Arzneimittel

Neue Rheumamittel lassen hoffen

Noch immer ist Rheuma nicht heilbar. Wohl aber kann man die oft unerträglichen Schmerzen lindern – vorausgesetzt, Arzt und Patient wählen die richtige Therapie. Neue Medikamente können dabei helfen.

Rheumakranke kämpfen gegen Schmerzen und Einschränkung der Bewegungsfreiheit – und zwar ein Leben lang. „Etwa 4 Mio. Menschen sind in Deutschland chronisch rheumakrank“, so die traurige Bilanz von Silvia Wollersheim, geschäftsführende Direktorin der Deutschen Rheuma-Liga in Bonn. Berücksichtigt sie bei ihren Berechnungen jedoch sämtliche Erscheinungsformen dieser äußerst schmerzhaften Krankheit, also etwa auch leichtere Formen der Arthrose, dann kommt Wollersheim sogar auf 20 Mio. Erkrankte. Neue Wirkstoffentwicklungen sollen dem Patienten über die schlimmsten Beschwerden hinweghelfen, dennoch sind auch sie teilweise ins Gerede gekommen. Welchen Nutzen sie wirklich haben, diskutierten Experten jetzt vor der Wissenschafts-Pressekonferenz in Bonn.
Natürlich wünscht sich jeder Patient ein Medikament, das die Beschwerden im Handumdrehen wegzaubert. Doch solch ein Allheilmittel ist bis heute nicht gefunden. Stattdessen gibt es eine ganze Reihe möglicher Wirkstoffe auf dem Markt, die jedoch alle so ihre Tücken haben. „Es gibt eigentlich kein Medikament, das keine unerwünschten Nebenwirkungen hat“, erklärt dazu Dr. Dietmar Bahn von der Abteilung Consumer Care/Wissenschaft der Bayer AG. Lange Zeit war der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS), besser bekannt unter dem Markennamen Aspirin, aus seinem Hause der Renner unter den Rheumamitteln. Doch seit es neuere Medikamente auf dem Markt gibt, ist das Aspirin ins Hintertreffen geraten.
Rheumapatienten erhalten bei starken Schmerzen oft nichtsteriodale Antirheumatika (NSAR), die zwar die Schmerzen lindern, doch gleichzeitig zu schwerwiegenden Magenproblemen führen. Eine neue Studie zeigt: Einer von 1200 Patienten stirbt nach einer Behandlung mit NSAR jedes Jahr werden hierzulande immerhin fast 11 000 Patienten mit Magengeschwüren, -blutungen oder gar Magendurchbrüchen als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert. Abhilfe schaffen sollen hier jetzt sogenannte Cyclooxigenase-Hemmer (COX), die sich als äußerst magenschonend erwiesen haben.
COX nehmen den Schmerz und halten die Zerstörung der Gelenke auf, indem sie die Entzündung stoppen. Bei Arthrose-Patienten mit Schmerzen und Entzündungen ist der selektive COX-Hemmer Rofecoxib etwa genauso effektiv wie herkömmliche NSAR, ohne jedoch unerwünschte Nebenwirkungen zu zeigen. Dies haben jetzt neuere Studien bewiesen. „Eigentlich müssten sie jedem Arthrosepatienten zugute kommen, bei dem auch NSAR anschlagen“, meint Prof. Henning Zeidler aus Hannover. Ein großer Erfolg dieser Medikamente sei allein schon die Tatsache, dass die Patienten dann auf zusätzliche Medikamente zur Behandlung des angegriffenen Magens verzichten könnten.
„Damit sind auch die höheren Kosten für COX-Hemmer wieder aufgewogen“, behauptet Dr. Wolfgang Bolten, Chefarzt an der Wilhelm-Fresenius-Klinik in Wiesbaden. Zwar ist eine COX-Tagestherapie mit rund 3,20 DM fast dreimal teurer ist als die herkömmlichen Arzneien, doch kann der Rheumakranke auf die kostspielige Magen schützende Co-Medikation verzichten.
Die Vielzahl der Medikamenten ist übrigens nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Hausarzt oft verwirrend. Die Experten empfehlen deshalb dringend den Besuch beim Spezialisten. Hat dieser dann ein Medikament verschrieben, ist der Erkrankte seinerseits in der Pflicht, den Beipackzettel gründlich zu studieren.
Seit April gibt es übrigens das „Kompetenznetz Rheuma“. Sechs Forschungszentren in Berlin, Düsseldorf, Erlangen, Freiburg, Hannover und Lübeck wollen darin gemeinsam die Grundlagenforschung vorantreiben, die Zusammenarbeit der Kliniken mit niedergelassenen Ärzten verbessern und dafür sorgen, dass Forschungsergebnisse schneller patientengerecht umgesetzt werden. „Deutschland hat erstklassige Wissenschaftler, aber strukturelle Probleme. Forscher und Ärzte müssen besser zusammenarbeiten“, fordert Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatsekretär im Bundesforschungsministerium, das 25 Mio. DM für das Projekt bereitstellt. BETTINA RECKTER Bewegungstherapie: Bei vielen Rheumapatienten lindern Schwimmen und Gymnastik in wohltemperiertem Wasser einen Teil der Beschwerden.
Für die Entwicklung neuer Wirkstoffe betreibt die Pharmaindustrie auch labortechnisch einen immer größeren Aufwand.

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