Gesundheit

Querschnittslähmung bald heilbar?  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 9. 06, ber – Bislang gilt Querschnittslähmung als unheilbar. Doch weltweit entwickeln Mediziner Therapien, um die Funktion verletzter Nerven wiederherzustellen. In Deutschland steht eine klinische Studie unmittelbar bevor – ein Medikament soll Gelähmten einen Teil ihrer verloren gegangenen Körperfunktionen wiederbringen.

Als Superman vom Pferd fiel und sich die Halswirbelsäule brach, war sein Schicksal besiegelt. Den Rest seines Lebens verbrachte Schauspieler Christopher Reeve im Rollstuhl, vom Hals abwärts gelähmt.

Rund 1500 Menschen erleiden Jahr für Jahr in Deutschland eine Verletzung des Rückenmarks. Häufigste Ursache sind Verkehrs- oder Sportunfälle wenn ein oder mehrere Wirbel brechen, werden die darin liegenden Nervenfasern gequetscht oder sie reißen. Während durchtrennte Nerven in Armen oder Beinen von alleine wieder nachwachsen können, erholen sich die Fasern im Rückenmark oder im Gehirn nicht. So jedenfalls die übliche Lehrmeinung.

Neueste Studien aber zeigen, dass sich auch die Fasern des zentralen Nervensystems (ZNS) durchaus regenerieren können. Allerdings werden sie von ihrem Umfeld daran gehindert, komplett wieder nachzuwachsen und so die entstandene Lücke im Nervenstrang zu schließen.

„Vier bis fünf Tage nach der Verletzung bildet sich eine undurchdringbare Narbe“, erläutert Hans Werner Müller von der Universität Düsseldorf. Die Fasern stellen daraufhin ihr Wachstum ein – die Kluft im Nervenstrang bleibt für immer bestehen.

Jahrelang erforschte Müller als Leiter der Forschungsgruppe Molekulare Neurobiologie die Regenerationsprozesse im ZNS. Parallel dazu sucht er nun in seinem Unternehmen Neuraxo Biopharmaceuticals nach einer praktischen Umsetzung dieses Grundlagenwissens.

Entstanden ist daraus das Medikament Cordaneurin, das die Bildung der Wundheilungsnarbe verhindern und so das Nachwachsen der Nervenfasern ermöglichen soll.

Die Narbe besteht in erster Linie aus Kollagen sowie aus anderen Proteinen. Diese sind miteinander vernetzt und bilden eine dichte Barriere. Für die dünnen Nervenfasern wäre diese Barriere an sich kein Hindernis. Doch andere Moleküle verkleben die Narbe regelrecht. „Diese so genannten Inhibitor-Moleküle senden sogar Signale an die Nervenzelle, ihr Wachstum einzustellen“, erläutert Müller.

Querschnittsgelähmte vor dem Tod zu bewahren, gelingt heute in vielen Fällen. Der Traum der Betroffenen aber, sich wieder bewegen zu können, scheitert nach wie vor an der „Regenerationsmüdigkeit“ der Nerven.

Um die Heilungsprozesse anzukurbeln, probieren Forscher allerlei Verfahren aus: Sie experimentieren mit Antikörpern, Enzymen, Stammzellen und Gentherapien oder verpflanzen gar intakte Nervenbahnen aus anderen Körperbereichen in die verletzte Region.

Der Neurobiologe Martin Schwab, einer der Pioniere auf dem Gebiet der Nervenregenerationsforschung, will in die molekularen Signalprozesse in der verletzten Region eingreifen. Er untersucht dazu am Institut für Hirnforschung der Universität Zürich die Rolle eines der wachstumshemmenden Moleküle, des NOGO-A-Proteins. Dieses wird von Zellen gebildet, die eine Isolationsschicht um die Nervenfasern bilden, die so genannte Myelinschicht. Schwab entwickelte mit seinem Team einen Antikörper gegen NOGO-A.

Verabreichten sie rückenmarksverletzten Ratten diesen Antikörper, sprossen in der verletzten Region neue Nervenfasern aus. Die Beweglichkeit der Tiere besserte sich deutlich. Gemeinsam mit dem Pharmaunternehmen Novartis arbeitet Schwabs Team derzeit an der Entwicklung einer Antikörpertherapie für den Menschen.

Wissenschaftler um Elizabeth Bradbury von der Universität London hingegen versuchen, die wachstumshemmenden Substanzen mit einem Enzym lahmzulegen und so die Regeneration der Nervenfasern anzuregen. An Ratten testeten sie das Enzym Chondroitinase ABC und stellten fest, dass sich die Tiere nach einer Verletzung der Rückenmarksfasern deutlich besser erholten. Nach ein bis zwei Wochen konnten sich die Tiere nahezu normal bewegen.

Hans Werner Müller und die Forscher von Neuraxo versuchen, die Bildung der Wundheilungsnarbe gänzlich zu verhindern. Das von ihnen entwickelte Medikament Cordaneurin beruht auf einem Wirkstoff, der die Kollagensynthese unterdrückt – und damit letztendlich auch die Narbenbildung.

„Die inhibitorischen Moleküle können sich nicht mehr anheften, die Nervenfasern wachsen nach und können Kontakt mit der Zielregion aufnehmen“, sagt Müller. Bei Ratten seien verletzte Rückenmarksfasern immerhin bis zu 2 cm nachgewachsen, berichten die Forscher.

Noch in diesem Jahr soll Cordaneurin klinisch getestet werden. Behandelt werden in mehreren Kliniken Deutschlands zunächst Patienten mit einem „kompletten Querschnitt“ ab dem mittleren Rücken. Sie spüren unterhalb der durchtrennten Nerven nichts mehr und haben dort auch keine Kontrolle über die Körperfunktionen.

„Der Wirkstoff mit Depotwirkung wird nur einmal im Rahmen einer so genannten Entlastungsoperation verabreicht, die bei den meisten Betroffenen ohnehin ein bis drei Tage nach dem Unfall durchgeführt wird“, so Neuraxo-Sprecherin Barbare Behle.

Müller hofft, dass diese Behandlung zumindest die Schwere der Lähmung mildert. Eine „einzige“ Therapie werde es in absehbarer Zeit vermutlich nicht geben: „Die Zukunft liegt in der Kombination verschiedener Ansätze“, glaubt Müller. fwt/ber

Ein Beitrag von:

  • Bettina Reckter

    Bettina-Reckter

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Forschung, Biotechnologie, Chemie/Verfahrenstechnik, Lebensmitteltechnologie, Medizintechnik, Umwelt, Reportagen

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Arbeitssicherheit

Amcor Flexibles Singen GmbH-Firmenlogo
Amcor Flexibles Singen GmbH Leiter Umwelt-, Gesundheits- und Arbeitsschutz (m/w/d) Singen
Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR)-Firmenlogo
Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) Fachkraft für Arbeitssicherheit (w/m/d) Berlin
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH-Firmenlogo
Fresenius Medical Care Deutschland GmbH Sicherheitsingenieur (m/w/d) Sankt Wendel
in-tech GmbH-Firmenlogo
in-tech GmbH Spezialist für funktionale Sicherheit (Schienenfahrzeuge) (m/w/d) Garching bei München, Leipzig, Erlangen, Berlin
Porsche AG-Firmenlogo
Porsche AG Entwicklungsingenieur (m/w/d) Security Weissach
AIG Europe S.A.-Firmenlogo
AIG Europe S.A. Account Risikoingenieur (w/m/d) deutschlandweit
SCHOTTERWERK GMBH-Firmenlogo
SCHOTTERWERK GMBH Qualitätsmanager (m/w/d) Freiburg im Breisgau
Bundeswehr-Firmenlogo
Bundeswehr Feuerwehrfrau / Feuerwehrmann (m/w/d) im gehobenen Feuerwehrtechnischen Dienst – Beamteneinstellung Köln
Bundesagentur für Arbeit-Firmenlogo
Bundesagentur für Arbeit Ingenieur*innen (w/m/d) Ulm, Heilbronn
Procter & Gamble Manufacturing GmbH-Firmenlogo
Procter & Gamble Manufacturing GmbH Technical Safety Leader (m/f/d) Groß-Gerau

Alle Arbeitssicherheit Jobs

Top 5 Arbeitssic…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.