Gesundheit

Schlaganfall im Westen, Übergewicht im Osten

Haben die Deutschen zu- oder abgenommen? Rauchen die Frauen im Osten noch immer weniger als die im Westen? Antworten auf diese Fragen gibt die erste gesamtdeutsche Gesundheitserhebung seit dem Fall der Mauer.

Die Menschen in Deutschland sind in den letzten zehn Jahren noch dicker geworden, sie rauchen zu viel und sterben höchstwahrscheinlich an Herzinfarkt, Krebs oder Schlaganfall. Was wie die Schlagzeile einer Boulevard-Zeitung klingt, hat einen durchaus seriösen Hintergrund. Denn auf diese einfache Formel lassen sich die Ergebnisse des ersten gesamtdeutschen Gesundheits-surveys bringen.
Das letzte Mal hatte man die Deutschen in Ost und West noch getrennt zu ihrem Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten befragt: Das war 1991/92. „Mit unserer neuen gesamtdeutschen Erhebung können wir jetzt – zehn Jahre nach dem Fall der Mauer – endlich Unterschiede und Veränderungen aufdecken“, freut sich Dr. Bärbel–Maria Bellach, Leiterin der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung im zuständigen Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin. Dort wurden die zwischen Oktober 1997 und März 1999 erhobenen Daten ausgewertet. Das Ergebnis liegt nun auf dem Tisch.
Und es gibt sie sehr wohl, die Unterschiede in der Gesundheit – zwischen Ost und West ebenso wie zwischen Mann und Frau. Ganz deutlich werden sie zum Beispiel bei der Auswertung der Daten zu koronaren Herzerkrankungen. „Der akute Herzanfall ist bei Männern die mit Abstand häufigste Einzeltodesursache. Im Alter zwischen 30 und 60 Jahren erleiden vier Mal mehr Männer einen Infarkt als Frauen“, rechnet Dr. Gerd Wiesner vom RKI vor. Erst mit höherem Lebensalter nähern sich die Zahlen allmählich einander. Immerhin 1,45 Mio. Menschen überlebten 1998 ihren ersten Herzinfarkt. Während allerdings in den letzten Jahren die Zahl der Herzinfarkte bundesweit insgesamt sank, nahm sie im Osten zu – und zwar bei Männern wie bei Frauen.
„Im vereinten Deutschland müssen wir jetzt mit mehr als 280 000 neuen Herzinfarktkandidaten pro Jahr rechnen“, so Wiesners traurige Bilanz. Diese Menschen sind gezwungen, für den Rest ihres Lebens regelmäßig Medikamente einzunehmen. Und selbst dann sind sie nicht vor einer erneuten Herzattacke oder einer Post-Infarkt-Depression gefeit.
Ein anderer Trend zeigt sich beim Schlaganfall, der in der Vergangenheit hierzulande wohl gehörig unterschätzt wurde. Ging man bisher von knapp einer halben Million Menschen aus, die in den letzten fünf Jahren einen Schlaganfall erlitten haben, so muss man diese Zahl nun stark nach oben korrigieren. Schätzungsweise 945 000 Personen werden es wohl nach den jüngsten Hochrechnungen der Berliner Experten gewesen sein.
„Positiv hat sich die Situation zum Glück bei den Frauen in Ostdeutschland entwickelt“, erklärt Wiesner. Denn hier halbierte sich die Zahl der erlittenen Schlaganfälle nahezu. Auf ganz Deutschland hochgerechnet haben heute allerdings trotzdem mehr Frauen als noch vor zehn Jahren einen Hirnschlag erlitten nur bei den Männern ging die Zahl zurück.
Der Schlaganfall ist in Deutschland übrigens die dritthäufigste Todesursache, gleich nach den koronaren Herzerkrankungen und Krebs. Er ist demnach auch die am meisten verbreitete neurologische Störung, die zu schwersten körperlichen und geistigen Behinderungen führt. Die Kosten zur Behandlung von Gehirnerkrankungen lagen hierzulande 1994 bei geschätzten 12,2 Mrd. DM. In Schottland wurden 1988 je Schlaganfall rund 18 300 DM und in den USA etwa 213 000 DM ausgegeben.
Eine deutliche Grenze trennt Ost und West bei den Allergien. Denn während nur etwa 11 % der Ostdeutschen unter Heuschnupfen leiden, sind es im Westen mit 17 % fast doppelt so viele. Auffällig ist zudem ein starkes Sozialgefälle in Westdeutschland. Je höher die soziale Schicht, desto eher stellen sich auch allergische Erkrankungen ein. In den neuen Bundesländern hingegen ist ein solcher Zusammenhang nicht zu erkennen.
Traurig, aber wahr: Jeder zweite Deutsche ist zu dick. Starkes Übergewicht, die sogenannte Adipositas, findet sich bei westdeutschen Männern am seltensten und bei ostdeutschen Frauen am häufigsten. Denn obwohl die Frauen im Osten in letzter Zeit kräftig abgespeckt haben, sind sie immer noch deutlich schwerer als ihre westlichen Geschlechtsgenossinnen. Bei den Männern hingegen gibt es jetzt im Osten 6 % mehr Dicke und im Westen sogar knapp 12 % mehr als noch vor zehn Jahren.
Die Anzahl der Raucher hängt ganz extrem vom Alter der Befragten ab. Fast die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen raucht, bei den jungen Männern sind es 49 % und bei den jungen Frauen immerhin 44 %. Die meisten haben bereits vor dem 20. Lebensjahr angefangen zu paffen, und beinahe jeder dritte Raucher hat im letzten Jahr mindestens ein Mal versucht, sich das Rauchen wieder abzugewöhnen. Obwohl sich die Zahl der Raucher insgesamt in den letzten Jahren kaum merklich verändert hat: Die Frauen in Ostdeutschland qualmen immer noch deutlich mehr als alle anderen. BETTINA RECKTER
Zigaretten, Alkohol, schlechte Ernährung und wenig Bewegung: Die Ursachen für gesundheitliche Beschwerden bleiben dieselben, auch wenn sich im Laufe der Jahre schon mal die Proportionen verschieben.

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