Sicherheit

Produkttester zeigen vier Stadien die Rote Karte  

Die Austragungsstätten in Kaiserslautern, Berlin, Gelsenkirchen und Leipzig erhalten in puncto Sicherheit schlechte Noten. Das Organisationskomitee reagiert teils mit Verständnis, teils mit Polemik.

Fortwährend hatten die WM-Verantwortlichen appelliert, die Fußball-WM 2006 im Vorfeld mit positiver Berichterstattung zu unterstützen. Dass nun ausgerechnet die Stiftung Warentest vier der insgesamt zwölf deutschen WM-Stadien schwer unter Beschuss genommen hat und dort vor verheerenden Folgen im Falle einer Panik warnt, ist den WM-Organisatoren sauer aufgestoßen. „Die Stiftung Warentest kennt sich vielleicht mit Gesichtscremes und Olivenöl aus, dabei sollte sie bleiben“, ätzte der Präsident des WM-Organisationskomitees, Franz Beckenbauer.

Doch die Warentester ließen sich davon nicht erschüttern, sondern verlegten erstmals in ihrer Geschichte eine Pressekonferenz so weit vor das Erscheinen des nächsten Hefts, um die erhobenen Vorwürfe möglichst rasch mit Fakten zu belegen. So seien in eintägigen, vorab angemeldeten Inspektionen durch Brandschutzgutachter und Sachverständige für Evakuierungen zum Teil „erhebliche Mängel“ aufgedeckt worden, z. B. beim Brandschutz im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern.

Hier wurden Pressetribünen moniert, „die auf einem hölzernen Podium standen und nicht, wie sonst vorgefunden, unmittelbar auf Beton“, erläutert Holger Brackemann, Abteilungsleiter Produkttests bei Stiftung Warentest. Auf der Nordtribüne im Fritz-Walter-Stadion fehle es an Brandmeldern und Sprinkleranlagen, auch eine Brandabschnittsbildung war nicht gegeben.

Während beim Thema Staudruckrisiko und dem entsprechenden Index (wie viele Menschen kommen bei einer Massenpanik auf einem Meter Fluchttorbreite in den sicheren Stadioninnenraum) das Nürnberger Frankenstadion mit einem Wert von 165 glänzte, ließ sich dieser Index in den drei Stadien in Berlin, Leipzig und Gelsenkirchen gar nicht erst berechnen: Dort fehlten solche Fluchttore gänzlich.

Im Berliner Olympiastadion versperrt ein 3 m tiefer, denkmalgeschützter Graben den Weg in den rettenden Innenraum, und in Leipzig müssten die Zuschauer im Notfall „eine 90 cm hohe Betonmauer überklettern und anschließend 3,40 m tief springen“, kritisiert Brackemann.

Auch beim Thema Strömungsstau und Evakuierung registrierten die Prüfer eine Zweiklassengesellschaft. Für das entscheidende Verhältnis von Kapazität eines Stadionrangs und Ausgangsbreite an der schmalsten Stelle sieht die Muster-Versammlungsstättenordnung einen Wert von 500 Personen pro Meter vor. Daraus lassen sich Evakuierungszeiten von rund zehn Minuten abschätzen. Diese Vorgabe wurde in Nürnberg (150) klar übertroffen. In Berlin lag dieser Wert deutlich über 600, „verbunden mit einem langen Weg von 80 Stufen, ein trauriger Rekord“, so Brackemann.

Schließlich kamen einige WM-Stadienbetreiber auch bei der Überprüfung der Stolpersicherheit in Erklärungsnot. In der Frankfurter Commerzbank-Arena fanden die Prüfer 66 Stufen mit einer Tritttiefe von nur 22 cm. Brackemann: „Das entspricht der Sohlenlänge bei Schuhgröße 31.“ Zudem fanden die Warentester häufiger lange und unübersichtliche Logen-Fluchtwege, die ungesichert durch den Gastronomiebereich der Stadien führten.

Gleich nach Veröffentlichung dieser Ergebnisse reagierte das WM-Organisationskomitee mit einer kritischen Stellungnahme. Beim Thema Staudruck wurden Konzepte unabhängiger Gutachter angeführt, die statt auf Fluchtwege in den Innenraum auf die Entfluchtung nach außen setzen. Die monierte fehlende Tritttiefe wurde in Einzelfällen eingeräumt und Verbesserungen angekündigt. Dass die Stiftung Warentest beim Thema Brandrisiko in Dortmund das Fehlen von Sprinkleranlagen anprangert, wurde mit Blick auf das Münchener Stadion relativiert, wo man „genau für diese Lösung den Deutschen Brandschutzpreis 2005 erhielt“, lautet es in der Stellungnahme.

„Wir bleiben dabei: Unsere Stadien sind sicher“, resümiert OK-Vizepräsident Horst R. Schmidt. Er verwies auf einen Expertenstreit beim Umgang mit Panikfällen in Stadien und der Anlage von Fluchtwegen. „Wir sind sehr für Panikforschung, aber nicht für Panikmache“, unterstützt ihn Amtskollege Wolfgang Niersbach. Offen bleibt die Frage, warum Behörden bei der Abnahme der WM-Stadien offensichtlich mit unterschiedlichen Maßstäben vorgingen.

Die Kölner Stadionbetreiber holten inzwischen zum Gegenangriff aus und kritisierten den Pressekonferenzraum der Stiftung Warentest. Er hätte mit Blick auf Sicherheitsvorschriften „doppelt so groß sein müssen“. ANDREAS LEIMBACH

www.stiftung-warentest.de

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Von Andreas Leimbach

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