Sicherheit

Schon fast ein ganz normales Geschäft

Industrie- und Wirtschaftsspionage unterscheidet nicht mehr zwischen politischem Freund und Feind.

Nun waren es dann doch wohl keine Geheimnisse über Europas neue Wunderwaffe, den Eurofighter, die ihren Weg über einen Ingenieur der DaimlerChrysler Aerospace nach Moskau gefunden haben sollen, sondern nur Wissenswertes aus der deutschen Panzerproduktion. Und wenn es mal wieder ein Ingenieur war, der seine Finger im Spiel hatte, dann weniger, weil diese Berufsgruppe eine besondere Affinität zur Industriespionage hat, sondern weil die Industriespionage eine besondere Affinität zu dieser Berufsgruppe hat: Wenn man an die technisch interessanten Details heran will, braucht man jemanden, der sie erkennt.
Immerhin wurden der Ingenieur und sein Helfer von den mit Erfolgen nicht gerade gesegneten deutschen Verfassungsschützern als „ganz dicke Fische“ bezeichnet.
Doch die Aufregung um diese Geschichte wird schnell wieder vergessen sein, bis zum nächsten Mal. Und ein nächstes Mal wird es mit Sicherheit geben. Denn die überschießende Energie vieler Dienste richtet sich jetzt, ihres klassischen Feindes im Osten wie im Westen beraubt, auf das Feld, auf dem heute über das Schicksal von Nationen entschieden wird – die Wirtschaft.
Und da macht dann auch niemand mehr vor alten Partnern halt. Im Februar 1995 kam es zu einem erbitterten diplomatischen Gerangel zwischen Frankreich und den USA, weil beide Länder einander vorwarfen, ihre jeweiligen Unternehmen systematisch auszuspionieren. Frankreich schickte in diesem Zusammenhang fünf US-Bürger nach Hause, die Amerikaner ließen sich in der International Herald Tribune mit dem Hinweis zitieren, kein Land setze seine Dienste so gezielt zur Ausforschung fremder Industrieunternehmen ein wie Frankreich.
Drei Jahre zuvor soll der französische Geheimdienst DGSE mitgehört und mitgelesen haben, als Siemens versuchte, den Südkoreanern ihren ICE zu verkaufen. Diese Informationen sollen dann an den französischen Wettbewerber und rivalisierenden Mitbieter GEC Alstom gegangen sein, der schließlich auch den Auftrag an Land zog. Wichtige Faxe gehen bei Siemens seitdem nur noch verschlüsselt raus.
Geschichten wie diese werden zahllose kolportiert, über französische, russische aber auch amerikanische Geheimdienste, die deutsche Unternehmen ausspähen – durch Bestechung von Mitarbeitern, vermehrt aber auch elektronisch über das massive Abhören von Telefon- und Faxleitungen und das Mitlesen von E-Mails. Auf bis zu 20 Mrd. DM soll sich allein der Schaden für die deutsche Volkswirtschaft beziffern.
Das Wissen, was der Konkurrent im Markt vorhat und wie er es machen will, wird immer mehr zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor – sei es bei der Herstellung von Windkraftanlagen oder Unterhaltungselektronik.
Und die Grenzen zwischen strafrechtlich verfolgbarer Wirtschaftsspionage und dem Sammeln von „Business Intelligence“, auch „Competitive Intelligence“ genannt, sind fließend. Mittlerweile gibt es einen ganzen Berufszweig, dessen Mitglieder sich ausschließlich mit der Sammlung von Unternehmensinformationen beschäftigen und die sogar eine eigene Standesorganisation haben, die „Society of Competitive Intelligence Professionals“.
Mitglieder dieser Organisation haben sicher nichts mit den kriminellen Machenschaften zu tun, wie sie jetzt bei der Dasa aufgedeckt wurden. Aber allein ihre Existenz bestätigt die Nachfrage, die nach wirtschaftlichen und technischen Informationen über Wettbewerber besteht.
Noch vor einigen Jahrzehnten hätte ein Spion, wie der jetzt aufgeflogene Ingenieur, für internationale Spannungen gesorgt. Der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Wilfried Penner (SPD), hat zwar Sanktionen gefordert, doch führende Politiker wie Verteidigungsminister Rudolf Scharping wimmeln eher ab. Man hat vor allem den Eindruck, der Politik sind solche Fälle peinlich.
moc

Von Wolfgang Mock

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