Gesundheit 29.12.2000, 17:27 Uhr

Subtiles Hormontief auch bei Männern

Depressionen, Hitzewallungen, schwindende Libido – darunter haben nicht nur Frauen in den Wechseljahren zu leiden, denn auch Männer sind nicht vor Hormonschwankungen gefeit.

Mit 40 geht es abwärts. Ähnlich wie die Frauen produzieren auch Männer ab dem 40. Lebensjahr immer weniger Hormone. „Jedes Jahr etwa ein Prozent“, schätzt Metin Aksünger vom Hormon-Info-Service in Frankfurt am Main den Rückgang des Geschlechtshormons Testosteron. Und der geht zum Teil mit heftigen Folgen einher: Potenzprobleme, Depressionen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie Hitzewallungen sind die häufigsten Beschwerden, über die Männer beim Urologen klagen. Im Schnitt suchen etwa 25 Männer pro Woche deswegen telefonischen Rat beim Info-Service, der vom Unternehmen Jena Pharm unterstützt wird: „Die meisten sind zwischen 50 und 70 Jahre alt.“
„Ein Hormontief kann zu Gereiztheit und Antriebsschwäche führen“, weiß Thomas Ebert, Leiter der Urologie an der Euromed-Clinic Fürth. Wie bei Frauen gehe die hormonelle Umstellung mit mangelnder Bewegung und Gewichtsproblemen einher, so der Mediziner, der Mitglied in der International Society for the Study of the Agin Male (ISSAM) ist. Die Gesellschaft fördert die Forschung über das Altern und seine Folgen bei Männern.
Die Beschwerden reiferer Männer sind vielfältig: Die meisten fühlen sich ab dem 45. Lebensjahr unwohler als je zuvor, fand das Emnid-Institut in einer Befragung von rund 500 Personen heraus. Ganz oben auf der Beschwerdeliste: Kreuz- und Gliederschmerzen, schwindende Muskelkraft, Konzentrations- und Potenzstörungen.
Psychologen um Prof. Annette Degenhardt von der Universität Frankfurt warnen allerdings vor verfrühten Schlüssen. „Nach unseren Erkenntnissen gibt es die Wechseljahre beim Mann nicht“, behauptet Mitarbeiter Andreas Thiele. Bei der Untersuchung von 300 Männern zwischen 35 und 64 Jahren fanden sie keinen Zusammenhang zwischen Symptomen wie Erschöpfung und sinkendem Hormonspiegel.
„Teilweise haben wir sogar das Gegenteil festgestellt“, meint der Experte vom Institut für Psychologie. So klagten zum Beispiel eher Männer mit hohem Testosteronwert verstärkt über sexuelle Beschwerden im Alter. Welchen Grund gibt es dafür? Eine mögliche Interpretation: „Männer mit hohem Testosteronwert haben in jüngeren Jahren dem Sex einen sehr hohen Stellenwert eingeräumt. Veränderungen in diesem Bereich im Alter nehmen sie daher stärker wahr.“ Hier bestehe aber noch Forschungsbedarf, räumt Thiele ein.
Das Hormontief bei Mann und Frau unterscheidet sich ohnehin grundsätzlich: Bei Frauen wird die Produktion von Östrogen relativ schnell im Alter von 45 bis 50 Jahren abgeschaltet – die Menstruation bleibt aus. Dagegen verläuft die Hormonumstellung beim Mann eher subtil. Sie ist nicht an ein bestimmtes Alter gekoppelt. Der Mann bleibt auch im hohen Alter fortpflanzungsfähig. Die Produktion von Testosteron im Hoden nimmt nur langsam ab, wobei es in der Konzentration individuell große Abweichungen geben kann.
Wegen all dieser Unterschiede halten viele Forscher die Bezeichnung „männliche Wechseljahre“ für irreführend. Das gilt ebenso für den Begriff „Andropause“ – im Gegensatz zur weiblichen Menopause. Androgene sind die männlichen Geschlechtshormone. Zahlreiche Experten – unter ihnen Prof. Gerd Ludwig von der Deutschen Gesellschaft für Urologie – favorisieren statt dessen die Bezeichnung PADAM (Partielles Androgendefizit beim alternden Mann).
„Man darf PADAM nicht ignorieren, aber man sollte Patienten auch nicht ohne vorherige Diagnose behandeln“, fordert Ludwig, Direktor der Urologischen Klinik der Städtischen Kliniken Frankfurt-Höchst. „Das Thema ist ein bisschen in Mode gekommen. Und die Pharmaindustrie hat großes Interesse daran, neue Märkte zu erschließen.“
Männern, die unter Androgenmangel leiden, könnte langfristig eine Hormontherapie helfen. Dabei gibt es Testosteron per Spritze oder Pflaster Tabletten haben sich laut Ludwig nicht bewährt. „Die Hormonbehandlung darf aber nur erfolgen, wenn Männer tatsächlich unter entsprechenden Symptomen leiden und der Testosteronspiegel niedrig ist.“ Den Hormonwert ermittelt ein einfacher Bluttest. Wie viele Männer aber behandlungsbedürftig sind, weiß niemand so genau. Schätzungen gehen von 30 % der über 70-Jährigen aus.
Die Therapie ist aber nicht ungefährlich. Denn Testosteron kann „schlafende“Prostata-Krebszellen wecken. So berichtet der Berufsverband der Deutschen Urologen: „Wer bereits an Prostata-Krebs erkrankt ist, sollte auf die Therapie verzichten. Ebenso jene, in deren Familie diese Form des Krebses vorlag, sowie Patienten mit teilweisem Atemstillstand im Schlaf, einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung oder mit krankhafter Vermehrung der roten Blutkörperchen.“
Doch eine Hormontherapie hat durchaus auch ihre Vorteile. US-Studien zeigten, dass der Fettanteil innerer Organe um bis zu 16 % sinkt, während die Muskelmasse zunimmt. Europäische Untersuchungen lassen außerdem darauf hoffen, dass Testosteron gut fürs Herz ist. Es erweitert die Herzkranzgefäße, die Leistungsfähigkeit steigt. Eine präventive Testosteron-Behandlung vor dem Auftreten von Beschwerden ist jedoch wirkungslos, warnen die Marburger Mediziner Rainer Hofmann und Walter Krause. ber/dpa

Ein Beitrag von:

  • Bettina Reckter

    Bettina-Reckter

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Forschung, Biotechnologie, Chemie/Verfahrenstechnik, Lebensmitteltechnologie, Medizintechnik, Umwelt, Reportagen

  • dpa

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