Gesundheit

So weit die Füße tragen

VDI nachrichten, Hannover, 10. 6. 05 – Je weniger Bewegung zum Berufsalltag gehört, desto mehr wird sie zur Freizeitaktivität mit professioneller technischer Ausrüstung.

Seit Rolf Gross Probleme mit den Gelenken hat, steigt er immer öfter von seiner gewohnten Tagesdosis Joggen aufs Walken um. Das allerdings zehrt hart am Selbstvertrauen des Wissenschaftlers. Denn ein Jogger bleibt ein Jogger, selbst wenn er nicht mehr rennt. Als Walker möchte Gross denn auch auf keinen Fall gesichtet werden.
„Ich walke nur mit Sonnenbrille und auch nur tief im Wald“, erzählt er ohne jede Spur von Ironie. „Man sieht dabei einfach zu dämlich aus.“ Walken hat zu sehr den Touch des Abspeck- oder Reha-Sports. Schließlich kommen Walkerinnen wie entfesselte Kaffeekränzchen meist in Gruppen, schwatzend, lachend und leicht aus der Fasson daher. Dieser Frohsinn widerspricht so ganz und gar dem Selbstbild eines Joggers, der schnell, hart und zäh gegen sich selbst kämpft.

Seit der Neuseeländer Arthur Lydiard vor 40 Jahren die Rennerei als Fitness-Sport erfand, verbreitete sie sich imagegerecht im Laufschritt um die Welt. Meist adrenalingestützt rennen seitdem Körperbewusste wie in Trance auf immer gleichen Pfaden, sei es mit Zeitmesser und Power Drink im fiktiven Wettbewerb mit dem Rest der Laufgemeinde, sei es mit Kopfhörern ganz in eine andere Welt entrückt. Der Egotrip mit leiser Sucht-Qualität jedenfalls passt perfekt zur Ära des narzisstischen Körperkults. „Irgendwann aber leidet das Gestell unterm Joggen“, gesteht der Mittvierziger Gross, zumal er seine Laufkarriere vor 30 Jahren noch mit schlichten Turnschuhen startete.
Wer heute einsteigt, wird länger durchhalten. Denn heute gibt es nicht nur Schuhe mit optimalem Dämpfungsverhalten und Tragekomfort inzwischen gehört individuelles Design zur Outdoor-Ausrüstung. Per Video-Analyse beispielsweise werden Variablen wie Laufstil, Trainingsgewohnheit, Gewicht und Fußform ausgewertet, um den richtigen Schuh zu finden. Sport ist Spezialwissen von der Funktionswäsche über die Running-Socks bis zu Zipp-Shirts und Tights (Hosen) mit Flachnähten, Reflektoren und konsequenter Umsetzung des „Biomorphic“-Konzepts: Schnitt und Materialien für reibungslosen Bewegungsablauf. Läufer testen neuartige Materialien unter Höchstbelastung, etwa eine winddichte, extrem atmungsaktive, feuchtigkeitsresistente Jacke, die „Windstopper Soft-Shell“ mit weicher Innen- und harter Außenhaut.

Technologie macht Bewegung professionell. Und je leistungsorientierter der Sport, desto raffinierter die Ausrüstung. Entsprechend steckt das Walken technologisch noch in den Kinderschuhen. Erst 1997 wurde in Finnland das einstige Sommertraining der Langläufer zum Ausdauersport für Einsteiger popularisiert und über die USA nach Mitteleuropa reimportiert – die sicherste Erfolgsgarantie. Nun kann (fast) jede und jeder walken ohne groß zu leiden, vergnüglich und gesund, selbst für die Binnenkonjunktur. Denn auch das rhythmisch schnelle Wandern, bei dem die gesamte Muskulatur trainiert wird, gerät unter Ausstaffierungszwang. Ein Muss sind beim Nordic Walking vor allem Stöcke, die heute Poles heißen und beim richtigen Gebrauch den Fitness-Effekt entscheidend unterstützen: Erst fest Aufsetzen, danach den Griff wieder lockern. Der TÜV-geprüfte Pole muss eine individuell berechnete Länge haben, den Stoß beim Aufsetzen abfedern und beim Loslassen nicht aus der Hand fallen.

Mit seinen technologisch immer raffinierteren Ausstattungen tritt irgendwann wohl auch das Walken ins professionelle Lager – so wie das Wandern vor 30 Jahren seine sportliche Form im Trekking gefunden hat, dem organisierten Wandern in abgeschiedenen Höhenregionen. Da sind hyperleichte Rucksäcke mit ebensolchen Schlafsäcken und sensationell wetterwendigen Kleidern gefragt.
Vor rund 25 Jahren setzte sich die technische Bekleidung im Sport endgültig durch. Mit den neuen Materialien kamen auch neue Beschichtungsverfahren, geschweißt statt genäht.

Trekking jedenfalls, das Wandern als Extremvariante, erinnert nur noch von Ferne an das romantische Naturerlebnis, von dem Joseph von Eichendorff Anfang des 19. Jahrhunderts schwärmte. Doch damals wie heute trägt Wandern – und seine sportlichen Varianten – einen hintergründig subversiven Touch: Dadurch entstand eine Outdoor-Mode – etwa durch die 1880 von Thomas Burberry entwickelte erste atmungsaktive und feuchtigkeitsabweisende Gabardine – die auch Frauen zu Hosenträgerinnen machte, Klassenhürden zunehmend nivellierte und mittlerweile selbst notorische Sesseldrücker wie Sporthypes ausstaffiert. In-Typen tragen heute Nano-Pel, Schmutz abweisende Textilfasern oder „3xDry-Technologie“ – innen Polyester und außen Imprägnierung… Und neuerdings entdecken sie auch wieder Eichendorff. In Halle, wo der Spätromantiker studierte, startet in diesem Jahr eine eichendorffsche Gedächtnistour mit viel Rast und Bier. RUTH KUNTZ-BRUNNER

Von Ruth Kuntz-Brunner
Von Ruth Kuntz-Brunner

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