMT-Trupps. „Für die Dorfbewohner bedeutete dies nun 12 km Umweg“, erfuhr der 32-jährige Schwabe. Keine 400 $ waren nötig, um den Bach zu verrohren und einen neuen Übergang zu verlegen. Sicher musste man sich dabei vom verfestigten DIN-Normen-Verständnis lösen, lacht der Elektrotechniker. Doch danach hätten die 50 Großfamilien im Dorf sie geradezu gefeiert.
Auf der Rückfahrt nach Kunduz stoppt er an einer neuen Schule. Ein alter Mann mit Rauschebart betätigt daneben den Schwengel einer Grundwasserpumpe. Auch sie wirkt baufrisch. „So sieht ein idealer Brunnen aus“, erläutert der Hauptmann: „Oben geschlossen, dass wenig Sand, Dreck oder Keime hineingelangen, mit leicht gängiger Handpumpe und auf einer Betonsohle stehend.“ Kaum mehr als 500 $ habe es gekostet, dass ein ganzes Dorf und Hunderte Schulkinder wieder sauberes Wasser trinken können. Ausgeführt hätten die Arbeiten lokale Firmen.
Ohnehin scheint die Anwesenheit der Armee die Region wirtschaftlich zu beflügeln. In ihrem Gefolge kamen immer neue Helfergruppen. In und um Kunduz belebt sich das Geschäftsklima. „Wichtigstes Indiz: die Grundstückpreise schnellen nach oben“, beobachtet Boris Wojahn, ein 27-jähriger Koch aus Braunschweig, der in der Stadt das „Lapislazuli“ führt. Auch er bildet hier nun Lehrlinge aus.
Oberst Reinhard Barz, der die beiden PRT in Kunduz und Faisabad befehligt, hört denn auch gern, wenn ihm Afghanen versichern: „Allein Euer Dasein ändert die Landschaft.“H. LACHMANN

Von Lachmann

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