Gesundheit 24.12.1999, 17:23 Uhr

Roboter auf Stippvisite

Während in den meisten Kliniken noch Schwestern und Pfleger mit Blutproben und Akten über die Gänge flitzen, erledigen dies in amerikanischen Krankenhäusern Roboter zuverlässig und sparsam. Auch in Berlin sind die stählernen Helfer bereits „auf der Rolle“.

Hol- und Bringedienste in der Klinik gehören an der University of Virginia schon längst der Vergangenheit an. Denn dort sind die Roboter los: „Help-mate“ und „Robocart“ rollen über die Flure, liefern dem Patienten das Essen und nehmen auch noch Blut- und Urinröhrchen des verdutzten Kranken mit, um die Proben schließlich im Labor abzugeben. „Und dabei sparen sie Tausende von Dollars“, erklärte Robin Felder kürzlich auf dem europäischen Kongress „Medical and Biological Engineering“ in Wien.
Als Chef des Medical Automation Research Center an der University of Virginia schätzt Felder, dass in einer Klinik mit über 500 Betten jährlich etwa 1 Mio. Dollar für solche Transportleistungen anfallen. Dabei müssen Röntgenbilder, Blutproben, Essentabletts, Krankenblätter und Medikamente von der Station zum Labor, von der Patientenaufnahme zur Röntgenabteilung oder von der Küche auf die Station befördert werden. In europäischen Krankenhäusern erledigen dies Hilfskräfte, Schwestern und Assistenten. Bei Felder übernehmen solche Laufburschendienste die Roboter.
Helpmate, übrigens eine deutsche Erfindung, ist knapp 1,5 m hoch in seinem Innern beherbergt er den Zentralrechner mit acht Untereinheiten sowie ein Fach für Blutröhrchen, Röntgenbilder und anderes. Ohne sich zu verlaufen, findet er sich anhand eines gespeicherten Krankenhausplans zurecht. „Jeden Morgen dreht er seine Runde entlang der Poliklinik, der Apotheke, der Cafeteria über die Stationen bis zum Labor“, beschreibt Felder den Arbeitsweg seines Laufburschen. „Er orientiert sich ähnlich wie eine Fledermaus.“ Der Forscher verweist auf die 24 Ultraschall-Sensoren, die per-manent den Abstand der knapp 300 kg schwere Maschine zu den Wänden messen und drohende Kollisionen mit Patienten melden. Neben diesen Sonaren tastet ein optisches System den Boden ab, damit Helpmate nicht stolpert. Seine Videosensoren erkennen reflektierende Klebestreifen an der Decke, an denen er sich in den Gängen orientiert. So gelangt der elektronische Laufbursche fast überallhin und kann sogar mühelos Etagen wechseln. Eigens für ihn wurde ein Fahrstuhl umgebaut, den der Roboter über Radiosignale selbst steuert. Will Helpmate schließlich zum Patienten, öffnet er mit Infrarotsignalen die Tür, nachdem er – anstelle eines Klopfzeichens – zunächst ein akustisches Signal im Zimmer ausgelöst hat. Nun muss er zur Identifizierung des Patienten nur noch dessen Daten-Armband elektronisch abtasten, bevor er tatsächlich seine Aufgabe erledigt – bis die Batterie leer ist. Das geschieht etwa nach 12 Stunden. Der Batteriewechsel selbst dauert nur etwa fünf Minuten, dann ist der Roboter wieder startklar und kann durch Berührung eines Touch-Screens wieder losgeschickt werden.
Während seiner Runde steht der mobile Kasten über Radiosignale mit einem Zentralrechner in ständigem Kontakt, der seinen Weg verfolgt und registriert, wenn Helpmate außerplanmäßig Pause macht. „Das könnte im Ernstfall einen Patienten das Leben kosten“, warnt Felder: „Wenn der Roboter mit wichtigen Blutproben einfach untätig im Flur stehen bleibt, nutzt das System niemandem.“

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Sie finden sicher ihr Ziel – wenn man sie in Ruhe lässt

Helpmate und sein nur ein Meter großer Kollege Robocart aber wissen sich sogar in ganz besonderen Situationen zu bewähren: wenn Kinder ihn als Klettergerüst entdecken oder Patienten sich dem merkwürdigen Vehikel entgegenstellen, um seine verzweifelte Suche nach dem rechten Weg zu verfolgen. „Am ärgsten traktierte ihn ein Amateur-Programmierer“, erzählt Felder, „er aktivierte am bordeigenen Computer die Pausentaste und versuchte den Zentralrechner umzuprogrammieren.“ – Vergeblich, denn nach einer kurzen Pause rollte Helpmate ungerührt weiter.
Warum noch immer nicht alle großen Krankenhäuser die modernen Kuriere nutzen, ist für Felder unverständlich. „In der Industrie gehören solche Roboter schon zum Alltag, an Kliniken aber scheut man sich oft, sie einzusetzen“, so der Wissenschaftler. „Roboter und Patienten scheinen sich bislang gegenseitig auszuschließen.“ Dennoch bleibt Felder optimistisch. Nach seiner Ansicht ist die tägliche Stippvisiste des Roboters bald so normal wie früher der Besuch einer Laborantin. Und auch für die Pflege zu hause mausern sich sie allmählich. SABINE GOLDHAHN
Rollendes Inventar. Der Roboter Helpmate erledigt Dienstbotengänge in der Klinik schnell und zuverlässig – solange kein Unbefugter an ihm herumfummelt.
Kaffee kochen und Brötchen schmieren – künftige Aufgaben der stählernen Gesellen?
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