Gesundheitskarte

Rollout der Gesundheitskarte mit „angezogener Handbremse“  

Am 1. Oktober haben die gesetzlichen Krankenkassen mit der Ausgabe der umstrittenen Gesundheitskarte begonnen. Sie soll die Patientenversorgung in Deutschland revolutionieren. Doch wie in den Testphasen geht auch der Rollout nicht problemlos vonstatten. Nun musste gar der technische Leiter der Gematik gehen. VDI nachrichten, Düsseldorf, 9. 10. 09, ber

Es ist ein holpriger Start: Nach jahrelangen Verzögerungen wird die elektronische Gesundheitskarte zunächst nur in der Region Nordrhein ausgegeben. Bis Ende 2010 soll dann das gesamte Bundesgebiet versorgt sein. Die geplanten Funktionen der Karte werden aber erst nach und nach aktiviert.

Und damit nicht genug: Nun hat am Tag des Rollouts kurzerhand Cord Bartels, technischer Geschäftsführer bei der Projektgesellschaft Gematik, das Handtuch geworfen. Die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik) erklärte zwar, man trenne sich „im besten Einvernehmen“, doch galt Bartels als treibende Kraft hinter Änderungen, die die Gesellschafter in ihren Rechten beschnitten hätten.

Fürsprecher der E-Card hoffen, dass damit künftig Arzneimittelunverträglichkeiten vermieden und Doppeltherapien verhindert werden. Kritiker wie der Präsident der Freien Ärzteschaft, Martin Grauduszus, sprechen allerdings von einem „gigantischem Datenmonstrum“ und fordern eine rasche Beerdigung des Projekts.

Dabei erfolgt die Ausgabe der Gesundheitskarte ohnehin „mit angezogener Handbremse“: Nur Versicherte im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein erhalten sie. Bis Jahresende soll sie bei 120 000 Patienten vorliegen. Bis alle 70 Mio. gesetzlich Versicherten eine Karte haben, dürfte noch dauern.

Im ersten Schritt sind mit der Karte die Veränderungen für Kassen, Ärzte und Patienten eher gering. Im Gegensatz zur normalen „Versichertenkarte“ ist auf der Gesundheitskarte ein Foto des Versicherten aufgedruckt. Davon erwarten die Versicherer spürbare Fortschritte im Kampf gegen den Kartenmissbrauch.

„Erfahrungsgemäß müssen die Krankenkassen im Jahr rund 1 Mrd. € für Fälle ausgeben, in denen sich Patienten mit fremden oder abgelaufenen Karten behandeln lassen“, berichtete Ruth Bahners von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein.

Versichertenkarten ließen sich derzeit praktisch an jedem großen Bahnhof kaufen. „Das Foto auf dem Ausweis wird dem Missbrauch einen gewissen Riegel vorschieben“, hofft Bahners.

Wenn den Kassen allerdings kein aktuelles Bild der Versicherten vorliegt, kann auch die E-Card nicht angefertigt werden. „Die Bildbeschaffung beginnt jetzt erst“, räumte Gilbert Mohr, Leiter Stabsstelle IT in der Praxis bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, auf dem Adesso-Forum Gesundheitsmarkt Ende September in Düsseldorf ein.

Positiv für viele Patienten ist zumindest eine Neuerung. Auf der Rückseite der E-Card wird künftig der Auslandskrankenschein zu finden sein. Er muss also vor einer Reise nicht mehr extra beantragt werden. AP/ber

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