Sicherheit

„Nur die Elbe ist hochwassersicher“

Eine Flutkatastrophe wie die im Osten sollen Anlieger von Flüssen und Bächen nicht noch einmal erleben müssen. Doch das jetzt verabschiedete Aktionsprogramm ist nach Ansicht von Experten unzureichend – die Ursachen werden nicht bekämpft.

Überall in Deutschland wächst die Hochwassergefahr, nur nicht an der Elbe.“ Drei Monate vor der Katastrophe war die Elbe für die Umweltschützer vom BUND noch das Paradepferd der Naturbelassenheit. Ein großer, sanfter Strom, dessen Flussauen der Öko-Verband in seinem Hintergrundpapier „Ökologischer Hochwasserschutz“ gelobt hatte. Anders als Rhein und Donau nicht durch Staustufen eingezwängt, war die Elbe in jüngerer Zeit stets zu zahm, um Schicksalsfluss zu werden.
Was nun? Seit dem Jahrhundert- Hochwasser wetteifern Politiker aller Couleur um den Titel des kühnsten Deichbauers, des gründlichsten Renaturierers. Die Wahl vor Augen versprechen alle dasselbe: Eine Katastrophe wie die im Osten sollen die Anlieger von Flüssen nicht noch einmal erleben müssen. Groß geschrieben wird dabei der „Ökologische Hochwasserschutz“, wie die große Flusskonferenz vergangenen Sonntag in Berlin gezeigt hat. Doch Experten bezweifeln, dass die Maßnahmen tatsächlich helfen werden.
Unter der Devise „Den Flüssen mehr Raum geben“ hat die Bundesregierung ökologische Maßnahmen an die Spitze ihres 5-Punkte-Programms zur Verbesserung des vorbeugenden Hochwasserschutzes gestellt. In Überschwemmungsgebieten sollen keine Wohn- und Gewerbegebiete mehr ausgewiesen werden. Rückdeichungen und neue Polder sollen zusätzliche Überschwemmungsflächen schaffen. Bis 2003 werden zudem alle Flussbau-Maßnahmen zur Verbesserung der Schifffahrt gestoppt.
An der Elbe werden, da sind sich Experten einig, diese Maßnahmen wenig nützen. Derzeit stehen hier etwa 1000 km² Überschwemmungsgebiete zur Verfügung. Da sich in Flutungszonen im Gegensatz zu Talsperren das Wasser nur meterhoch stauen lässt, sind erhebliche Flächen erforderlich, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen. „Schwer durchzusetzen im dicht besiedelten Deutschland“, gibt Heinz Engels, Leiter der Abteilung für Pegelwesen und mathematische Abflussmodelle in der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) in Koblenz, zu bedenken.
Noch geringer ist der Effekt von Flussauen. Da sie mit dem Fluss in Verbindung stehen, werden sie bereits bei steigendem Wasser geflutet und können von der eigentlichen Hochwasserwelle nur noch wenig aufnehmen.
Ebenso wenig würde der nun gestoppte Ausbau der Elbe-Fahrrinne nützen, erklärt Prof. Hans-B. Horlacher, Leiter des Instituts für Wasserbau und Technische Hydromechanik der Technischen Universität Dresden. Die geplanten Eingriffe seien marginal und hätten vor allem den Zweck, bei geringer Wasserführung der Elbe den Wasserstand in der Fahrrinne anzuheben. „Auf das Hochwassergeschehen hat das keinen Einfluss“, stellt er klar.
Dringend erforderlich hingegen sei eine Sanierung der Elbdeiche. Die Internationale Kommission zum Schutz der Elbe (IKSE) in Magdeburg hat Anfang 2001 eine „Bestandsaufnahme des vorhandenen Hochwasserschutzniveaus im Einzugsgebiet der Elbe“ vorgelegt. Danach weisen die Deiche auf rund 300 km Länge Schwachstellen auf. Nach den Berechnungen der IKSE würde eine Stabilisierung der Deiche etwa 450 Mio. # kosten.
Noch wichtiger jedoch – da sind sich viele einig – ist ein Ausbau der Talsperren. Die Ursache für die Jahrhundertflut waren extreme Regenfälle, hervorgerufen durch eine Wetterlage, die bei den Meteorologen unter Vb bekannt ist. Dabei erstreckt sich eine Tiefdruckrinne von der Adria bis nach Südskandinavien, was dazu führt, dass vom Mittelmeer um die Ostseite der Alpen herum feuchtwarme Luft nach Mitteleuropa strömt, die sich dann an den Gebirgskämmen abregnet.
Für Wasserbau-Experte Horlacher ist klar, dass vor allem im Erzgebirge der Hochwasserschutz ausgebaut werden muss. Neue Stauseen müssten gebaut bzw. bestehende vergrößert werden – wie etwa der Sylvensteinspeicher an der oberen Isar, der gerade rechtzeitig vor dem Pfingsthochwasser von 1999 um drei Meter erhöht worden war. So wurde München vor einer Katastrophe bewahrt, wie sie jetzt Dresden erleben musste.
Nach einer Karte des Deutschen Wetterdienstes (DWD) fielen vom
11. bis 13. August an der Nordflanke des Erzgebirges um die 200 mm Niederschlag. An der Station Zinnwald auf dem Kamm des Erzgebirges in 800 m Höhe waren es sogar 406 mm. Allein am 12. August wurde ein Drittel des normalen Jahresniederschlags registriert.
Die gewaltigen Regengüsse führten in den steilen Tälern zu wahren Sturzfluten, die immense Verwüstungen anrichteten. Im Tal der Gottleuba verhinderte eine Talsperre mit mehreren Rückhaltebecken Schlimmeres. Das benachbarte Müglitztal dagegen, das ohne Hochwasserschutz ist, wurde völlig verwüstet.
Auch Zwickau verdankt laut Hans-Ulrich Sieber, stellvertretender Direktor der Landestalsperrenverwaltung von Sachsen, seine Unversehrtheit einer Talsperre: dem Stausee Eibenstock an der Zwickauer Mulde, mit einem Rückhaltevermögen von fast 6 Mio. m³ die größte Talsperre im Erzgebirge. Die Talsperren Malter und Klingenberg an der Roten bzw. Wilden Weißeritz waren dagegen zu klein, um die Wassermassen zu fassen, und liefen nach einigen Stunden über.
Die Hauptmasse der Hochwasserwelle stammte jedoch aus der Moldau. An ihr ist zwischen 1950 und 1980 eine Kette von Talsperren errichtet worden – für die Naturschützer ein Beweis dafür, wie wirkungslos diese Art von Hochwasserschutz ist.
Doch ist die „Moldau-Kaskade“ nicht primär zum Hochwasserschutz errichtet worden. Sie dient vorrangig der Stromerzeugung. Deshalb werden von ihrem Gesamtstauraum – knapp 1,9 Mrd. m³ – nur 87 Mio. m³ zur Aufnahme von Hochwasser freigehalten. Immerhin konnte damit jetzt der maximale Durchfluss der Moldau in Prag von 5900 m³/s auf 5300 m³/s gesenkt werden. Auch Dresden profitierte davon: Ohne die Talsperren an der Moldau und den anderen tschechischen Flüssen wären noch höhere Wasserstände eingetreten.
Ob die Katastrophe auf den globalen Klimawandel zurückzuführen ist, bleibt umstritten. Laut Analysen des Instituts für Meteorologie der Universität Leipzig hat in den letzten 150 Jahren die Häufigkeit der sommerlichen Hochwasser an Elbe und Oder nicht zugenommen. Hochwasser im Winter sind sogar seltener geworden. „Es ist fraglich, ob Klimaschutz tatsächlich Hochwasserschutz für übermorgen ist, wie die Bundesregierung meint“, sagt der Leipziger Meteorologe Manfred Mudelsee. Unbeeinflusst vom Menschen produziere die Natur von Zeit zu Zeit Katastrophen. Er denkt vor allem an das Jahr 1342, als ganz Mitteleuropa vom Hochwasser heimgesucht worden war.
Klar ist nur: „Wir können uns gegen derartige Katastrophen weit besser wappnen“, wie Horlacher betonte. Dazu müsste die Gesellschaft aber bereit sein, die vorhandenen technischen Mittel einzusetzen, und dürfte ihr Heil nicht allein im ökologischen Hochwasserschutz suchen.
HANS-DIETER SAUER

Von Hans-Dieter Sauer
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