Gesundheit

Senioren – abgeschoben und unter Drogen gesetzt

Senioren leben gefährlich. Betrogen, bevormundet, bedrängt, eingesperrt, übergangen oder allein gelassen – so sieht für viele der Alltag in Deutschland aus. Und selbst in der Obhut von professionellen Pflegekräften können sie nicht immer sicher sein.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz. Doch viele Senioren bekommen genau das Gegenteil zu spüren. Nur selten allerdings ist die Gewalt offensichtlich, meist ist sie verborgen hinter Vernachlässigung oder der unkontrollierten Gabe von Psychopharmaka. „Mit Medikamenten löst so manche Pflegeeinrichtung anscheinend ihre Personalprobleme“, folgert der saarländische Gerichtsmediziner Prof. Hans-Joachim Wagner mit Blick auf die Statistik. Die Verordnungshäufigkeit sei bei alten Menschen erschreckend hoch. Weil der alte Organismus Medikamente anders verarbeitet, müsste man die Dosierungen eigentlich ständig anpassen.
Psychopharmaka und Beruhigungsmittel werden bei den über 70-jährigen bis zu 6,5-mal häufiger verabreicht, bei den über 90-jährigen bis zu 8-mal. „Untersuchungen haben gezeigt“, so Wagner, „dass die Pro-Kopf-Verordnung von erregungshemmenden Präparaten (Neuroleptika) mit der Größe der Alters- und Pflegeheime zunimmt.“ Dabei war die Notwendigkeit dazu bei einem Viertel der Fälle nicht nachvollziehbar. Der chemische Missbrauch aber bringt den für die Pflege Verantwortlichen nur kurzfristig eine „Entlastung“.
„Wo ist das Verantwortungsbewusstsein derer geblieben, die mit solchen Dauerrezepturen alte Menschen bis zum Tod chemisch misshandeln“, fragt Wagner kopfschüttelnd. Gründe für die Misere nennt die Homburger Psychiaterin Prof. Bärbel Ziegler: „Es ist zum einen die mangelhafte Qualitätskontrolle in der Altenpflege, zum anderen die unzureichende Ausbildung. Wenn man nichts über die Funktionen und Besonderheiten des alternden Organismus weiß, reagiert man zwangsläufig falsch, weil man sich hilflos und überfordert fühlt.“ Ein weiterer Grund ist für sie die geringe Bezahlung der Pflegekräfte, die nicht gerade motivierend wirke.

Senioren müssen viel trinken – doch niemand achtet darauf

Dies und den Personalmangel in der Altenpflege macht auch Sven-David Müller vom Deutschen Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik für die Vernachlässigung in der Pflege verantwortlich. „Bis zu 83 % der Senioren in Altenpflegeeinrichtungen leiden unter Mangelernährung“, schlägt er Alarm. „Die oft von extremem Untergewicht begleitete Mangelernährung führt zu Muskelschwäche, geringer Belastbarkeit, Infektanfälligkeit, verzögerter Wundheilung, der Ausbildung von wund gelegenen Stellen (Dekubitus) und zu einer erhöhten Sterblichkeit“, zählt er auf.
Auch auf die Trinkgewohnheiten der Senioren wird kaum geachtet. Die empfohlenen 1,5 l am Tag bekommen die wenigsten. Dabei kann Flüssigkeitsmangel zu Bewusstseinsstörungen führen, erklärte Prof. Michael P. Manns, Internist an der Medizinischen Hochschule Hannover, auf einer Sitzung der Expertenkommission Ernährung und Gesundheit. Unzureichendes Trinken verringere das Blutvolumen, was zu Durchblutungsstörungen des Gehirns, Verwirrtheitszuständen und einer Verstärkung von Depressionen führe. Das Hauptproblem: Im Alter schwindet das Durstgefühl.
Warum aber werden die einfachsten Grundbedürfnisse in Pflegeeinrichtungen nicht abgedeckt? Müller hat eine traurige, aber pragmatische Erklärung gefunden: „Viele der Senioren sind inkontinent. Trinken und essen sie normal, müsste das Personal ständig Flaschen und Bettpfannen wechseln. Das kostet Zeit.“ Eigentlich müsste bei jeder Routineuntersuchung der Ernährungszustand von Senioren erhoben werden, um zu vermeiden, dass jemand „unbemerkt“ verhungert.
Experten fordern schon lange eine einheitliche und fachintensivere Ausbildung von Altenpflegern. Doch es ist kein Zuckerschlecken. Schon im ersten Berufsjahr geben 20 % den Beruf wieder auf. Nach fünf Jahren sind es bereits 82 %. Die derzeitige Bevölkerungsentwicklung zugrunde gelegt, wird im Jahr 2030 ein Drittel der auf 75 Mio. Menschen geschrumpften Bevölkerung in Deutschland über 60 Jahre alt sein. Dann stehen nur noch wenige junge Menschen zur Pflege der Älteren zur Verfügung. Die Zeit ist überreif, auf breiter Front nach Lösungen zu suchen. WOLFGANG KAPPLER

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