Sicherheit

Perfekter Mord wird immer schwieriger  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 5. 08, sta – Lange waren Intuition und Erfahrung die schärfsten Waffen der Ermittler im Kampf gegen Verbrecher. Doch in den letzten Jahren kommt bei Tatortanalyse und Täteridentifikation vermehrt Hightech zum Einsatz. Künftig können etwa DNA-Spuren soweit aufbereitet werden, dass ein Fahndungsfoto daraus rekonstruiert werden kann. Drei Beispiele für die Kriminaltechnik von morgen.

Tatort 1: Ein Mann liegt mit eingeschlagenem Schädel am Boden. An den Scherben des Kellerfensters, durch das der Täter eingestiegen war, finden die Ermittler Blut. Ist es vom Mörder? Dann wäre er leicht zu identifizieren.

Blut enthält DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das ist ein genetischer Code. Der ist bei jedem Menschen – außer bei eineiigen Zwillingen – einmalig. Finden die Spurensicherer an einem Tatort DNA-fähiges Material, neben Blut etwa Speichel, Sperma oder Haut, schicken sie es zur Untersuchung zum Bundes- oder Landeskriminalamt. Dort werden die Proben molekular-genetisch analysiert und das sogenannte DNA-Identifizierungsmuster erstellt. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Individuen denselben genetischen Fingerabdruck haben, liegt bei eins zu mehreren hundert Millionen.

Schon seit zehn Jahren speichert das BKA die genetischen Fingerabdrücke von Beschuldigten und Verurteilten, denen eine Straftat von erheblicher Bedeutung zur Last gelegt wird sowie Tatortspuren. Mittlerweile umfasst diese DNA-Analyse-Datei fast 700 000 Datensätze. „Die Nutzung eines kriminaltechnischen Analyseverfahrens auf wissenschaftlicher Grundlage mit eindeutiger Identifizierungsmöglichkeit stellt einen Quantensprung dar“, freute sich BKA-Präsident Jörg Ziercke anlässlich des Jubiläums der Datei im April.

Gut möglich, dass die DNA-Analyse der Kriminaltechnik noch mehr Quantensprünge beschert. Etwa dann, wenn auch der Teil der DNA untersucht wird, der Erbinformationen enthält. Dann könnte eine Untersuchung Aufschluss etwa über Haar- und Hautfarbe eines potenziellen Täters geben. Am Ende könnte gar das „DNA-Photofit“ stehen, bei dem die DNA-Analyse so viel Information über das Aussehen eines mutmaßlichen Täters liefert, dass ein Fahndungsbild erstellt werden kann. Noch liegt die Verwirklichung dieser Vision in ferner Zukunft. Denn die Wissenschaft weiß erst zum Teil, wo genau die Gen-Informationen liegen, die Auswirkungen auf Äußerlichkeiten haben.

Es gibt allerdings erste Erfolge. Die amerikanische Biotech-Schmiede DNA-Print Genomics hat herausgefunden, dass die Augenfarbe im Wesentlichen von der Variation von nur vier Genen determiniert wird. Bei Versuchen konnten die Wissenschaftler Freiwillige mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 % einer von drei Gruppen zuordnen: Dunkeläugige, Helläugige und Hellbraunäugige.

Forscher des Britischen Forensischen Wissenschaftsdienstes (FSS) können heute schon mit 96 %iger Sicherheit angeben, ob ein Täter rote Haare hat. Hintergrund: Rothaarige haben einen bestimmten Gendefekt, der ihre Pigmentzellen schädigt.

Problematisch an DNA-Photofit ist aber, dass die DNA lediglich das Grundgerüst für unser Aussehen legt. Großen Einfluss haben auch Lebensstil und Umwelteinflüsse. Hinzu kommen – zumindest in Deutschland – juristische Probleme: Die einzige Erbinformation die hierzulande im Rahmen einer DNA-Analyse erhoben werden darf, ist das Geschlecht.

Tatort 2: Das Opfer liegt in einer Blutlache auf dem Fußboden. Neben der Leiche finden die Ermittler einen Baseball-Schläger. Die Tatwaffe?

Um die Todesursache eines Mordopfers zu klären, wird grundsätzlich eine Autopsie durchgeführt. Auch, wenn die Umstände offensichtlich erscheinen. Nach einem genau vorgegeben Ablaufplan öffnen die Gerichtsmediziner den Körper und untersuchen ihn. Heute machen sie das mit dem Skalpell – künftig vielleicht virtuell.

An der Universität Bern arbeiten Wissenschaftler an dieser „virtuellen Autopsie“. Die Grundlage dafür schaffen moderne bildgebende Verfahren wie Spiral-Computertomographie (Spiral-CT) sowie strahlungsfreie Methoden wie Magnetresonanz-Imaging (MRI), Magnetresonanzspektroskopie (MRS) und dreidimensionales Oberflächenscanning.

Der blutlose Blick in den Körper ermöglicht den Wissenschaftlern eine umfassende Untersuchung ohne die Leiche nachhaltig zu beschädigen. Auch Proben für chemisch-toxikologische Analysen und mikroskopische Untersuchungen können minimal invasiv mittels CT-gesteuerter Biopsie entnommen werden.

In naher Zukunft könnten chemische Substanzen sogar im Leichnam mittels MRS analysiert werden – und so möglichen Vergiftungen auf die Spur kommen. Die Spiral-CT liefert dreidimensionale Bilder, unter anderem von Knochen. So lassen sich Verletzungen, zum Beispiel am Kopf, leichter erkennen. Die MRI ermöglicht es, Weichteile und Organe zu untersuchen.

Der große Vorteil dieser neuen Methode: Sie minimiert Fehler bei der Autopsie. Denn ist die Leiche erst einmal aufgeschnitten, gibt es kein Zurück mehr. Durch Fehler oder Pech können den Ermittlern möglicherweise entscheidende Informationen durch die Lappen gehen. Hinzu kommt: Die Ergebnisse der virtuellen Leichenöffnung liegen anschließend in digitaler Form vor.

„Vor Gericht kann man diese 3D-Daten sehr gut und verständlich präsentieren“, sagt der stellvertretende Projektleiter in Bern, Stephan Bolliger. Da die Leiche intakt bleibt, könnte das Verfahren den Behörden außerdem die Arbeit leichter machen. „Viele Menschen wollen nicht, dass ihre geliebten Angehörigen autopsiert werden. Oft liegen dafür religiöse Gründe vor“, weiß Bolliger. Zwar können die Behörden die Leichenöffnung anordnen, doch der Konflikt ist dann vorprogrammiert, was der Sache nicht unbedingt dienlich ist. „Unser Verfahren bietet einen Ausweg“, hofft der Arzt.

Bis Virtopsy die normale Autopsie ablöst, wird noch Zeit vergehen. „Autopsien wird es auch in Zukunft geben“, ist sich Bolliger sicher. „Aber in etwa einem Jahr könnten wir technisch so weit sein, um das Verfahren in der Schweiz praktisch einzusetzen. Zunächst bei Einzelfällen, etwa bei Todesfällen durch einen Schlag auf den Kopf“.

Ein Problem wird jedoch auch die virtuelle Autopsie nicht lösen: Auch in Deutschland werden jedes Jahr zahlreiche Tötungsdelikte nicht als solche erkannt. Oft, weil Haus- oder Notarzt die Anzeichen hierfür nicht erkennen.

„Wenn ein natürlicher Tod auf dem Totenschein steht, wird halt keine Leichenöffnung vorgenommen“, sagt Bolliger. „Daran ändert auch das Aufkommen einer neuen Methode nichts“.

Tatort 3: Die Tote liegt im Wald. Kleidung und Papiere, alles was Auskunft über ihre Identität geben könnte, sind verschwunden. Alle Versuche die Herkunft der Unbekannten zu klären verlaufen im Sand. Wer ist die Frau? Und woher kommt sie?

Pro Jahr bleiben in Deutschland mehr als 1200 Leichen unidentifiziert. Künftig könnte die sogenannte Isotopenanalyse helfen, diese Zahl zu senken. Das Verfahren basiert quasi auf einem „geochemischen Fingerabdruck“, der die Verhältnisse am Wohnort spiegelt. Er entsteht beim Essen und Trinken. Denn bei Nahrung und Wasser aus verschiedenen Regionen variiert der Anteil der Isotopen, also der leichten und schweren Atomsorten desselben Elements, die beim Verzehr aufgenommen werden. Da Menschen oft Dinge aus ihrer Umgebung zu sich nehmen, kann die Isotopenanalyse Informationen über Herkunft und unter Umständen auch über den geografischen Lebenslauf von nicht-identifizierten Toten liefern: Haare und Fingernägel, die schnell wachsen – und ein dementsprechend kurzes Gedächtnis haben – geben Aufschluss über die letzen Wochen. Zähne und Knochen zeigen die Lebensumstände vor Jahren.

Als Herkunftsnachweis für Lebensmittel ist die Isotopenanalyse bereits etabliert. Aber was die Anwendung in der Kriminaltechnik betrifft, steht sie noch am Anfang. Vereinzelt wurde die Methode bereits erfolgreich eingesetzt. In den USA wurden mit ihrer Hilfe etwa Opfer der Anschläge vom 11. September identifiziert. Auch deutsche Behörden haben sie bereits erfolgreich benutzt. Trotzdem sind dem Verfahren noch Grenzen gesetzt: So fehlen zum Beispiel flächendeckende Daten über die Isotopenverteilung. Und die sollten sich die Wissenschaftler am besten gleich aus der ganzen Welt besorgen. Schließlich kennt das organisierte Verbrechen keine Grenzen.

Noch birgt die Isotopenanalyse ein großes Fehlerpotenzial. Ein Toter, der zum Beispiel lange in Japan gelebt hat, könnte bei der Isotopenanalyse leicht als Japaner durchgehen, obwohl er vielleicht aus Deutschland stammt.

Welchen Kurs die Kriminaltechnik auch immer einschlagen mag, eines steht fest: Die Analyse von Fingerabdrücken oder das Ausgießen von Reifenspuren mit Gips bleiben Klassiker, die nie aus der Mode kommen.

SILKE LINNEWEBER

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