Gesundheit

Rinderwahn – 66 000 Tests in Deutschland geplant

Fast täglich treten neue Fälle von Rinderwahn in Frankreich auf. Deutsche und französische Politiker sehen sich nun zum Handeln gezwungen. Mehrere Bundesländer wollen noch in diesem Jahr weitaus mehr Rinder auf BSE testen als bisher.

Die Angst vor BSE geht im Rindfleischland Frankreich um. Die Fernsehbilder vom todkranken 19-jährigen Arnaud schürten Panik vor der neuen Form der Creutzfeld-Jakob-Krankheit (vCJD) – dem vermutlich menschlichen Pendant der Rinderseuche. Arnaud ist eines der mittlerweile drei französischen Opfer von vCJD. Auslöser dieser Variante ist vermutlich ein krankhaft verändertes Protein – ähnlich dem Erreger, der BSE beim Rind hervorruft. Offenbar kann durch Verzehr von BSE-infizierten Rinderprodukten die Seuche auf den Menschen übertragen werden.
Beinahe täglich werden in Frankreich neue Fälle von BSE bekannt. Seit Jahresbeginn sind rund 90 Rinder an der Seuche erkrankt. Allein 40 davon wurden im letzten Monat entdeckt – nicht zuletzt durch vermehrte Stichproben seit Oktober.
Regierung und Behörden sehen sich daher zum Handeln gezwungen. In vielen französischen Städten wurde bereits Rindfleisch vom Speiseplan der Schulkantinen gestrichen. Wie Premierminister Lionel Jospin ankündigte, werden nun auch in den Restaurants T-Bone-Steaks von den Speisekarten verschwinden. Rinderwirbel dürfen bei der Herstellung von Gelatine und Talg nicht mehr verwendet werden.
Außerdem will die französische Regierung bis auf weiteres sämtliches Tiermehl aus dem Futter verbannen. Schon seit 1994 ist in Frankreich das Verfüttern dieser proteinhaltigen Nahrung an Rinder verboten. Seit dem 15. Juli 1996 darf Tiermehl nur noch in der Schweine-, Geflügel- und Fischzucht verfüttert werden. Trotzdem tolerierten Behörden bisher bis zu 0,3 % davon in den Futtertrögen der Rinder.
Das Verbot von Fleisch- und Knochenmehl bei der Aufzucht von Schweinen, Geflügel und Fischen tritt zunächst nur vorläufig in Kraft, bis in drei bis vier Monaten ein weiteres Gutachten der französischen Lebensmittelbehörde vorliegt. Bleibt es bestehen, müssen die Franzosen die jährlich verfütterten 740 000 t Tiermehl dauerhaft durch Soja-Produkte ersetzen. Die Kosten dafür sowie für die aufwendige Lagerung und Verbrennung des ohnehin anfallenden Tiermehls dürften in die Milliarden gehen, schätzt Premierminister Jospin.
Auch in Deutschland sind die zermahlenen Tierreste im Futter von Wiederkäuern seit 1994 verboten. Deutsches Rindfleisch sei also sauber, beruhigen die Behörden. Bisher wurden sechs kranke Rinder gefunden – dabei handelte es sich um importierte Tiere aus England und der Schweiz. Trotzdem steigt auch hierzulande der öffentliche Druck auf die Behörden. Verbraucherverbände fordern schon lange, Stichproben auf BSE in Schlachthöfen durchzuführen.
Bisher wurden im vergangenen Jahr rund 3000 auffällige Tiere stichprobenartig auf die Seuche getestet. Mit systematischen Tests wollen nun Niedersachsen, Hamburg, Hessen und Bayern beginnen. Ab 2001 werden die restlichen Bundesländer folgen. Damit setzt Deutschland um, was eine EU-Verordnung ab dem nächsten Jahr vorschreibt, und geht noch darüber hinaus. Statt der vorgeschriebenen 8000 Stichproben sollen in Deutschland alle Rinder untersucht werden, die auf der Weide und im Stall eines unnatürlichen Todes sterben. Rund 66 000 Tests pro Jahr werden nach offiziellen Schätzungen damit auf die Veterinäre zukommen.
Auf weitere Schutzmaßnahmen für Verbraucher konnten sich derweil die Bundesländer nicht einigen. Entsprechende Anträge der Länder gingen bei der Sitzung des Bundesrats vergangenen Freitag daher an Fachausschüsse zurück. Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland forderten ein neues Importverbot für britisches Rindfleisch. Einfuhrverbote müssten auch für jene EU-Länder gelten, die britisches Rindfleisch nach Deutschland exportieren und die es nicht pflichtgemäß kennzeichnen.
Wenn die seit dem 1. September gültige EU-Kennzeichnungspflicht von Rindfleisch nicht schnellstens umgesetzt werde, sei ein Importstopp unumgänglich, drohte Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. So kennzeichnen bisher nur Großbritannien, Irland, Belgien und Luxemburg ihr Exportfleisch pflichtgemäß. Weitere Lücken in dem Kennzeichnungssystem für Fleisch sehen Verbraucherverbände. Bisher sind verarbeitete Fleischprodukte wie Wurst und Gehacktes von der Etikettierpflicht ausgenommen. Auf diesem Weg könnte unbemerkt verseuchtes Fleisch in die Nahrung geraten. ELKE BODDERAS

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