Sicherheit

Sicherheitswahn in den USA

Verschärfte Einreisebestimmungen in den USA führen zu monatelangen Wartezeiten auf ein Visum. Unternehmen gehen Geschäfte verloren, weil ihre Kunden nicht mehr ins Land dürfen. Und selbst renommierte Universitäten fürchten, dass ausländische Studenten das Land in Zukunft meiden werden

Len Chaloux braucht zur Zeit viel Geduld, um Geschäfte zu machen. Seine US Firma Moore Nanotechnology verkauft optische Geräte – die meisten davon ins Ausland. Doch seitdem die USA ihre Sicherheitskontrollen an den Grenzen massiv verschärft haben, wird der Export immer schwieriger. „Wir haben jetzt gerade einen Auftrag über eine halbe Million Dollar verloren, weil wir kein Visum für unsere chinesischen Kunden bekommen haben“, klagt Chaloux. Der Käufer sollte in den USA im Umgang mit dem Gerät trainiert werden, doch die Behörden verweigerten monatelang seine Einreise. „Ich habe Stunden am Telefon gehangen, um herauszufinden, was mit seinem Visumsantrag los ist, doch niemand hat mir eine Auskunft gegeben“ schimpft Chaloux. „Diese neuen Regelungen zerstören unser Geschäft.“
Seit vergangenem Sommer gelten in den USA verschärfte Einreisebestimmungen. War es bis dahin eine Sache von Tagen, ein Visum zu erhalten, so dauert es jetzt oft Monate. Jeder Antrag wird von Beamten ängstlich unter die Lupe genommen. Viele Geschäftsreisende und Wissenschaftler lässt man nicht mehr ins Land.
Der Flugzeughersteller Boeing z. B. beschwert sich, dass Piloten arabischer Fluggesellschaften kein Visum mehr bekommen, um gekaufte Flugzeuge in den Vereinigten Staaten zu testen. „Das verunsichert unsere Kunden und treibt sie in die Arme der Konkurrenz“, befürchtet Bob Beierlein von Boeing. Der neue Sicherheitswahn hätte den Konzern bereits Millionen gekostet.
Auch bei ausländischen Wissenschaftlern macht sich die US-Regierung durch Schikanen Feinde. Wer z. B. aus dem Iran, Irak, Syrien, Libyen oder dem Sudan kommt, muss sich jetzt zwei Mal pro Jahr bei der Polizei melden, und nachweisen, woran er arbeitet. Dem gebürtigen Iraner Faramarz Fahrahani wurde das zum Verhängnis. Als er zwei Tage zu spät bei der Behörde erschien, hat man ihn in Handschellen abgeführt und in ein Abschiebegefängnis geworfen. Sein Anwalt bekam ihn zwar nach einer Woche frei, doch seinen Pass hat Fahrahani bis heute nicht wieder. Das FBI hat ihm zu verstehen gegeben: Sei froh, dass Du so davongekommen bist.
Renommierte Universitäten befürchten nun, dass die besten Köpfe in Zukunft an europäische oder kanadische Universitäten gehen, wo sie ohne Probleme ein Visum bekommen. „Fünf unserer Wissenschaftler sind Weihnachten zu ihren Familien nach Hause geflogen und man hat sie nicht mehr in die USA zurückkommen lassen“ klagt Michael Hoffmann vom kalifornischen Caltech Institut. „Jetzt trauen sich unsere Doktoranden nicht mehr, das Land auch nur für ein paar Tage zu verlassen.“ So werden fähige Leute verschreckt.
Demnächst wollen die Behörden sogar bestimmen, wann ein Ausländer bestimmte sensible Fächer belegen darf. „Beamte legen fest, wer ein guter oder böser Student ist“, sagt Wendy White von der Akademie der Wissenschaften, „das ist grotesk.“ Die Akademie befürchtet, dass die USA ihre führende Position in der Wissenschaft verlieren werden. Dem Land werden nicht nur kluge Köpfe fehlen, sondern auch Geld. Ausländische Studenten steuern immerhin zwölf Milliarden Dollar jährlich zur US Wirtschaft bei. Doch das State Department weist alle Vorwürfe zurück. „Wir wollen Wissenschaftler und Unternehmen nicht behindern, aber die nationale Sicherheit geht jetzt vor“, so der Sprecher Stuart Patt.
Für Len Chaloux von Moore Nanotechnology hat das Folgen. „Das Problem ist für uns so akut, das wir darüber nachdenken, unsere Produktion ins Ausland zu verlagern“, so Chaloux. Er hat bereits einen Partner in Deutschland. Wenn der Sicherheitsspuk in den USA ihm weiterhin die Geschäfte vermasselt, zieht er mit seiner Firma nach Bayern um. STEPHANIE WÄTJEN

  • Stephanie Wätjen

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