Gesundheit

Personenbezogene Arznei für wirksame Krebstherapie  

Nicht der Patient, die Krankheit entscheidet meist übers Rezept. Mit einer Ausnahme: In der Onkologie wirken Arzneimittel oft nur bei bestimmten Patienten und werden daher nur nach prädiktiven Tests verschrieben. Rund 20 personenbezogen eingesetzte Medikamente gibt es bereits. VDI nachrichten, Berlin, 18. 12. 09, ber

Im Schnitt schlägt nur jedes dritte Medikament bei einem Tumor an. In der Folge müssen Patienten oft so lange unterschiedliche Pillen schlucken, bis sich ihr Zustand bei einem bestimmten Therapeutikum bessert. Eine zermürbende Phase der Testmedikation, in der der Tumor weiter wächst und kostbare Lebenszeit verrinnt.

Bei der zielgerichteten Therapie wird dem Patienten diese Odyssee erspart. Das Tumorgewebe verrät im molekulargenetischen Test binnen weniger Stunden, welche Arznei das Geschwür zurückdrängen kann. Routine ist diese Praxis mittlerweile bei Brustkrebs. Der so genannte HER2-Test offenbart, ob auf den Zellen das Ankermolekül HER2 zu finden ist. Ist dies der Fall, kann der Tumor mit dem Antikörper Herceptin behandelt werden. Andernfalls bewirkt das Medikament nicht viel.

Dieser Präzedenzfall hat inzwischen Schule gemacht. So wurde bei den bereits zugelassenen Darmkrebsarzneien Panitumumab und Cetuximab jüngst entdeckt, dass sie besonders gut wirken, wenn keine Mutation im KRAS-Gen vorliegt. Das ist ungefähr bei jedem zweiten Darmkrebspatienten der Fall.

Der jüngste Neuzugang unter den personalisierten Krebsarzneien sind die Präparate Gefitinib vom Hersteller AstraZeneca und Erlotinib von Roche, die eine bestimmte Form des Lungenkrebses, das kleinzellige Bronchialkarzinom, bekämpfen. Sie blockieren ein Molekül auf der Oberfläche der Tumorzellen, den EGF-Rezeptor. Ist das Gen für diesen Rezeptor mutiert, sprechen die Medikamente besonders gut an. Bei diesen Patienten verlängert Gefitinib die Lebenszeit und verbessert die Lebensqualität, konstatierte die europäische Zulassungsbehörde EMEA im April.

„Die erforderlichen Eignungstests sind alle gewebebasiert“, betonte Dietel. „Wir können in den Tumorzellen Moleküle identifizieren, die uns sagen: Es ist sinnvoll, dass dieser Patient so oder so behandelt wird.“ Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA verlangt deshalb bereits bei jeder Neuzulassung eines Krebstherapeutikums die Unterlagen für einen passenden Test. In Europa werde sich dieser Trend ebenfalls durchsetzen, vermuten Experten.

Ein Blick in die Forschungsabteilungen zeigt, dass die Entwicklung in riesigen Schritten voranschreitet. In der aktuellen Ausgabe des Journal of Clinical Oncology berichten Forscher der Berliner Charité, ein weiteres Gewebemerkmal in Brustgeschwüren entdeckt zu haben, das Auskunft darüber gibt, wie erfolgreich eine Chemotherapie sein wird: Je mehr Abwehrzellen des Immunsystems dort zugegen sind, desto besser stehen die Chancen für die Frau, von den Medikamenten zu profitieren. Die Forscher hoffen, dass dies nebst dem HER2-Test die Therapie künftig weiter verfeinern wird.

Erst wenige Monate zuvor stellte Jan Stöhlmacher vom Universitätskrebszentrum in Dresden im gleichen Journal die Ergebnisse einer klinischen Studie zur individualisierten Behandlung von Magenkrebs vor. Sein Team hat eine Reihe von Genen ausgemacht, die verraten, wie eine Chemotherapie beim Patienten anschlägt und welche Nebenwirkungen sie hat. „Man prüft einfach die Wirkung der Medikamente an Blutzellen“, erklärte Stöhlmacher.

Dem gegenüber basieren alle bisherigen Auswahltests für die Krebstherapie auf Tumorgewebe, das bei der erforderlichen Biopsie ohnehin entnommen wird. Forscher an der TU München haben kürzlich einen Chip für Tumorzellen vorgestellt, der einen schnellen Test für die Wirkung von Arzneien erlaubt. Dabei können auf ein- und demselben Glasträger zeitgleich mehrere Wirkstoffe geprüft werden. Falls das Medikament die Zellen tötet, sollte es auch im Patienten wirken, glauben die Forscher.

Allerdings weckt die zunehmende Zersplitterung und Technisierung der Krebstherapie auch die Sorge, dass die Kosten explodieren. Zielgerichtete Wirkstoffe sind schon heute oft nur zu Preisen im fünfstelligen Bereich zu haben, weil sie für einen immer kleineren Markt entwickelt werden, auf dem sie noch dazu meist konkurrenzlos sind.

Dennoch rechtfertigen Forscher wie Stöhlmacher die unaufhaltsame Personalisierung der Krebstherapie: „Das spart doch sogar Kosten ein, wenn nur die Patienten ein Medikament bekommen, denen es auch wirklich hilft.“ So könnten Gefitinib und Erlotinib nur bei 10 % bis 15 % der Lungenkrebspatienten mit entsprechender Mutation eingesetzt werden. Alle übrigen sollten die Tabletten nicht schlucken. S. DONNER

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