Gesundheit

Neue Waffen gegen Malaria

Der Kampf gegen Malaria steht vor großen Herausforderungen. Moskitos werden gegen Insektengifte resistent, Malariaerreger gegen Medikamente. Am Insektenforschungsinstitut Icipe (International Centre for Insect Physiology and Ecology) in Nairobi wird fieberhaft an einem Plan B gearbeitet, sagt Direktor Christian Borgemeister.

VDI nachrichten: Ist der Kampf gegen Malaria in Afrika zu gewinnen?

Borgemeister: Ja. Es gibt ja bereits Erfolge. Die Zahl der Infizierten und der Toten ist gesunken …

… und die tansanische Insel Sansibar ist faktisch malariafrei.

Die Erfolgsstory basiert auf einer WHO-Strategie: Infizierte und Schwangerere zu behandeln sowie insektizidbehandelte Netze zu verteilen und Hauswände mit Insektengiften zu besprühen. Doch dieser Ansatz greift, fürchte ich, zu kurz.

Warum?

Stechmücken bilden Resistenzen gegen Pyrethroide, die in Netzen und beim Sprühen, aber auch im Baumwollanbau eingesetzt werden. Wird ein Insektizid zugleich von Landwirten und zur Gesundheitsvorsorge verwendet, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Resistenzbildung.

Ist das reine Theorie oder bereits Praxis?

Es gibt immer mehr gegen Pyrethroide resistente Anopheles-gambiae-Mücken, den Hauptvektoren der Malaria falciparum in Afrika. Setzen sich die Resistenzen in den Populationen der Stechmücken durch, bricht die gesamte Strategie zusammen. Industrievertreter sagen, dass es erst in sieben bis neun Jahren neue Insektizide geben wird – wenn überhaupt!

Könnte man nicht verschiedene Pyre¬throide, DDT und andere Insektengifte abwechselnd einsetzen, um Resistenzen zu vermeiden?

Theoretisch ja, und in einem gewissen Ausmaß wird das auch schon praktiziert. Allerdings hängt das von der Verbreitung bereits existierender Resistenzen ab. Insbesondere bei DDT ist das ein großes Problem, da viele Anopheles-Populationen in Afrika Resistenzgene gegen DDT besitzen. Ganz zu schweigen von anderen Umweltproblemen, die ein verstärkter DDT-Einsatz mit sich bringen würde.

Gilt die Resistenzproblematik auch für die medizinische Behandlung?

Ja. Chloroquin war ein wirksamer und preiswerter Wirkstoff gegen Malaria. Nach dem DDT-Desaster hofften Mediziner, mit Chloroquin das Problem zu lösen. Doch hier entwickelten sich in kürzester Zeit resistente Stämme der Malariaerreger gegenüber dem Wirkstoff.

Hmmmm …

Wir haben gelernt! Wir setzen heute zwei Wirkstoffe in einer Tablette in Kombinationspräparaten ein. Das senkt die Wahrscheinlichkeit einer Resistenzentwicklung. Doch aus Südostasien und Zentralafrika ist zu hören, dass viele Mediziner heutzutage schon höhere Dosen von artemisinhaltigen Kombinationspräparaten einsetzen müssen, um den gleichen Effekt wie vor drei, vier Jahren zu erzielen. Sprich: Möglicherweise deutet sich hier eine künftige Resistenz gegen Artemisin an. Von daher ist das die selbe Situation wie bei Pyrethroiden: Es fehlt ein Plan B.

Ein Plan B?

Um es klar zu sagen: Es wird keine Wunderwaffe gegen Malaria geben. Der Überlebenstrick von Stechmücken und Malariaerreger sind Resistenzen gegen Insektengifte oder Medikamente. Wir brauchen ein ausgedehnteres Waffenarsenal gegen Mücken und Erreger, um weniger Insektizide und Medikamente effizienter einsetzen zu können.

Welche Rolle spielt heute noch DDT?

Meiner Meinung nach gar keine mehr. Historisch gesehen war DDT ein unglaublicher Erfolg – etwa in Sri Lanka. In den 1930er-Jahren gab es da jährlich ca. 1,5 Mio. Malariafälle. Nach Beginn der DDT-Kampagne sank diese Zahl auf ein paar Dutzend Fälle pro Jahr. Aber nur wenige Jahre später hatte die gesamte Stechmückenpopulation dort Resistenzen gegenüber DDT entwickelt. Anfang der 60er-Jahre infizierten sich jährlich wieder etwa 600  000 Menschen.

Geschieht das jetzt auch mit Pyrethroiden?

Das will ich nicht sagen! Pyrethroide werden gezielter und in geringen Mengen eingesetzt. Was ich aber sagen will: Wenn man an das Malariaproblem nur mit wenigen chemischen Komponenten angeht, sprich mit einem sehr begrenzten Waffenarsenal, steigt die Gefahr, dass das System durch Resistenzen zusammenkracht.

Wie lautet nun Ihr Plan B?

Wir wollen maßgeschneiderte Bekämpfungsmodelle für die Ökosysteme entwickeln. Was im städtischen Kontext wirkt, muss nicht im ländlichen Raum funktionieren. Was im Hochland effizient ist, muss nicht im Flachland wirken. Wir kennen schon viele Bausteine.

Können Sie ein Beispiel geben?

Im Westen Kenias werden Ziegelsteine hergestellt. Dabei entstehen Erdlöcher, die sich zur Regenzeit mit Wasser füllen – die Brutstätte Nr. 1 für Moskitos. Werfen die Leute Tilapia-Fingerlinge ins Wasser, ernähren sich diese Fische von den Larven. Für kleinere Tümpel bietet sich die Borke von Neem-Bäumen an. Daraus lösen sich geringe Mengen Azadirachtin – ein Wirkstoff, der Moskitolarven tötet. Erste Versuche sind vielversprechend.

Sie bekämpfen die Larven, also die „Kinder“ der Stechmücken!

Ja. Wir können die Larven auch mit umweltfreundlichen biologischen Präparaten bekämpfen, etwa auf Basis von Bacillus thuringiensis. Solche Mittel sind sehr effizient, haben extrem geringe Nebenwirkungen, sind aber leider ziemlich teuer. Doch wenn wir sie in den Rheinauen zur Mücken- und Schnakenbekämpfung erfolgreich einsetzen, sollten wir das auch in Afrika machen. Immerhin reden wird nicht über Baum¬woll¬erträge, sondern über Leben und Tod.

Haben Sie schon eigene Erfahrungen?

In Projekten in Kenia und Äthiopien zeigte sich, dass eine integrierte Malariabekämpfung mit Kontrolle der Larven zur dramatischen Senkung der Malariainfektionen führt. Und dieser Ansatz hat noch weitere Vorteile!

Welche?

Im östlichen Afrika übertragen Moskitos auch Krankheiten wie das Dengue-, das Rift-Valley-Fieber oder das Chikungunya-Fieber. Es gibt keine Medikamente. Umwelthygiene und Vektorbekämpfung sind die einzigen Wege, diese Krankheiten zu bekämpfen – und alle Moskitos brüten im Wasser. Zudem kriegen sie auch Verhaltensänderungen der Stechmücken in den Griff.

Verhaltensänderungen?

Ja. Die Anopheles-Weibchen brauchen ja Blutmahle für ihre Brut. Sie stechen zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens. Schlafen aber alle Menschen unter Netzen, müssen sie hungern – oder ihr Verhalten ändern! Und wir und andere Gruppen beobachten, dass Anopheles-Weibchen heutzutage oftmals früher stechen und auch außerhalb der Behausungen. Die Larven leben aber immer im Wasser.

Was haben Sie noch auf Lager?

Unsere Philosophie ist, wenn Sie ihren Feind verstehen, können Sie ihn bekämpfen. Doch wir wissen noch nicht einmal genau, wie die Stechmücken ihre Geschlechtspartner finden.

Was heißt das konkreter?

Zwei Beispiele: Wir fragen, welche Geruchsstoffe beteiligt sind, damit ein Weibchen seinen Wirt, den Menschen, findet. Schweißpartikel spielen eine Rolle wie auch Kohlendioxid. Diese Moleküle mischen wir zusammen und nutzen sie als Moskitofalle. Wir sind dabei, solch eine Mischung, die Moskitos drei- bis viermal stärker anzieht als menschlicher Geruch, zu patentieren.

Und wir wollen auch Pilze für Insekten zur Moskitobekämpfung einsetzen. Sie können diese wie ein Pyrethroid formulieren und an die Wand sprühen. Ein Moskito, das auf dieser Wand landet, kommt mit einem moskitospezifischem Pathogen in Kontakt, wird krank und stirbt.

Was sagt denn die WHO dazu?

Vor drei Jahren wurde unser Ansatz noch als irrelevant dargestellt. Das ist nicht mehr so, da die Erfolge, die in den letzten Jahren in Afrika erzielt worden sind, möglicherweise nicht nachhaltig sind. Und die Fachleute der WHO Malaria wollen ja dasselbe wie wir: die grausame Krankheit in ihre Schranken weisen.

Ich glaube, langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass der jetzige Ansatz ein unglaubliches Risiko beinhaltet, dass die Erfolge durch Resistenzen bei Malariaerregern und Mücken wegbrechen.

Was würde das für Afrika bedeuten, wird die Malaria zurückgedrängt?

Das wäre phänomenal. Viele dieser Länder sind auch deshalb arm und unterentwickelt, weil die Leute ganz oft krank sind. Und wenn sie nicht mehr krank sind, dann geht’s ihnen besser, dann fühlen sie sich besser und dann wird’s auch den Gesellschaften besser gehen, ökonomisch und anderweitig.

RALPH AHRENS

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